Nr. 38/2014 vom 18.09.2014

Balance aus Gefühl und Distanz

Von Lennart Laberenz

Lydia Davis ist mittlerweile einigermassen bekannt dafür, dass sie eine eigene Dimension innerhalb dessen entwickelt hat, was in der englischsprachigen Prosa «flash literature» genannt wird. 2009 kamen ihre hymnisch gepriesenen «Collected Stories of Lydia Davis» beim Verlag Farrar, Straus and Giroux heraus: dreissig Jahre Arbeit, 733 Seiten. 2013 erhielt sie den Man International Booker Prize.

Ihre neuste Sammlung, «Kanns nicht und wills nicht», macht genau da weiter, wo sie 2009 aufgehört hat: mit einer Balance aus Gefühl und Distanz. 122 Erzählungen mit vermindertem Instrumentarium, kaum starke Verben, wenig Adjektive; Erzählungen, die uns dennoch direkt anfassen. Plötzlich hebt da eine Erzählerin an: «Ich habe ein Problem mit meiner Ehe, nämlich, dass ich Georg Friedrich Händel einfach nicht so gerne mag wie mein Mann.»

Die erzählende Person ist oft eine Frau, oft ist diese auch allein; wenn es einen Ehemann gibt, ist er abwesend, die Kinder sind längst ausgezogen. Oft hat die Erzählerin im akademischen Betrieb zu tun, mit Schreiben im Besonderen. Auch wartet sie auf etwas, ist vom Leben oder vom Personal etwas enttäuscht. Immer gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen Gegenwart und Perfektion.

Dabei entsteht nie das Gefühl, als schreibe Lydia Davis über sich selbst, vielmehr ist das verstörend Persönliche, mit dem sie uns in den besten Erzählungen sofort drankriegt, immer verallgemeinerbar. Denn natürlich wollen wir alle dem Hersteller von Pfefferminzbonbons hinter die Ohren schreiben, dass wir für exorbitante fünfzehn Dollar nicht bloss zwei Drittel der auf der Dose angegebenen Menge erwarten. Nur müssen wir auch den Kleingeist, der sich mal etwas geleistet hat und jetzt Pfefferminzbonbons zählt, bekämpfen.

Und so erwischt uns Davis’ Literatur, wo wir verwundbar sind als etwas neurotische, oft mit all den Informationen und Selbstbeobachtungen allein gelassene BewohnerInnen grundsätzlich absurder Welten.

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