Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Ausstellung

Dada-Frauen

«Wir jungen Leute kamen wie betäubt aus dem Krieg zurück, und unsere Empörung musste sich irgendwie Luft machen», sagt der Künstler Max Ernst im Film «Max Ernst. Entdeckungsfahrten ins Unbewusste» (1963). Luft machten sie sich mit dadaistischer Kunst: Radikale Kunstwerke, experimentelle Poesie und subversive Kunstaktionen entstanden. 1916 wurde der Dadaismus in Zürich ausgerufen. In Vergessenheit geraten sind in den fast hundert Jahren seither – wie meist in der Geschichtsschreibung – die beteiligten Frauen.

Die Ausstellung «Die Dada La Dada She Dada» im Aargauer Forum Schlossplatz stellt nun die Dada-Frauen ins Zentrum. Zu sehen sind Werke der Malerin Sophie Taeuber-Arp, der Performancekünstlerin Baronesse Elsa von Freytag-Loringhoven, der Schriftstellerin Céline Arnauld, der Zeichnerin Angelika Hoerle sowie der Grafikerin und Collagekünstlerin Hannah Höch, die als Mitbegründerin der Fotomontage gilt. Ihre 1919 geschaffene Montage «Schnitt mit dem Küchenmesser. Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche Deutschlands» avancierte zu einer Ikone des Dadaismus. Gezeigt werden in der Ausstellung auch Werke von zeitgenössischen Videokünstlerinnen, die von Dadaistinnen inspiriert wurden.

«Die Dada La Dada She Dada» in: Aarau Forum Schlossplatz. Vernissage: Fr, 25. Oktober 2014, 18.30 Uhr. Die Ausstellung dauert bis zum 18. Januar 2015. 
www.forumschlossplatz.ch

Silvia Süess

Progr feiert

Der Progr in Bern feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. 2004 zog das Progymnasium aus dem Gebäude aus, geplant war darin ab 2006 die Abteilung Gegenwartskunst des Kunstmuseums Bern. Während der zwei Jahre wurde das ehemalige Schulhaus von Kunstschaffenden zwischengenutzt: In den ehemaligen Schulzimmern entstanden Ateliers und Proberäume und in der Turnhalle eine Bar. Kurz nach Inbetriebnahme des Progrs fiel das Projekt «Gegenwartskunst» ins Wasser, die Zwischennutzung konnte also verlängert werden. Als die Stadt ein Gesundheitszentrum plante, regte sich Widerstand. Die KünstlerInnen wollten das Gebäude selbst kaufen und unterbreiteten dem Stadtrat einen Entwurf für ein eigenes Projekt. Am 17. Mai 2009 stimmte die Berner Stimmbevölkerung mit 66 Prozent «Ja» für die Weiterführung des Projekts Progr. So wurde aus dem Provisorium ein Providurium, das als Stiftung geführt wird.

Die Ausstellung «10 Jahre Progr – Zentrum für Kulturproduktion» gibt einen fotografischen Einblick in diese zehn bewegten Jahre. Die Bilder, die im Kulturpunkt im Progr zu sehen sind, stammen von FotografInnen, die im Progr ihr Atelier haben. Ausserdem zeigt Kulturpunkt die Ausstellung «Marco Güdels Universum». Der aus Wichtrach stammende Maler und Gärtner arbeitet nicht im Progr, sondern hat sein eigenes Zimmer zum Atelier umfunktioniert. Dort sind nicht nur Bilder entstanden, sondern auch Stop-Motion-Filme. Themen von Güdels Werken sind die Einsamkeit und die Angst unterzugehen.

«10 Jahre Progr – Zentrum für Kulturproduktion» in: Bern Kulturpunkt im Progr, Fr, 24. Oktober 2014, 
ab 18 Uhr Eröffnung. Die Ausstellung dauert bis zum 31. Januar 2015. www.kulturpunkt.ch

«Marco Güdels Universum» in: Bern Kulturpunkt 
im Progr, Do, 23. Oktober 2014, ab 18 Uhr Vernissage; bis 22. November 2014.

Silvia Süess

Konzert

Pathos ohne Peinlichkeit

Man könnte ihn durchaus als Schatteneminenz der Hamburger Szene bezeichnen: Jedenfalls stolpert man in den letzten Jahrzehnten in deutscher Musik dauernd über Marcus Wiebusch, als Sänger der Punkbands Rantanplan und …But Alive sowie des einfühlsamen Gitarrenpopprojekts Kettcar und nicht zuletzt als Chef eines der letzten überlebenden Kleinlabels, Grand Hotel van Cleef.

Zum ersten Mal in seiner Karriere hat Teamplayer Wiebusch mit «Konfetti» nun eine Soloplatte veröffentlicht – herausgekommen ist eine konsequente Weiterentwicklung seines musikalischen Werdegangs, der ihn von Ska und Punk zu fast masssentauglicher Popmusik gebracht hat, immer mit der ihm eigenen Feinheit in den Texten. Wiebusch ist ein Meister des deutschsprachigen Pathos, ohne dabei peinlich zu sein. Dies hat er nicht zuletzt mit der Single «Der Tag wird kommen» unter Beweis gestellt, einer Hymne gegen Homophobie im Fussball und anderswo.

Marcus Wiebusch in: Aarau Kiff, Fr, 24. Oktober 2014, 20 Uhr. www.kiff.ch

Etrit Hasler

Gitarre statt Kalaschnikow

Die fein und schnell gespielten Gitarren, dieses Auf und Ab im Gesang bringt man so rasch nicht mehr aus dem Kopf. Die aus Mali stammende Band Tamikrest spielt Weltmusik in der Gegenwart. Fern von Klischees verknüpft sie Tuaregfolklore mit Reggae und Rock. Mit seinen Songs unterstütze er die Emanzipationsbewegung der Tuareg, die in der Sahara auf mehrere Staaten verteilt leben, sagt Sänger Ousmane Ag Mossa, «nicht mit der Kalaschnikow, sondern mit der Gitarre.» Das neuste Album «Chatma» (Schwester) ist den Tuaregfrauen gewidmet. In ihren Songs in der Sprache Tamaschek protestiert die Band gegen die miserablen Lebensbedingungen der einstigen NomadInnen und lobt die Sahara als unabhängigen Lebensraum.

Die Tuareg kämpfen für mehr Autonomie von der Regierung in Bamako. Die jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen 2012 brachten auch für Tamikrest einschneidende Veränderungen: Aufgerieben in den Kämpfen zwischen der malischen Regierung, die von Frankreich unterstützt wurde, und den in Nordmali vorrückenden Islamisten, mussten Hunderttausende Tuareg fliehen: In Bamako können sie sich nicht mehr sicher fühlen, in den von Islamisten kontrollierten Gebieten ist ihre Musik verboten. Die Band flüchtete nach Algerien und macht mit Konzerten in Europa auf die missliche Situation der Tuareg und ihrer Musik aufmerksam. Das nächste Konzert findet in der Zürcher Schaltzentrale für Anschlüsse in musikalische und geografische Randgebiete statt: im El Lokal, wo Tamikrest bereits 2010 das Publikum begeistert haben.

Tamikrest in: Zürich El Lokal, Mo, 27. Oktober 2014, 20.20 Uhr. www.ellokal.ch

Kaspar Surber

Lesungen

Zürich liest

Sein neuster Roman heisst «Jimi Hendrix live in Lemberg» und erzählt von merkwürdigen Dingen, die in der Stadt in der westlichen Ukraine geschehen: Es scheint nämlich, als ob die Stadt, die im Landesinnern liegt, vom Meer heimgesucht worden wäre. Andrej Kurkow wurde vor Jahren mit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» (1999) bekannt, diesen Sommer hat der in Kiew lebende, international renommierte Autor mit «Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protestes» für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Er könne nicht mehr literarisch arbeiten, sagte Kurkow vor ein paar Wochen im Gespräch mit der WOZ, der Krieg okkupiere die Köpfe (siehe WOZ Nr. 38/14).

Die Ukraine ist Themenschwerpunkt des Buch- und Literaturfestivals «Zürich liest» und Kurkow einer der Gäste. So wird er aus seinem Roman «Jimi Hendrix live in Lemberg» lesen sowie mit dem ukrainischen Autor Jurij Wynnytschuk («Todestango») über den aktuellen Zustand des Lands diskutieren. Mit Tanja Maljartschuk («Biografie eines zufälligen Wunders», 2013) liest eine weitere ukrainische Autorin aus ihrem Werk.

Neben der Ukraine steht – wie jedes Jahr am «Zürich liest» – auch das Schweizer literarische Schaffen im Zentrum. So gibt es über 200 Lesungen an den unterschiedlichsten Orten in Zürich. Der Autor Kaspar Schnetzler liest zum Beispiel dort, wo sein Roman «Das Modell» entstanden ist: in seiner Schreibstube im Haus zum Grauen Wind in Zürich. Im Cabaret Voltaire gibt es literarische Speeddatings, an denen man seine Lieblingsautorin, seinen Lieblingsautor finden kann. Es lesen Robert Bussmann, Werner Rohner, Dagmar Schifferli, Pavel Schmidt, Marie-Luise Könneker, Jürg Beeler, Stefanie Grob, Dieter Zwicky, Rolf Niederhauser und Urs Zürcher. In der Dolder Grand Bar macht Jürg Halter eine poetisch-musikalische Show mit dem Titel «Wir fürchten das Ende der Musik». Dorothee Elmiger hält die Eröffnungsrede.

«Zürich liest» in: Zürich verschiedene Orte. Eröffnung: Do, 23. Oktober 2014, 20 Uhr im Kaufleuten. Do–So, 23.–26. Oktober 2014. www.zuerich-liest.ch

Silvia Süess

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