Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Fremdgehen nach Simenon

Von Catherine Silberschmidt

Der Schauspieler und Regisseur Mathieu Amalric hat in «La Chambre bleue», seinem fünften Spielfilm, den gleichnamigen Kriminalroman von Georges Simenon aus dem Jahr 1963 adaptiert, ein Drama um Ehebruch und Mord, das seinen Anfang im blau tapezierten Zimmer eines Provinzhotels nimmt. Dort ist ein Paar akustisch und visuell sehr leidenschaftlich vereint. Esther ist Apothekerin und mit einem älteren, kränklichen Mann verheiratet; Julien, erfolgreicher Verkäufer landwirtschaftlicher Maschinen, lebt in einer harmonisch anmutenden Kleinfamilie. Ob er sich ein Leben mit ihr vorstellen könne, fragt Esther mehr beiläufig den nichts ahnenden Julien nach dem Liebesakt. Das ehebrecherische Paar wird gespielt von Mathieu Amalric und seiner Lebenspartnerin, der Theaterregisseurin Stéphanie Cléau. Die beiden haben auch das Drehbuch zusammen geschrieben, doch im Film erscheint das Paar erst wieder am Ende vereint im Bild. In einem Gerichtssaal, blau wie das Hotelzimmer, werden sie wegen Doppelmord zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Steht in der atmosphärisch dichten Romanvorlage das komplexe Verhältnis von sexueller Ausschweifung und Schuld im kleinstädtischen Milieu im Vordergrund, so reduziert Amalric die Handlung auf den Indizienprozess, in dem Julien verhört und begutachtet wird. Durch die mosaikartige Erzählstruktur erscheint das Vorgefallene fragmentarisch in Flashbacks als Erinnerung des Angeklagten, der in seiner fast kindlichen Naivität wie ein schuldunfähiger Softie wirkt, der in die Fänge seiner sich zunehmend dämonisch gebärdenden Geliebten gerät. Es ist Amalrics subtiles Spiel des Nichtbeteiligtseins, das «La Chambre bleue» sehenswert macht. Zu schematisch wirken dagegen die inszenierten Gegensätze zwischen heiss und kalt, zwischen rot (Blut und Leidenschaft) und blau wie das Hotelzimmer und der Gerichtssaal. Die beunruhigende Erotik, der psychologische Subtext der Romanvorlage fehlen im Film, und dies kann auch Amalrics intensive Präsenz auf der Leinwand nicht wettmachen.

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