Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

«Pflastersteine aus dem Boden reissen»

Der Samba steht für die Emanzipation der Schwarzen und ihrer Kultur in Brasilien. Der Bestsellerautor Paulo Lins spricht über Rhythmen, schwule Musiker und Rassismus.

Interview: Philipp Lichterbeck

Woz: Paulo Lins, könnten Sie zur Einstimmung einen Sambarhythmus anschlagen?
Paulo Lins: Aber natürlich (Lins zückt ein Feuerzeug und trommelt unter Zuhilfenahme des Metallknopfs an seinem Jackenärmel, den er abwechselnd zum Feuerzeug auf die metallene Stuhllehne schlägt, einen Rhythmus. Dazu summt er eine Melodie).

Ein tiefer Schlag für den Puls und ein paar helle zum Aufmischen, das geht mir locker von der Hand.

Ihr Buch «Die Stadt Gottes» von 1997 wurde zum Riesenerfolg. Was war so neu daran?
Noch nie hatte jemand mit dieser Direktheit und Innenansicht über die Brutalität in den Favelas geschrieben. Das Buch ist ein Roman, aber vieles darin ist authentisch. Ich habe es von Bewohnern erzählt bekommen oder selbst erlebt. Ich wuchs ja selbst in der Cidade de Deus auf, einer Favela im Westen Rio de Janeiros. Meine Eltern zogen dorthin, als ich sieben Jahre alt war.

Es heisst, Sie litten nach Ihrem Erstling unter einer Schreibblockade.
Das ist nur die halbe Wahrheit. Ich hatte jahrelang für «Die Stadt Gottes» recherchiert, aber ich rechnete damit, dass es sich in Brasilien höchstens 3000 Mal verkaufen würde. Vor allem an Universitäten, wo das Thema die Soziologen interessieren würde. Es geht ja um den Aufstieg der Drogengangs in den Favelas und die Explosion der Gewalt. Aber dann erreichten meinen Verlag schon vor der Auslieferung 60 000 Bestellungen.

Ihr Buch verkaufte sich in Brasilien mehr als 100 000 Mal. Dann kam 2002 «Cidade de Deus» als Film heraus …
… und wurde ein Welterfolg. Woraufhin auch das Buch in zwanzig Sprachen übersetzt wurde. Ich reiste viel – und trank auch viel. Dann bekam ich einen Sohn. Ich hatte gar keine Zeit, mich anderen Projekten zu widmen.

Und was ist der andere Teil der Wahrheit?
Der Erfolg hat mich erdrückt. Ich war 39 Jahre meines Lebens unbekannt, und dann wollte plötzlich alle Welt etwas von mir. Die Journalisten, die Kellner, sogar die Stewardessen fragten: «Paulo, wann schreibst du das nächste Buch?» Ich wollte ja, aber ich hatte Angst, dass ich so einen Hit nicht noch einmal hinkriegen würde.

Jetzt ist «Seit der Samba Samba ist» fertig, ein Roman über die Anfänge dieser Musik im Rio de Janeiro der zwanziger Jahre.
Mir geht es mit dem Sambabuch darum, die Emanzipation der Schwarzen und ihrer Kultur in Brasilien zu beschreiben. Brasilien schaffte die Sklaverei erst 1888 ab, als letzte Nation auf dem amerikanischen Kontinent. Doch die ehemaligen Sklaven und ihre Kinder lebten weiter am Rande. Man hatte ihnen zwar die Freiheit gegeben, aber weder Arbeit noch Rechte. Erst die Enkel fanden über die Wiederentdeckung ihrer afrikanischen Wurzeln zu neuem Selbstbewusstsein! Hier bei uns markierte die Geburt des Sambas die Geburt eines neuen Brasilien. Es war die notwendige Abgrenzung von Europa und den USA.

Welche Rolle spielte dabei der Rhythmus?
Er war und ist der Motor der Musik. Die ersten Sambistas erfanden oder entdeckten diverse Schlaginstrumente wieder: Tamburin, Pandeiro, Reco-reco, Cuica, Surdo. Die Musiker sagten sich, Blasinstrumente sind was für Franzosen, Argentinier und Portugiesen mit ihrer Heulsusenmusik. Sie holten die Rhythmen Afrikas über den Atlantik. Sie wollten die Pflastersteine aus dem Boden reissen, sie wollten alle Leiden vertreiben, sie wollten tanzend durch die Strassen ziehen.

Dabei waren der Samba und seine Instrumente verboten.
Alles, was auch nur nach Afrika roch, war Anfang des 20. Jahrhunderts in Brasilien verboten und wurde verfolgt. Musiker wurden für Wochen, Monate eingesperrt. Harmlose Instrumente wie das Tamburin wurden beschlagnahmt oder an Ort und Stelle zerstört. Man musste nur schwarz sein und ein Instrument dabeihaben, schon schikanierte die Polizei einen.

Joaquim Barbosa, oberster Richter des Landes und der erste Schwarze in solch einer Position, hat gesagt, dass es immer noch gesellschaftliche Bereiche gebe, aus denen Schwarze ausgeschlossen seien.
So ist es. Je höher man steigt, umso stärker spürt man es. Wenn ich ein teures Restaurant besuche, sind da die fragenden Blicke. Was macht der Schwarze hier? Muss ein Fussballer oder Musiker sein. Darüber reden Brasilianer nur ungern. Es gibt eine unsichtbare Mauer.

Ich bin der einzige Schwarze unter siebzig Autoren, die Brasilien auf der Frankfurter Buchmesse repräsentieren sollen. Wenn das kein Rassismus ist!

Für Ihr Sambabuch haben Sie wieder viel recherchiert. Sie schreiben, der moderne Samba habe einen konkreten Geburtsort und eine Zeit gehabt.
Es passierte in den zwanziger Jahren in Estácio, einem Stadtteil im alten Zentrum Rios zwischen Hafen, Rotlichtviertel und der heutigen Favela São Carlos. Man nannte die Gegend auch «Pequena Àfrica», kleines Afrika. Die Geburtshelferinnen des Sambas waren die «tias», die Tanten: schwarze Priesterinnen aus Bahia im Nordosten Brasiliens. Sie hielten in ihren Häusern Zeremonien der afrobrasilianischen Religionen Candomblé und Umbanda ab. Es war ein grosser kultureller Synkretismus im Gange. Auch weil Rio nach dem Ersten Weltkrieg einen Einwanderungsschub aus Europa erlebte.

Candomblé und Umbanda waren sicher auch verboten?
Klar, aber weil die «tias» hoch angesehen waren, musste der Staat sich mit ihnen arrangieren. Auf ihren Feiern, die tagelang dauern konnten, gab es auch Speisen aus dem Nordosten. Und man trank viel: Aluá, Xequetê und Cachaça.

Was waren das für Männer, die den Samba erfanden?
Sie entstammten einfachen, armen Familien, hatten aber im Gegensatz zu ihren Eltern schon Bildung genossen. Ismael Silva, der für mich der Schöpfer des modernen Sambas ist, war ein herausragender Schüler. Andere waren Spieler, Träumer, Hurenböcke, Capoeirakämpfer, das, was man im Portugiesischen «malandros» nennt. Vergnügungen suchende Bohémiens mit schlechten Angewohnheiten: Betrügereien, Diebstähle, Prügeleien.

Der Ismael Silva in Ihrem Buch ist schwul und leidet unter Syphilis.
Das hat mir in Brasilien scharfe Kritik eingetragen. Doch es ist keine Erfindung von mir, sondern stimmt. Aber natürlich, in einem homophoben Land wie Brasilien darf der Begründer des Sambas nicht schwul sein.

Beim Begriff «Samba» denken viele zuerst an halb nackte Frauen, die mit Po und Brüsten wackeln …
… klar, Brasilien ist zum Sehnsuchtsort für hüftsteife Europäer geworden.

Laut Ihnen stammt der erste moderne Samba von Ismael Silva: «Me faz carinhos» (Sei zärtlich zu mir).
Silva schrieb ihn 1925 mit nur zwanzig Jahren. Richtig bekannt wurde er aber erst, als der berühmte weisse Sänger Francisco Alves alle Rechte am Lied kaufte und es auf Platte aufnahm. Silvas Name durfte nirgendwo mehr auftauchen.

Und Silva nahm das hin?
Silva war glücklich, dass jetzt ganz Rio sein Lied kannte. Später entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Silva und Alves.

Heute ist Rios Karneval voll kommerzialisiert. Viele Menschen können sich ihn nicht mehr leisten. Das hat nichts mehr mit der Welt zu tun, die Sie beschreiben.
Man muss unterscheiden. Der Samba ist lebendig: in den Stadtquartieren, auf der Strasse, in den Bars, in den Familien, wo auch immer Leute mit Gitarren und Trommeln zusammenkommen. Die Sambaschulen sind wie der Vatikan, aber die Religion wird im Alltag gelebt.

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