Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Die Liebe als Haft

Tocotronic singen ein Album lang über die Liebe, ohne peinlich zu wirken. Es könnte daran liegen, dass sie dem Individualismus schon immer abschworen.

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

Tocotronic hat ein Date mit sich selbst – Dirk von Lowtzow im hellen Hemd. Foto: Michael Petersohn

Den Begriff «Diskursrock» mag niemand, doch trifft er den Vorgang von Rede und Widerrede genau. Die Frage hinter dem neuen Tocotronic-Album warf schon vor einem Jahr die Band Die Sterne auf. Sänger Frank Spilker deklinierte damals: «Männlich, weiss, hetero, Mittelschicht sowieso und ohnehin immer drin. Nicht ausser der Reihe, innen, nicht aussen, so macht das Leben doch Sinn.» Und fragte im Refrain: «Wie gross ist der Schaden, das wollte ich fragen, wie gross ist der Schaden bei dir?»

Nun folgt die Antwort von Tocotronic: ein ganzes Album über die Liebe. Der Versuch, das «männlich, weiss, hetero» hinter sich zu lassen. Die Arbeit an der Auflösung von innen und aussen. Ein Angriff auf die Grenzen, geografische, biografische und körperliche. Ein Album auf der Schwelle, um eines der Lieblingswörter aus dem Vokabular von Sänger Dirk von Lowtzow zu verwenden. Ein heller, offener Klang.

Tocotronic haben sich immer als eine Band verstanden, die nie eine Band spielen wollte. Als Künstler, die ihre Arbeit in den Songs selbst reflektieren. So parolenhaft diese anfänglich waren, wollten sie nie authentisch wirken. In der Bandgeschichte, das zeigt sich in der Länge von elf Alben immer deutlicher, trieb Tocotronic ein Thema um: was das Individuum überhaupt sein kann, diese im Neoliberalismus vorausgesetzte Grösse. Und wie es sich, um es mit den musikalischen Weggefährten von Blumfeld zu sagen, politisch und sexuell anders denken lässt.

Da war am Anfang, auf «Digital ist besser» (1995), die grosse Verweigerung: «Ich weiss nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt.» Auf dem herausragenden Album «Kapitulation» (2007) folgte die Absage an die Selbstausbeutung: «Lasst uns an alle appellieren, wir müssen kapitulieren.» Darauf findet sich auch der Song «Imitationen» mit der Erkenntnis, dass es einen nicht von selbst gibt: «Imitationen von dir spiegeln sich in mir.» Das Subjekt gibt es bei Tocotronic nur in der Gesellschaft von mehreren.

Der Romantik entfliehen

Jetzt also ein Kaleidoskop der Liebe, inoffiziell als «rotes Album» betitelt. Ein Prolog formuliert die anfängliche Verstörung jeder Beziehung: «Eines Morgens bist du in der Fremde aufgewacht. Deine Hände zittern noch. Du hörst in dich hinein. Doch das wird erst der Anfang sein.» Im Hit «Rebel Boy» werden Freundschaft und blindes Vertrauen beschworen: «Flucht und Himmelfahrten sind unsere Koordinaten. Check dich mit mir ein. Kannst du mich befreien?» Übrigens auch eine Hymne an die Beschleunigung: «Ich balle meine Faust für die Geschwindigkeit. Ich bereite mich vor auf Technicolor.» Es geht weiter um die Sehnsuchtsräume des Teenagerdaseins («Die Erwachsenen»), um Verachtung und Schmach («Solidarität»), um Maskerade und Queerness («Zucker»). Zu Vogelgezwitscher und Flugzeuglärm bricht Dirk von Lowtzow zum Date mit sich selbst auf und blickt wie Narziss ins spiegelnde Wasser.

Tocotronic gelingt es, auf den ausgetretenen Pfaden des Liebeslieds nicht peinlich zu wirken. Das hat mit ihrer Vorstellung von Liebe zu tun. Verstanden wird sie nicht als urtümliche Kraft, die einen überfällt, sondern als wechselseitige Abhängigkeit und Befreiung. Oder als «Haft», wie ein Song heisst: «Weder Gewalt noch Leidenschaft. Was uns eint, ist Haft. Eine geringere Kraft.» Im Interview mit der Popzeitschrift «Spex» meinte von Lowtzow: «Uns ging es schon immer darum, ein Liebeskonzept zu erfinden, das nicht der bürgerlichen Romantik entspricht, sondern eher mit Gleichberechtigung und Partnerschaft zu tun hat.»

In dieses Konzept passt auch die Musik des Albums: Obwohl sie mit Keyboards und Perkussion, Streichern und Chören opulent inszeniert ist, hält sie sich hinter dem Gesang zurück. Das Ergebnis ist ein leichtes Spiel.

Selbstverständlich gelingt es Tocotronic nicht vollständig, aus der eigenen Haut zu fahren. Die vier Musiker, die sich gegen jegliche Belehrung wehren, sind am Ende zwangsläufig nur die vertrauenswürdigeren Lehrmeister. Doch der Versuch soll beständig gewagt werden: «Ich öffne mich gänzlich für dich. Wir fliehen zu zweit, aus den Kerkern der Zeit», heisst es an einer Stelle. Das kann man durchaus politisch lesen. Es ist ja ein klares Zeichen, sich in einer kriegerischen Gegenwart der Liebe zu ergeben. Die Haltung von Tocotronic zeigt sich auch geschäftlich. Ihre Tournee wird von keinem kommerziellen Sponsor, dafür von der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl präsentiert.

In Nacht und Schlaf

Ob ein Album Bestand haben wird, hat sich bei Tocotronic, die ihr Werk als Kosmos sehen, jeweils erst in der Folge der nächsten Platten gezeigt. Doch hier fühlt man schon jetzt: Der Band ist nach den beiden letzten, eher durchschnittlichen Alben wieder einmal ein Streich gelungen.

Zwei Songs bleiben besonders hängen, die beide in der Nacht spielen. Die Liebe offenbart sich bei Tocotronic letztlich im Schlaf, einem der Territorien, das der Neoliberalismus noch nicht ganz erobert hat. In «Chaos» fliegt von Lowtzow über die Autobahn, gejagt von Geistern und Ideen, um sich unterm Kissen der Freundin in Sicherheit zu bringen. In «Diese Nacht» fällt er in den Schlaf: «Und während ich noch spreche, hat sich mein Kopf davongemacht.»

Die Band spielt am 11. Juni 2015 am B-Sides Festival in Kriens und am 12. Oktober 2015 im «X-tra» in Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch