Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

Verfangen im eigenen Leben

Daheim in Dänemark ist Nils Malmros schon lange eine prägende Figur des Autorenfilms, doch das dänische Filmwunder hat dann ohne ihn stattgefunden. Nun ist er am Bildrausch-Festival in Basel zu entdecken.

Von Florian Keller

Kleine Machtmenschen unter sich: «Tree of Knowledge» mit Line Arlien-Söberg (ganz links), die später in «Beauty and the Beast» (Bild weiter unten) die Eifersucht des Vaters provoziert.

Der dänische Kollege machte ein verdriessliches Gesicht. Es war an der Berlinale, nach einem schnell vergessenen Interview mit irgendeinem Star, und nun teilten wir uns ein Taxi zurück zum Potsdamer Platz. Ein bisschen Zeit für bilateralen Small Talk zum Stand der nationalen Filmkultur. Dänemark: kleines Land, grosses Kino. So stellt man sich das ja vor in der Schweiz, seit es hier zum filmpolitischen Ritual geworden ist, sehnsüchtig nach Dänemark zu schielen, wo der Staat viel mehr Geld in die Filmförderung steckt.

Der dänische Kritiker wollte davon jedoch nichts wissen: «Das dänische Kino ist stecken geblieben», sagte er grimmig. Seine Landsleute hätten sich zu bequem eingerichtet in diesem ewigen bürgerlichen Realismus. Viel mehr sagte der Kollege dann nicht mehr, die Fahrt war kurz.

Ob er damit auch Nils Malmros gemeint hat? Der wäre dann nämlich der heimliche Vater der ganzen Malaise, auch wenn man ihn ausserhalb seiner Heimat kaum kennt. Malmros, geboren 1944 in Aarhus, wo fast alle seine Filme angesiedelt sind, gilt erstens als Pionier des bürgerlichen Realismus, der das dänische Kino spätestens seit Thomas Vinterbergs «Festen» (1998) zum Exportartikel machte. Zweitens trifft auch der andere Vorwurf auf ihn zu: dass er irgendwie stecken geblieben ist. Und zwar immer wieder. Man könnte es sein ästhetisches Programm nennen: Fast mit jedem neuen Film bleibt Nils Malmros am eigenen Leben hängen, verfängt sich in seinen Erinnerungen an Kindheit und Pubertät, hängt einer Jugendliebe oder anderen verpassten Gelegenheiten nach. Selbst aus der unaussprechlichen Tragödie, die später seiner Familie widerfährt, sollte er zuletzt einen Film machen. Als ob der Schrecken dieser Untat nur so zu bannen wäre, dass er ihn fürs Kino aufbereitet. Doch dazu später.

Immer wieder Truffaut

Wir haben es hier mit einem Chirurgen zu tun, und das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint, als Hinweis auf die Präzision seiner Filmkunst. Nils Malmros ist ausgebildeter Mediziner, weil schon sein Vater einer war. Als Regisseur ist er Autodidakt, seine Filme drehte er neben seiner Arbeit als Arzt. Sein Erweckungserlebnis im Kino hatte der Doktor, als er François Truffauts «Jules et Jim» sah, und die Ergriffenheit hält offenbar immer noch an: Jeder seiner Filme, so sagte Malmros vor wenigen Jahren in einem Interview, sei für ihn bloss ein weiterer Versuch, seine eigene Version von «Jules et Jim» zu drehen.

Am nächsten ist er diesem Vorhaben in «Tree of Knowledge» (1981) gekommen. Wie so oft beschwört Malmros hier das Klima seiner Jugend herauf, einer Zeit, als Ohrfeigen im Schulzimmer noch zum Curriculum gehörten und die Pärchen auf dem Klassenfest sich in die Dunkelheit ducken mussten, wenn sie einen ersten Kuss erhaschen wollten. Der Film spielt im Herbst 1958, die gesellschaftlichen Umbrüche der Sixties sind noch etwas mehr als einen Augenaufschlag entfernt, und die Buben und Mädchen, in deren Kreis die Kamera sich bewegt, sind alle so alt, wie Nils Malmros selber damals war. Keine Kinder mehr, aber auch noch lange nicht erwachsen.

Line Arlien-Söberg in «Beauty and the Beast».

Wer sich im Kino an dramatischen Wendepunkten erfreut, kann hier lange warten. Was wir sehen, sind Vignetten aus dem Schulalltag, die sich allmählich zu einem ganzen sozialen Kosmos von Sehnsucht und Zurückweisung, von Macht und Abgrenzung auffächern. Biologie und Schwimmen, Deutsch und Singen, Klassenlager und Pausenplatz: So gleitet Malmros wie nebenbei durch die Gravitationsfelder der Pubertät, von einem Gesicht zum nächsten, und keines ist wichtiger als das andere in diesem Ensemble aus Jugendlichen. Eine Ohrfeige beim Tanz, ein erzwungener Blick zwischen die Beine, ein heftiger kurzer Clinch auf dem Klo: Sonst ist da nichts, was auf den dramatischen Effekt angelegt wäre. Und weil scheinbar nichts passiert, passiert alles dazwischen, in den Blicken und den kleinen Gesten.

Das Flirren der Adoleszenz

Fast unmerklich nimmt dabei doch ein Drama seinen Lauf. Keine Tragödie, eher das alltägliche, todernste Spiel aus Eifersucht und Ausschluss, das seine Opfer fordert. Da ist Elin, das jüdische Mädchen, das alle mögen und das auch die Sehnsucht der Jungs weckt. Und da ist Mona, die Unsichtbare, die allen irgendwie lästig ist und die man darum lange kaum wahrnimmt im Film. Am Ende haben sie ihre Rollen getauscht, und darin besteht dann der eigentliche Verlust der Unschuld, auf den der biblische Titel des Films verweist: dass die Jugendlichen erfolgreich die Mikrotechniken der Macht erprobt haben, mit denen sie ausgrenzen können, wer ihnen gerade nicht passt.

«Kundskabens Træ», so der dänische Originaltitel von «Tree of Knowledge», ist ein unscheinbares Wunder: ein Film wie eine soziologische Feldstudie über wechselnde Allianzen im Klassenverbund – und gleichzeitig ein Stimmungsreigen, der in meisterhafter Beiläufigkeit das atmosphärische Flirren der Adoleszenz einfängt. Von diesem Zauber hat sich offenbar auch der Regisseur anstecken lassen. Jedenfalls holt er einen Teil seines jugendlichen Ensembles gleich wieder vor die Kamera, als er seinen nächsten Film dreht, über einen Vater, den das sexuelle Erwachen der Tochter in die Eifersucht treibt («Beauty and the Beast», 1983). Und abseits des Filmsets, dort, wo für den Regisseur das wirkliche Leben spielen würde, bahnt sich unterdessen die Katastrophe an, über die Malmros dreissig Jahre später wiederum einen Film drehen sollte – seinen letzten, wie er erklärt hat.

«Sorrow and Joy» (2013) heisst dieser Film über einen Regisseur, der eines Nachts von einem Vortrag nach Hause kommt, doch daheim sitzen nur die Schwiegereltern auf dem Sofa, vor ihnen das leere Laufgitter. Die Ehefrau ist fort, abgeführt von der Polizei, das gemeinsame Baby ist tot. Die Mutter hat ihm in einem psychotischen Anfall mit einem Messer den Hals aufgeschlitzt.

Die Liebe zu einer Mörderin

Kann man darüber einen Spielfilm drehen, wenn es sich um die eigene Frau, das eigene Kind gehandelt hat? Malmros sagt, er habe diesen Film auf die Bitte seiner Frau hin gemacht. Weil er schliesslich sein Leben lang autobiografisches Kino gemacht habe. Und das ist es denn auch, was an diesem Film so befremdlich wirkt: sein versöhnlicher Ton. «Sorrow and Joy» handelt zwar von Fassungslosigkeit und Trauer angesichts dieser unfassbaren Tat. Aber eigentlich ist das ein Film über die Liebe. Und über das ungeheuerliche Glück, das aus dem Verlust keimt: Denn das, was diese junge Familie im Innersten zerreisst, bindet die Eltern, als sie keine mehr sind, auf Dauer umso enger zusammen.

Die Tat selber sehen wir nicht, sie bleibt im Film eine Leerstelle. Anders, sagt Malmros, hätte er das seiner Frau nicht zumuten können. Der Regisseur im Film heisst zwar Johannes und wird gespielt von Jakob Cedergren. Aber sonst macht Nils Malmros gar keine Anstalten, sein Alter Ego zu verschlüsseln. Er rekonstruiert sogar einzelne Szenen aus seinen damaligen Filmen, um den Regisseur, also sich selbst, bei der Arbeit auf dem Set zu zeigen.

Wie er fast jeden Film aus seiner eigenen Biografie entwickelt und dabei immer wieder die Jahre seiner Jugend beschwört, könnte man Nils Malmros den Marcel Proust des dänischen Kinos nennen, stets von neuem auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Wie im Film «Aching Hearts» (2009), in dem eine Schülerin einen Dichter auf Proust anspricht. Er antwortet ihr mit einem berühmten Satz von Henrik Ibsen aus einem Brief an Max Horkheimer: «Glück wird aus Verlust geboren, ewig ist nur, was verloren.» Der Satz könnte als Motto über jedem Film von Nils Malmros stehen. Und über seinem Leben sowieso.

4. Bildrausch-Festival in Basel

Bloss keine künstliche Aufregung!

Je älter die Männer, desto länger werden ihre Filme? So jedenfalls siehts aus, wenn man die Spezialvorführungen am 4. Bildrausch-Festival durchgeht. Da ist der Russe Alexej German (1938–2013), gestorben mit 74 Jahren, während er noch an seinem Mammutwerk «Hard to Be a God» arbeitete. Dauer: 170 Minuten. Da ist Edgar Reitz (81) mit «Die andere Heimat», jüngst dreifach ausgezeichnet beim Deutschen Filmpreis. Dauer: 225 Minuten. Und da ist Frederick Wiseman (84) mit seiner dokumentarischen Studie «At Berkeley». Dauer: 245 Minuten.

Aber alte Männer hin oder her: Vor allem sind das Filme, die an internationalen Festivals für Furore sorgten und es in der Schweiz trotzdem nirgends regulär ins Kino schaffen. Wie eben «Hard to Be a God», nach einem Roman der Gebrüder Strugazki. Das ist ein Film, so anstrengend wie visionär, eine epische Schmutzorgie in glänzendem Schwarzweiss, angesiedelt auf einem fernen Planeten, wo die Menschen wie in einem ewigen Mittelalter leben, das sich nie in den Humanismus retten wird. Die Dreharbeiten dauerten sieben Jahre. Danach war Regisseur German bis zu seinem Tod nochmals sieben Jahre mit der Postproduktion beschäftigt. Seine Witwe Svetlana Karmalita, die das Werk mit ihrem Sohn Alexej German jr. zu Ende brachte, wird den Film in Basel vorstellen.

Den grösstmöglichen Kontrast dazu findet man im Wettbewerb. Zum Beispiel beim Deutschen Max Linz mit seiner wahnsinnig komischen kulturpolitischen Farce «Ich will mich nicht künstlich aufregen». Die ist nur 83 Minuten kurz, aber der Regisseur ist ja auch erst 29 Jahre alt. Der Film: Sterile Figuren bewegen sich wie ferngesteuert durchs Berliner Kunstprekariat und reden wie Automaten, die man mit Theorie gefüttert hat. Intellektuelle Onanie ist das, aber grossartig, weil sie getrieben wird von der Wut auf die VerwalterInnen in den verschiedenen Apparaten der Kulturförderung.

Das ist nur einer von insgesamt dreizehn Filmen im Wettbewerb, in dem auch der chilenische Kultregisseur Alejandro Jodorowsky mit seinem ersten Film seit über zwanzig Jahren vertreten ist («La danza de la realidad»). Ebenfalls im Wettbewerb steht der Film, der den Basler Bildrausch am 28. Mai eröffnen wird: «Das grosse Museum», eine überraschend witzige Innenschau des Kunsthistorischen Museums in Wien, das von Regisseur Johannes Holzhausen bis in seine verborgensten Winkel ausgeleuchtet wird.

Florian Keller

28. Mai bis 1. Juni 2014. 
www.bildrausch-basel.ch

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