Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Die guten Jahre sind vorbei

Argentinien geht es wirtschaftlich nicht schlechter als anderen südamerikanischen Staaten. Zu schaffen macht dem Land in erster Linie die Inflation.

Von Jürgen Vogt, Buenos Aires

«Zahlungsunfähig ist, wer seine Schulden nicht bezahlt, und Argentinien bezahlt seine Schulden.» Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner lässt an der Solvenz ihres Lands keinen Zweifel – und das, obschon internationale Ratingagenturen das Land nach dem 30. Juli auf «partiell zahlungsunfähig» herabgestuft haben.

Im Juni hatte ein New Yorker Richter Argentinien dazu verurteilt, einigen Hedgefonds die volle Summe ihrer Forderungen plus Zinsen auszuzahlen. Argentinien weigerte sich jedoch, worauf der Richter die Tilgung von Forderungen anderer Gläubiger in Höhe von 539 Millionen US-Dollar blockierte. Nachdem am 30. Juli die letzte Frist für die Rückzahlung dieser Forderungen abgelaufen war und die GläubigerInnen die bereitgestellten Gelder nicht erhalten hatten, wurde Argentinien das Etikett der teilweisen Zahlungsunfähigkeit verpasst.

Wegen einer halben Milliarde

Die Finanzmärkte kümmerte das vorerst wenig. Der Aktienindex an der Börse von Buenos Aires sank am Montag um vernachlässigbare 0,1 Prozent. Der US-Dollar verbilligte sich auf dem Schwarzmarkt nur um dreissig Centavos (rund 0,04 US-Dollar). Und das von der US-amerikanischen Bank J. P. Morgan errechnete Länderrisiko für argentinische Schuldscheine hatte zwei Tage vor der proklamierten Zahlungsunfähigkeit bei 707 Punkten gelegen und stieg danach lediglich auf 722 Punkte.

Als Erfolg kann Argentiniens Regierung zudem die Absenkung der Schuldenquote verbuchen, die die Staatsverschuldung in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bemisst. Lag der Wert nach offiziellen Angaben 2003 bei 140 Prozent, so verringerte er sich 2013 auf 45,6 Prozent. 2014 errechnete der Internationale Währungsfonds für Argentinien eine Schuldenquote von 53 Prozent. Im Vergleich dazu: Die Schweiz hat eine Schuldenquote von 48, Brasilien von 67, Frankreich von 96, die USA von 105, Italien von 148 und Japan von 244 Prozent.

Dass sich nun vier grosse Privatbanken mit den renitenten Hedgefonds auf einen Deal einigen könnten, der den New Yorker Richter dazu bringt, die blockierten Zahlungen doch noch freizugeben und damit den vorherigen Zustand wiederherzustellen, stimmt optimistisch.

Ohnehin erscheint es absurd, einem Staat, der mit rund 250 Milliarden US-Dollar im In- und Ausland in der Kreide steht, wegen einer halben Milliarde (die zudem auf einer New Yorker Bank zur Auszahlung bereitliegt) für zahlungsunfähig zu erklären.

Diesmal gibts kein Chaos

Auf der anderen Seite ist es dem argentinischen Staat auch zwölf Jahre nach der grossen Pleite nicht gelungen, auch nur einen Teil seines Schuldenbergs in absoluten Zahlen abzutragen. Ganz im Gegenteil: Die Staatsschuld wächst weiter an. Für argentinische MenschenrechtlerInnen wie den Friedensnobelpreisträger Adolfo Pérez Esquivel oder die Präsidentin der Mütter der Plaza de Mayo Línea Fundadora, Nora Cortiñas, ist die Verschuldung schon längst nicht mehr «handhabbar». «Argentinien hat seit dem Jahr 2003 nicht weniger als 173 Milliarden Dollar an Forderungen und Zinsen gezahlt. Dennoch ist die Verschuldung von 144 Milliarden Dollar im Jahr 2002 auf gegenwärtig 240 Milliarden Dollar angestiegen», heisst es in einem Mitte Juli veröffentlichten Aufruf der Organisation von Nora Cortiñas. Alle Umschuldungsverhandlungen seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1983 hätten nicht zu einer Lösung der Verschuldungskrise geführt, so die UnterzeichnerInnen.

Anders als beim Crash 2001/02 wird das Land diesmal aber nicht im Chaos versinken. Damals rutschte rund die Hälfte der argentinischen Bevölkerung unter die Armutsgrenze; eine Interimsregierung erklärte den Staatsbankrott und stellte die Schuldentilgungen ein. Seither kann sich Argentinien auf den internationalen Finanzmärkten kaum mehr Geld besorgen.

Der wirkliche Einbruch in der argentinischen Wirtschaft liegt drei Jahre zurück. 2011 wuchs, so die Cepal, die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, die argentinische Wirtschaft noch um 8,6 Prozent, 2012 ging das Wachstum auf 0,9 Prozent zurück. 2013, das lassen vorliegende Zahlen vermuten, stieg Argentiniens BIP wieder. Doch das war nur eine kurze Erholung: Nach den am Montag von Cepal veröffentlichten Zahlen steigt das BIP Argentiniens dieses Jahr um lediglich 0,2 Prozent. Die Inflation ist mit geschätzten jährlich dreissig Prozent eine der höchsten der Welt.

Allerdings wird 2014 selbst das BIP Brasiliens, der mit Abstand stärksten Wirtschaftsmacht auf dem Subkontinent, um nur 1,4 Prozent zulegen. Die guten Jahre scheinen damit nicht nur in Argentinien vorerst vorbei zu sein.

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