Nr. 35/2014 vom 28.08.2014

Nostalgie ist nicht zu ertragen, Militanz muss sein

Genug von Befindlichkeit und Selbstauflösung: Drei deutsche Bands brechen mit dem distanzierten Gestus der Hamburger Schule. Trümmer, Die Nerven und Chuckamuck sind wütend, kaputt und politisch.

Von Timo Posselt

«Wir checken oft selbst nicht, was wir da geschrieben haben, oder erst viel später»: Die Nerven (Max Rieger, Kevin Kuhn und Julian Knoth). Foto: Oliver Wolff

Die Älteren werden nicht müde: Tocotronic haben kürzlich die Aufnahmen zu ihrem elften Studioalbum abgeschlossen, und nach siebenjähriger Pause melden sich auch ihre Hamburger-Schule-Kollegen von Blumfeld zurück. Mit dem internationalen Quasimonopolisten Eventim als Veranstalter und dem nostalgischen Begleitdiskurs der Musikzeitschrift «Spex» im Rücken kehren sie zum zwanzigjährigen Jubiläum ihres Albums «L’État Et Moi» für ein paar Konzerte auf die Bühne zurück – in Urbesetzung. Ein Comeback, wie man es eigentlich eher von abgehalfterten Superstars in Geldnot als von Indie-Idolen kennt.

Klarheit ohne Kitsch

Die meisten der Bands, die einst den sogenannten Diskursrock geprägt hatten, flüchteten sich auf ihren letzten Alben in die Distanz. Allen voran Tocotronic, die sich nicht mehr mit der alltäglichen Verweigerung, sondern mit der sprachlichen Selbstauflösung beschäftigten: «Wie wir leben wollen» lautete der sprechende Titel ihres letzten Albums, und das war mehr als Frage denn als Deklaration gemeint. Drei junge Bands geben nun eine Antwort: Wütend, kaputt, politisch.

Bei der Hamburger Band Trümmer lesen sich schon die Songtitel wie Parolen zum Strassenkampf: «Schutt und Asche», «Revolte» und «Strassen voller Schmutz». Trümmer singen von der täglichen Angst der Verdrängung aus St. Pauli, ihrem Hamburger Heimathafen – doch hinter den rebellischen Slogans liegt die Ahnung, dass man selbst auch Teil oder zumindest ein Rädchen im System der schleichenden Eventisierung und des Ausverkaufs der ehemaligen Halbwelt ist. So heisst es in «1000. Zigarette», angelehnt an Ai Weiwei: «Ich will alles bekämpfen / Und steh mir selbst im Weg / If you want to fuck the system / You have to fuck yourself.» An Militanz fehlt es dem Sänger von Trümmer, Paul Pötsch, dennoch nicht. Anfang des Sommers ist sein Mietvertrag ausgelaufen, seither wartet er auf die Räumungsklage. Eine «stumme Besetzung» nennt Pötsch seinen Protest im Gespräch mit der WOZ. Doch stumm wird es nicht bleiben, sobald die Klage da ist: «Dann werden wir Bands einladen und gegen die Räumung anspielen.»

Trümmer beziehen sich auf Vorbilder wie Ton Steine Scherben und The Clash, bekannt für ihre direkten Ansagen. «In den letzten zwanzig Jahren mangelte es vielen deutschsprachigen Bands an Bewusstsein für das, was nicht Befindlichkeit ist. Es ist wieder an der Zeit, für etwas einzustehen», sagt Pötsch. Doch mit den deutschsprachigen Texten bürde man sich auch Probleme auf: «Es ist sehr schwer, Klarheit herzustellen, ohne dabei peinlich, kitschig oder ‹befindlich› zu klingen.» Auf ihrem Debütalbum gelingt das der Band sehr gut. Trotz der Popanleihen bleibt die Grundhaltung angriffig, getreu dem Merksatz: «Nostalgie ist prinzipiell nicht zu ertragen.»

Flucht ist keine Option

Keinen Nerv für eine Versöhnung mit den Verhältnissen haben auch drei junge Männer aus dem konservativen Süden der Republik, auch sie mit sprechendem Namen: Die Nerven. Dabei klingt der Sound dieser Schwaben um einiges zertrümmerter als bei ihren nördlichen Kollegen. Aufgewachsen sind sie in verschieden Vororten von Stuttgart, dieser «Spiesserstadt», wie sie Max Rieger und Julian Knoth gegenüber der WOZ nennen. «Furchtbar eng» soll es da sein, trotzdem wolle man nicht weg: «Hier gibt es nichts. Willst du auftreten, musst du es selbst organisieren.» Setze man sich hingegen in ein gemachtes Nest wie Berlin, «dann kann es nur nach innen gehen», sagt Rieger und klingt dabei wie ein Echo auf Pötsch. Angesprochen auf die Wut in ihren Songs, spuckt Knoth das Wort Work-Life-Balance aus: «Unserer Generation wird mehr denn je vorgegaukelt, dass wir so viel Freizeit haben. Das verschleiert jedoch nur, dass wir alle viel zu viel arbeiten.»

Die Enge im Agglo-Bauspar-Brei

Die Wut kommt instinktiv aus ihnen heraus, und so schreiben Die Nerven auch ihre Texte: «Wir checken oft selbst nicht, was wir da geschrieben haben, oder erst viel später.» Sie sammeln Gedankenfetzen ein und pressen diese dann in eine Form. Soeben haben sie erste Demos für ihr nächstes Album aufgenommen. Musik machen geht bei Die Nerven «ruck, zuck»: Jeder hat ein Notizbuch, sein Instrument, dann wird ausprobiert und aufgenommen. Auf Tour lassen sie sich vertraglich absichern, dass die Schallobergrenze in den Clubs mindestens 110 Dezibel sein darf – das ist doppelt so laut, wie das Schweizer Gesetz erlaubt.

Das zweite Album von Die Nerven soll nächstes Jahr erscheinen, bis dahin bleibt der wütende Vorgänger «Fun». Mit unheimlicher Dringlichkeit besingen die drei «alternativelosen Hanseln», wie sie sich selber bezeichnen, die alltägliche Enge im mittelständischen Agglo-Bauspar-Brei. Im Song «Hörst du mir zu» heisst es: «Das ist immer noch dein Leben / Auch wenn du selbst nicht mehr entscheidest.» Schärfer kann man die (linke) Gemütlichkeit in den neoliberalen Widersprüchen nicht ins Visier nehmen. Von der Popaffinität von Trümmer fehlt bei Die Nerven jede Spur. Immer wieder brechen sie in verzerrte Wutanfälle aus. Gemütlich ist hier nichts, der Gesang von Julian Knoth und Max Rieger kippt streckenweise in Geschrei. Flucht ist keine Option. Schon auf ihrem Debüt «Fluidum» sangen sie in Richtung Berlin, an die Adresse der vielen aus ihrer Generation, die die Enge der Vororte für das konsensuelle Leben in der Metropole tauschten: «Andere Städte ändern nichts an deinen Komplexen / Irgendwann geht’s zurück.»

Aus der genannten Metropole meldet sich mit Chuckamuck eine Band, die im Gestus von Punk auf Verweigerung statt auf Empörung und Wut setzt. Auf ihrer neuen EP «Im Knast» singen sie mit verspieltem Humor und teilweise herrlich nölendem Gesang von Drogenräuschen, Selbstzerstörung und der pubertären Lust auf «mittelalte Frauen», wie es im Song «Koyote» heisst. Chuckamuck knüpfen damit lose an deutschsprachige Punkbands wie Slime oder Terrorgruppe an. Jeder Song ist ein kleine, tanzbare Geschichte vom Driften im Kiez. Klingt apolitisch, aber in Zeiten des neoliberalen Verwertungszwangs ist eine solche Verweigerung immer auch Provokation.

Trümmer, Die Nerven und Chuckamuck sind keine Bewegung. Zu unterschiedlich sind sie in ihren Texten, ihrem Sound, ihrem Zugriff. Dennoch sorgen sie im deutschsprachigen Popkanon für frischen Wind. Wobei Die Nerven im Video zu ihrem Song «Angst» bereits gezeigt haben, dass das nicht zwingend auf eine Konfrontation mit den Älteren hinauslaufen muss: In einem tristen Jugendzentrum übernehmen hier anstelle der Nerven die Mitglieder von Tocotronic die Instrumente, um vor ein paar apathisch herumhängenden Jugendlichen den Song zu spielen.

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