Acid Amazonians : Wie sie Raum einnehmen

Nr.  28 –

Ein Hybrid aus Pop und politischer Performance, der sich ganz an der Improvisation orientiert, kommt jetzt gerade recht. Doch was hat es zu bedeuten, dass die Acid Amazonians keine Band sein wollen?

«Nimm, was du brauchst»: Acid Amazonians improvisieren in der Waschküche. FOTO: CHRISTIAN KNÖRR UND HELVETIA LEAL

Die Reise führt quer durch die Rand- und Zwischenzonen von Zürich, über Teerplätze im Gewerbegebiet, Gleispromenaden entlang, unter Autobahnbrücken hindurch. So gemütlich wie diese drei Frauen auf ihren lamettaverzierten Fahrrädern durch Betongassen gleiten, klingt auch der Tanzbeat, der dazu spielt; so assoziativ wie die elektronischen Sounds klingen die modulierten Gesangsfragmente über das befreiende Gefühl des Fahrradfahrens.

Dieser Song, «Handlebar» heisst er, und das Video dazu wirken wie eine treffende Hommage an die verspielte Aneignung des urbanen Raums durch die Critical-Mass-Bewegung. Doch bei den Acid Amazonians, den drei Frauen im Video, scheint die politische Absicht stets nur auf den ersten Blick klar. Nur schon, dass sie dieses Stück lässig verpeilter Sommermusik schon im tiefen Pandemieherbst veröffentlicht haben. Und dann der Songtitel, den man Englisch als «Lenkstange» verstehen kann oder in anglisierender Jugendsprache als: Das ist bewältigbar. Wird hier ein Instrument der Ermächtigung durch passive Souveränität unterwandert?

Die Acid Amazonians gibt es als Liveband seit 2016, nun ist ihr erstes Album erschienen: «How to Take up Space», live aufgenommen im Zürcher Club Umbo. Es enthält keine wirklichen Songs, denn ihre Musik ist abgesehen von wenigen Absprachen komplett improvisiert; es ist also auch kein Album im Sinne eines geplanten Werks. «Grundsätzlich sind wir gegen Normativität», sagten die Acid Amazonians in einem Interview mit der Zeitung des Revolutionären Aufbaus, oder auch: Sie seien keine Band, sondern ein Prozess.

Chaos und Risiko

Das sind natürlich steile Ansagen, zumal der schicke Instagram-Auftritt der Band auch an Styletrends geschult ist, die an der Kunsthochschule gelehrt werden, und man «How to Take up Space» auf Spotify hören kann. Allerdings findet sich auf dem Album wenig, das an gängige Popformate erinnert, dafür zeugt es von Mut zu Chaos und Risiko. Im ersten Stück heulen zunächst einmal zwei Minuten lang nur Synthesizer. Im Kontext des Albums ist man versucht, den Songtitel «Too Much» im Sinne politischer Wut zu deuten, denn über weite Strecken hört sich das Album an wie eine feministische Performance. In «Alpha Female» verbreiten sich düstere Drones, und der Text beschwört rabiate Weiblichkeit. Im Titelsong ruft eine der drei zu einem tänzelnden Beat und Science-Fiction-Sounds dazu auf, sich die raumgreifenden Strategien der Manspreader anzueignen: «Take what you need and take it for granted.»

Die feministischen Texte, die Freude an spontanen Launen, die rohe Produktionsästhetik – das erinnert auch an «Pique Dame», das grosse Debütalbum von Ester Poly. Doch während sich das fein kalibrierte Zusammenspiel bei Ester Poly an musikalischen Formen wie Riffs und Grooves orientiert, auch wenn diese aus freier Improvisation entstehen, werden die Auftritte der Acid Amazonians oft nur durch die Beharrlichkeit von Maschinen zusammengehalten: brummender Noise, das Klopfen eines Drumcomputers. Wenn die drei Frauen dazu dann abwechselnd mit Worten und Manipulationen der Stimme spielen, ist manchmal tatsächlich nicht mehr so klar, ob man das noch als Konzert verstehen will.

Sonnige Leichtigkeit dahin

Dabei haben die drei je auch ein Instrument, von dem aus sie sich während der Auftritte in verschiedene Richtungen bewegen. Franziska Staubli ist Gitarristin und noch bei den Bands Long Tall Jefferson und Dalai Puma engagiert. Rada Leu spielt Keyboard und Dorothea Mildenberger Cello. Doch Leu und Mildenberger machen sonst vor allem Projekte im Theater- und Kunstkontext, das Spiel mit der Gruppenform ist ihnen vertraut.

Eine Gruppe wie die Acid Amazonians, deren Musik vom Bühnenmoment lebt und sich darin ständig wandelt, kommt jetzt gerade recht, wo die Konzertkultur wieder überall zu spriessen beginnt. Im besten Fall macht das jede Begegnung überraschend. «Handlebar» haben sie auch im gestreamten Programm des Festivals «M4Music» gespielt, nachzusehen auf Youtube. Würde da nach einem gedehnten, beatlosen Intro nicht das Schlagwort «bikesurfin’» aufblitzen und hörte man nicht den pulsierenden Bass, man würde den Song kaum wiedererkennen. Auch die sonnige Leichtigkeit ist nun dahin, stattdessen klingt dieser Jam unheimlich und geisterhaft. Da leuchtet plötzlich eine andere Zeile am Empowerment vorbei: «Wir sind so fragil und flüchtig wie eine Pappnase in der Silvesternacht.»

Samstag, 31. Juli 2021, Zürich, Stadtsommer. Freitag, 3. September 2021, Willisau, Jazzfestival. Samstag, 25. September 2021, Kulturnacht Winterthur.

Acid Amazonians: How to Take up Space. A Tree in a Field Records. 2021