Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Diese glühende Beschreibung der Sehnsucht

Bloss weg aus Deutschland! In der Vorgeschichte zu seinem grossen «Heimat»-Zyklus zeigt Filmemacher Edgar Reitz, wie auf dem Boden der Armut der Traum von einer «neuen Welt» wächst.

Von Barbara Schweizerhof

Über Sequels, Prequels und Neustarts populärer Filmreihen wird oft die Nase gerümpft. Zu offensichtlich ist oft die Absicht dabei, ein und dieselbe Idee wieder und wieder zu verkaufen. Edgar Reitz’ «Heimat»-Filme belehren uns da eines Besseren. Eine Fortsetzung oder eine Vorgeschichte kann nicht nur eine beglückende Sache sein, weil sie dem Publikum die Wiederbegegnung mit etwas Vertrautem bietet. Nein, im Idealfall schafft sie Perspektiven, die das Verständnis des Vorangegangenen noch vertiefen und intensivieren.

Man kann die Sache also ruhig beim Namen nennen: Mit «Die andere Heimat» hat Reitz ein waschechtes Prequel zu seiner «Heimat»-Serie geschaffen, in der er die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der Leute in einem fiktiven Dorf im Hunsrück spiegelte. Für «Die andere Heimat» nun geht er zurück ins 19. Jahrhundert, genauer in die Jahre 1842/43. Zentrum der Handlung ist immer noch Schabbach im Hunsrück, und im Mittelpunkt steht wieder die Familie Simon, ganz wie in der ursprünglichen «Heimat» von 1984. Mehr noch: Marita Breuer, die damals die Maria Simon spielte, die Mutter des Hermännsche, der in «Die zweite Heimat» (1992) zum Protagonisten wurde, spielt hier Margarethe Simon, die Mutter des erzählenden Jakob Simon. Und in der Simon-Schmiede, ebenfalls ein vertrauter Ort der Serie, wird so tüchtig wie nie gearbeitet.

Kalte Winter, schlechte Ernten

Damit hat es sich aber auch schon an Überlappungen. Reitz und sein Koautor Gert Heidenreich tappen nicht in die Falle, ihre Figuren mit ahnungsvollen Hinweisen auf ihre Nachfahren im 20. Jahrhundert zu beschweren. Wie bei kaum einem Prequel sonst lässt sich «Die andere Heimat» deshalb auch ganz ohne Kenntnis der früheren Episoden schauen. Da sieht man sich also in ein ärmliches deutsches Dorf im Hunsrück zur Zeit des sogenannten Vormärz versetzt. Unzufriedenheit und die Erwartung grosser Veränderungen liegen in der Luft. Am Horizont ziehen hoch bepackte Wagen mit AuswanderInnen die Strassen entlang, eine Art sporadische, stumme Prozession der Hoffnung auf eine «neue Welt». Der junge Jakob (Jan Dieter Schneider) schaut ihnen sehnsüchtig nach. Auch er träumt von fernen Landen wie dem brasilianischen Regenwald. Er beginnt, Tagebuch zu schreiben «aus Anlass der Stimme seines Herzens, die Welt sehen zu wollen».

Immer wieder wird man im Film diese Prozession der AuswanderInnen mit ihren schwarzen Hüten und den bepackten Planwagen sehen; sie wirkt wie eine Melodie im Hintergrund, die jene Stimmung setzt, die der Untertitel des Films angibt: «Chronik einer Sehnsucht». Jakob, der Tagebuchschreiber, Bücherwurm und Träumer, ist das Subjekt dieser Sehnsucht, und doch muss er erleben, dass es anderen, wie etwa seinem praktisch veranlagten Bruder Gustav (Maximilian Scheidt), eher gelingt, sie sich zu erfüllen.

Über vier Stunden hinweg schildert Reitz in plastischem Schwarz-Weiss die Zustände in einem Land, aus dem so viele rauswollen. Da sind die patriarchalen Strukturen, die sichtbar werden, wenn Vater Simon seinen Sohn dafür verprügelt, dass dieser lieber Bücher liest, als Kartoffeln zu ernten. Und da ist die Kleingeistigkeit jener, die eine Ehe zwischen einer Protestantin wie Jakobs Schwester Lena und einem Katholiken nicht anerkennen wollen. Da ist die Willkür der Obrigkeit, die mal Geschenke macht und mal brutal Unschuldige verhaftet wegen angeblichen «Aufwiegelns». Und da sind vor allem kalte Winter, schlechte Ernten, bittere Armut und viel zu viele früh sterbende Kinder. «Viele, die abends noch zögerten, wachen am Morgen schon mit dem Gedanken auf, ihre Wurzeln zu vergessen und dem Ruf der Zeit zu folgen», beschreibt Jakob die Stimmung in seinem Tagebuch. Er macht sich lustig über die, die mit ihrem Werkzeug, ihren «Betten und ihren Nachttöpfen» nach Brasilien aufbrechen. So machen sie, findet er, das neue Land nur zum Abbild der Not, dabei solle es doch das «Abbild der Träume» sein!

Irrlichter der kommenden Moderne

Reitz gelingt es, ebendiese «Betten und Nachttöpfe», den beschwerlichen, von tausenderlei Handgriffen geprägten Alltag der DorfbewohnerInnen präzise zu inszenieren. Dabei bewegt sich Gernot Rolls Kamera behände und doch nie eilig durch Gassen und Flure, über Wiesen und Wege. Die Hauptfiguren agieren vor dem Hintergrund von StatistInnen (als Alexander von Humboldt hat unter anderem Werner Herzog einen markanten Kurzauftritt). Niemand steht je still, darin ist der Film ein Abbild einer Zeit, als ein Tagewerk aus unablässiger körperlicher Arbeit bestand. Die Massenszenen sind Laienspiel im besten Sinn: ein sinnliches Fest für das Publikum, das sich mitten hinein in das fiktionale Schabbach versetzt sieht. Die Bilder rollen regelrecht, schwenken von einer Panoramasicht zu einer Nahaufnahme und wieder zurück; das Schwarz-Weiss hat eine Tiefenschärfe, die wie 3D wirkt. An wenigen ausgesuchten Stellen setzt Reitz etwas in Farbe, ein rot glühendes Hufeisen, blaue Kornblumen – Irrlichter der kommenden Moderne.

Und darin erkennt man auch die Methode eines beispiellosen filmischen Werks wieder: in dieser einmalig intensiven Sehnsuchtsbeschreibung, die das grosse Zeitgefühl in die gewöhnlichen Küchen und Stuben bringt.

«Die andere Heimat» läuft im Kino Kunstmuseum in Bern, ab Donnerstag, 28. August 2014, im Filmpodium Zürich (am Samstag, 13. September 2014, in Anwesenheit des Regisseurs) und ab Sonntag, 14. September 2014, im Stattkino Luzern (am 14. September in Anwesenheit des Regisseurs).

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