Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Wer hat Angst vor Lena Willikens?

Keine Furcht – und keine Kompromisse: Die Kölnerin Lena Willikens hat sich mit mutigen DJ-Sets jenseits von Genrekonventionen einen Namen gemacht.

Von Tara Hill

Erwähnt man den Namen Lena Willikens unter Schweizer ExponentInnen der elektronischen Szene, so ist die erste Reaktion meist ein anerkennendes Pfeifen: Denn «cojones», also «dicke Eier», werden der Kölner Kollegin stets als Erstes attestiert, genauso wie ein Faible für das, was Chris von Rohr einst im Schweizer Fernsehen «meh Dräck» nannte: den Mut zur Reibung.

Erstaunlich an dieser positiv zu verstehenden Beschreibung ist nur eines: die Tatsache, dass diese Eigenschaft Lena Willikens so sehr von der Masse anderer DJs abhebt. Denn eigentlich müsste Furchtlosigkeit ein grundsätzliches Attribut aller erfolgreichen DJs sein, schliesslich engagiert man die grossen Namen ja kaum, um bloss die längst bekannten Hits vergangener Zeiten zu zelebrieren, sondern vielmehr, um neue und interessante Tracks von morgen zu hören.

So einfach ist es aber leider nicht. Denn in einer Zeit, in der die elektronische Musik und deren DJ-Kultur immer mehr kommerziellen Sachzwängen unterworfen werden, bleibt nicht mehr allzu viel Platz für Freigeister.

Umso mehr lässt die konsequente Eigenständigkeit einer neuen Generation deutscher DJs aufhorchen: Persönlichkeiten wie Helena Hauff im Hamburger Golden Pudel Club, Resi Resom im Berliner «About Blank» oder eben Lena Willikens im Düsseldorfer «Salon des Amateurs» bilden die Alternative zum House- und Techno-Einheitsbrei: drei gefeierte Künstlerinnen, die mit der ihnen eigenen Standfestigkeit und Geradlinigkeit die Klischees der elektronischen Musik unterlaufen und die quer durchs Beet nur das spielen, was ihnen gerade passend erscheint – sei dies nun Industrial oder Disco, Deep House oder Cosmic, Techno oder Breakbeat.

Was bei allen drei Vertreterinnen dieser neuen Generation auffällt, ist die Kompromisslosigkeit, mit der sie auftrumpfen, und die Verve, mit der sie musikalische Erwartungen sabotieren. Während für männliche Mitstreiter der Karriereentwurf «DJ» seit jeher plastischer, damit auch verführerischer und zwingender erschien, gilt bei ihren weiblichen Pendants vielmehr das Umgekehrte: Neben der herausragenden Musikalität scheint ihnen eine Unabhängigkeit eigen, die keinerlei Anbiederung an potenzielle Karrieremodelle voraussetzt – weil diese Option im Lebenslauf vorab gar keine Rolle gespielt hat.

Resi Resom und Helena Hauff halten fest, dass sie nie eine klassische DJ-Karriere angestrebt hätten. Genauso verhält es sich mit Lena Willikens, die erst über Umwege zur elektronischen Musik gefunden hat. «Techno fand ich damals total scheisse», erinnert sie sich freimütig an ihre Jugend, die im Punk verwurzelt war. «Meine erste Berührung mit elektronischer Musik war kein Clubsound, sondern der Reggae von Lee Scratch Perry.»

Nur indirekt, durch ihr Kunststudium in Düsseldorf und Berlin, entdeckte Willikens später selber die Vielfalt der Undergroundtechnoszene, an der ihr vieles, wie die Do-it-yourself-Attitüde, vertraut erschien. Sie erkannte, dass die Düsseldorfer Kraut-Vergangenheit mit Bands wie Kraftwerk, Cluster und Neu! eine Art Wiedergeburt im «Salon des Amateurs» feierte – in dem Club also, in dem die Wahlkölnerin vor zehn Jahren zunächst als Barkeeperin und Bouncerin (Türsteherin), später zunehmend auch als DJane in Erscheinung trat.

Der Weg zum Beatmixen

«Ich habe mich immer schon für Musik begeistert, die fremdartig und anders klang als gewohnt», erinnert sich Willikens, die seit ihrem dreizehnten Lebensjahr eine passionierte Plattensammlerin ist. «Das Tolle daran ist ja, dass gute Musik einen immer auf einer elementaren Ebene berührt und dadurch auch sofort irgendwie vertraut ist, egal wie ‹exotisch› Klänge und Harmonien sind.» Erst im Eklektikertreff des «Salon des Amateurs» habe sie allerdings gemerkt, dass sie damit nicht alleine war. Denn ihr weitgefächerter Musikgeschmack wurde auch von Resident-DJs wie Detlef Weinrich (alias Toulouse Low Trax), Vladimir Ivkovic und Marc Matter vom Institut für Feinmotorik geteilt.

«Ich habe damit angefangen, eigene Abende zu organisieren und selber aufzulegen. Damals hatte ich allerdings noch überhaupt keine Ambitionen, klassisch Beats zu mixen, also Tracks aneinanderzupitchen», erinnert sich Lena Willikens. «Ich wollte den Leuten in erster Linie tolle, selten gehörte Musik vorspielen, die ich selber mochte. Erst als langsam auch Bookings ausserhalb des ‹Salons› kamen, habe ich damit begonnen, selber das Beatmixen zu lernen und die ganze Sache ernster zu nehmen.»

Noch immer ist Lena Willikens eng mit dem «Salon» verbunden – aus einem ganz einfachen, aber immer gültigen Grund: «Im ‹Salon› gilt das Credo ‹No bullshit› – es geht um gute Musik, nicht um ein bestimmtes Genre. Früher kam es auch schon mal vor, dass man an einem Freitag um zwei Uhr nachts reinkam und Sun Ra lief. Dieser freie Geist steckt dort immer noch drin – und das ist mir wichtig.»

An die Schmerzgrenze gehen

Mittlerweile zählt die punkinspirierte Willikens aber auch House-Ikonen wie die Chicagoer Larry Heard und Traxx oder das legendäre Glasgower DJ-Team Optimo zu ihren Vorbildern. Selber setzt sie bis heute auf Sets mit einer gewissen Reibung – «Da, wo man hört, dass jemand schwitzt!» – und verzichtet auf vermeintlich perfekt vermittelte DJ-Sets. Ein Mix müsse leben, dürfe durchaus zwischendurch auch einmal rumpeln und in letzter Sekunde gerettet werden: «Das ist doch ein toller Moment, da freut man sich als Zuhörer! Und wenns mal nicht klappt, ist dies auch menschlich – und mir immer noch tausendmal lieber als ein fehlerfreier, aber aseptischer Mix.» Lena Willikens mag es auch als Gast in einem Club «raubeinig und direkt, unvermittelt und mit Überraschungen; unerwartete Brüche und Cuts, irritierende Sounds und flüsternde, nicht zuordenbare Stimmen – das ist doch das Salz in der Suppe!»

Lena Willikens ist auf dem kunterbunten Label Cómeme des deutsch-chilenischen Produzenten Matias Aguayo untergekommen. Der Plan sieht vor, dass sie im Januar 2015 ihre erste EP veröffentlichen soll. Cómeme – zu Deutsch «Iss mich!» oder «Vernasch mich!» – bildet das Dach über einem Kollektiv aus DJs und Produzenten, das längst nicht mehr nur auf Aguayos lateinamerikanische Wurzeln beschränkt ist. Vielmehr finden sich in diesem globalen Diaspora-Sound-Umfeld auch bildende Künstler wie Sarah Szczesny, die auch für Willikens’ Artwork und Bühnenoutfits verantwortlich zeichnet. Kurz: «Alles Menschen, die sich nicht für ein gewisses Genre, sondern für ganz unterschiedliche Musik, für Vielfalt und Leidenschaft einsetzen.»

Das passt natürlich zu Willikens, die neben ihrer längst internationalen DJ-Karriere den immer erfolgreicheren Cómeme-Radio-Podcast mit dem Titel «Sentimental Flashback» kompiliert. In dieser regelmässigen Reihe kramt Willikens für Radio Cómeme jeweils nach «Platten und Stücken, die mir persönlich wichtig scheinen und die ich vor dem Verstauben und Vergessen retten möchte». Die Spannweite reicht dabei vom Balkan bis Japan, von nostalgischem Avantgardegeplänkel bis zum potenziellen Global-Clubhit. Willikens verlässt sich dabei nur auf eins: die Musikalität – womit Laien und Connaisseusen gleichermassen auf ihre Kosten kommen.

Auch die Produktion der eigenen, nicht cluborientierten Musik bringt sie unter. Dazu zählt das Projekt Titanoboa, ein Industrial-angehauchtes Duo, das Willikens mit Melanie Wratil vom Institut für Feinmotorik betreibt. Neben Synthis spielt sie hier auch Theremin und kann dabei «richtig Krach machen und bis an die Schmerzgrenze gehen». «Alles, was ich mache, befruchtet sich gegenseitig und verhindert, dass sich Routine einschleicht», bilanziert Willikens erfreut.

Dem Vorwurf voraus

Dank zunehmend regelmässiger und grosser internationaler Auftritte kann sich Lena Willikens ganz auf die Musik konzentrieren. Dennoch will die Künstlerin dies nicht überbewerten: «Einen Zukunftsplan gibts in meinem Kopf nicht, dafür bin ich immer noch zu sehr Punk im Geist!» Dass sie diese punkige Attitüde noch immer verkörpert, bestätigen die Pressefotos in ihrem Portfolio. Ihr Blick unter der Mähne und der Hornbrille: konsequent und unerschrocken geradeaus gerichtet. Ein Aussehen, das ihr in der immer noch von Äusserlichkeiten dominierten Blogosphäre bereits den Ruf eingetragen hat, «so gestreng wie eine Bibliothekarin» dreinzublicken – oder wie eine «depressive Jurastudentin». Kommentare, die Willikens höchstens «amüsiert» haben: «Ich fand es super, dass diese Comments auf Portalen wie Resident Advisor eine Debatte provozierten: Endlich entsteht so ein wenig Bewusstsein dafür, wie unterrepräsentiert Frauen in der elektronischen Musik immer noch sind.» Traurig machen Willikens eher die «unsäglichen Pressetexte über Kolleginnen, die mit dem Satz beginnen: ‹Sie sieht nicht nur gut aus, sondern legt auch gut auf› – oje! So was darf heute doch wirklich nicht mehr geschrieben werden!»

Natürlich ist Lena Willikens gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen aus Berlin und Hamburg diesem Vorwurf längst enteilt, doch nach wie vor bilden alle drei eine Ausnahme. Sie zeigt sich dennoch verhalten optimistisch: «Ja, ich glaube, es tut sich langsam was – aber: Da muss doch noch viel mehr gehen!»

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