Nr. 38/2014 vom 18.09.2014

Der Krieg okkupiert die Köpfe

Verwirrt, ratlos, resigniert – was ukrainische Intellektuelle wie der Schriftsteller Andrej Kurkow über ihr Land zu berichten haben, offenbart eine fast bodenlose Identitätskrise.

Von Susan Boos

Andrej Kurkow hat etwas Mutiges getan. Er entliess seine Gedanken und Notizen in die Freiheit, bevor er wusste, was noch kommen wird. Kurkow ist Schriftsteller und lebt mit seiner Familie mitten in Kiew, die Proteste auf dem Maidan fanden vor seiner Haustür statt.

Sein Roman «Picknick auf dem Eis» machte ihn berühmt. Kaum ein ukrainischer Schriftsteller ist in Westeuropa so bekannt wie er. Schon lange habe er ein Buch über die Ukraine schreiben wollen, erzählte Kurkow, als er vor kurzem für eine Lesung in der Schweiz weilte. Als die Proteste begannen, beschloss er, sein Tagebuch zu publizieren. Da es Ende April auf Deutsch und Französisch erscheinen sollte, schickte er seine Einträge fortlaufend an den Verlag, damit die Texte sofort übersetzt werden konnten.

Man merkt es. Das Buch ist in Eile geschrieben, manchmal verwirrend, manchmal zornig, manchmal banal. Aber es ist ein wertvolles Zeitdokument.

Kurkow nennt sich «ethnischer Russe», sein russischer Grossvater wanderte vor vielen Jahren in die Ukraine ein. Seine Familie spricht russisch, er schreibt russisch. Doch vor der Vorstellung, in Putins rigidem Russland leben zu müssen, graut ihm. Das schreibt er deutlich in seinem Tagebuch. Ihm graut aber auch vor den ukrainischen NationalistInnen.

Kurkow schildert, wie er Anfang Januar mit seiner Familie auf die Krim in die Ferien fährt. Am selben Tag marschieren mehrere Tausend Swoboda-Mitglieder mit Fackeln durch Kiew. Kurkow notiert: «Als sie gerade das 5-Sterne-Hotel Premiere Palace passieren, schreit einer der Swoboda-Abgeordneten ins Megafon: ‹Rechterhand ist ein Hotel von Oligarch Rinat Achmetow!› (…) Daraufhin rennen einige Teilnehmer des Umzuges zum Eingang des Hotels und werfen ihre brennenden Fackeln ins Foyer.»

Ein ätzend symbolträchtiger Akt: Die Swoboda, die inzwischen in der Regierung sitzt, ist als rechtsextreme, antisemitische Partei gross geworden. Und Achmetow ist nicht nur einer der mächtigsten Oligarchen, er gilt unter den Rechten auch als Jude. Achmetow bestreitet das, was ihm aber nicht hilft, wenn die AntisemitInnen losmarschieren.

Kurkow schreibt dazu in seinem Tagebuch: «Kiew ist eine ruhige, tolerante Stadt, die man durch Märsche im Gleichschritt und in Megafone gebrüllte Parolen nicht aufrühren sollte. Die Stimmung fiel angesichts dieses Umzugs ins Bodenlose.»

Manchmal naiv und geschichtslos

Was am 22. November vor einem Jahr als friedliche Protestaktion auf dem Maidan begann, droht zu einem Weltkonflikt zu werden. Viele ukrainische Schriftsteller, Sozialwissenschaftlerinnen oder Journalisten versuchen zu fassen, was mit ihrem Land passiert – und man kann sie inzwischen auch auf Deutsch lesen. Höchst interessant die beiden Sammelbände «Maidan! Ukraine, Europa» und «Euromaidan. Was in der Ukraine auf dem Spiel steht».

Über fünfzig AutorInnen kommen darin zu Wort. Und man kann mitverfolgen, wie sie um die Identität ihres Landes ringen. Die Ukraine existiert als unabhängiger Staat seit 23 Jahren. Das Land hat es in dieser Zeit nicht geschafft, eine gemeinsame Grunderzählung zu schaffen. Gleichzeitig startete es mit einer enormen Bürde, weil auf seinem Territorium schlimmste Tragödien stattgefunden hatten. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Anfang der dreissiger Jahre wollte Josef Stalin die aufmüpfigen ukrainischen Bauern disziplinieren und hungerte das Land aus. Rund drei Millionen Menschen starben. 1941 wurden in Babi Jar, einer Schlucht am Rand Kiews, innerhalb von 36 Stunden über 33 000  Juden und Jüdinnen erschossen. Es war das grösste, aber nicht das einzige Massaker, das die Nazis in der Ukraine verübten.

Für viele UkrainerInnen haben diese Geschichten nichts mit ihnen selbst zu tun. Täter waren andere, sie waren allenfalls Opfer. Viele der Beiträge kommen denn auch erstaunlich geschichtslos daher und klingen zum Teil bedrohlich naiv. Und doch ahnen die AutorInnen, dass sie sich auf heiklem Terrain bewegen.

«Ruhm der Ukraine» und «Tod den Feinden» heissen beispielsweise zwei Gedichte, die in «Maidan!» abgedruckt sind und von der jungen Autorin und Fotografin Yevgenia Belorusets stammen. Sie schreibt: «Nein, das ist keine nationalistische Parole / Sagen Sie das bloss nie (…) / Fortwährend sagen wir Ruhm der Ukraine / Zur Begrüssung, zum Abschied (…) / Dass die Ukraine zu Ruhm kommt / Nicht mehr, aber auch nicht weniger / Kennt denn jemand die Ukraine? / Irgendwo da am Rand, geknebelt, unser Leben / wie auch unser Land, keiner / Frag nach, keiner weiss etwas / Ein einsames Land, entbehrlich sogar für uns selbst».

Das Land, das man heute Ukraine nennt, ist eine Schöpfung des Ersten Weltkriegs. Der Westen gehörte zum österreichischen Imperium, der Osten zum russischen. Die Ukraine ist zusammengeschustert worden wie damals so viele Länder. Trotzdem hätte es funktionieren können. Seit zwanzig Jahren werden die Menschen regelmässig gefragt, ob sie heute immer noch für die Unabhängigkeit stimmen würden wie damals am 1. Dezember 1991. Die Ergebnisse waren immer eindeutig, wie der Lwiwer Historiker Jaroslaw Hrytsak in «Maidan!» konstatiert: «Seit jener Zeit hat es bis zum heutigen Tag kein einziges Jahr und keinen einzigen Monat gegeben, in dem die Mehrzahl der Ukrainer die Idee der nationalen Unabhängigkeit abgelehnt hätte, selbst in den Zeiten der grössten Krise.»

Hrytsak merkt in seinem Aufsatz noch an: «Die Geschichte zeigt, dass separatistische Bewegungen allein nicht ausreichen, damit ein Land auseinanderfällt, dazu braucht es auch eine Krise des Systems im Zentrum. Und diese Krise im Zentrum entsteht derzeit durch die faktische Doppelherrschaft, in der die alte Macht nicht mehr und die neue Macht noch nicht stark genug ist, um die Kontrolle über die Situation im ganzen Land auszuüben.»

Da hat er vermutlich recht. Aber wer ist die neue Macht?

Die ausgeblendeten Oligarchen

Erstaunlicherweise geht es in den vielen Beiträgen kaum um die Oligarchen, die sich das Land ökonomisch aufgeteilt haben. Die Debatten hangeln sich Identitäts- und Wertefragen entlang. Man verortet das Problem in der Ostukraine, wo sich die Leute angeblich nach dem alten Sowjetsystem zurücksehnen, das für die Menschen sorge. Auf der anderen Seite wird die Westukraine als weltoffenes Land beschrieben, in dem sich die jungen Leute selber entfalten wollen und Demokratie und Wirtschaftswachstum als Einheit verstünden.

Aber selten ist die Rede von den Oligarchen, obwohl sie vermutlich das Drama des neuen Jahrhunderts verkörpern.

Die gierigen Geschäftsleute rund um den gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch wurden vertrieben. Die wirklich reichen Oligarchen blieben indes unangetastet, weil sie sich rechtzeitig vom alten Regime distanzierten. Der Nach-Maidan-Präsident Petro Poroschenko ist ebenfalls ein Oligarch. Er machte zudem kurz nach seiner Amtseinsetzung zwei Oligarchen zu Gouverneuren von Donezk und Dnipropetrowsk.

Einer der wenigen, die da genau hinschauen, ist der deutsche Journalist Konrad Schuller. In seinem Buch «Ukraine. Chronik einer Revolution» schildert er die Ereignisse auf dem Maidan, geht aber auch in den Donbass und spricht dort mit Leuten, die gegen die neue Regierung demonstrieren.

In den Regionen, in denen heute gekämpft wird, sind die ukrainischen Oligarchen gross geworden. Allen voran Rinat Achmetow, dem im Donbass viele Minen und ein Grossteil der Schwerindustrie gehören. Schuller schreibt, dass sich Achmetow regelmässig mit den Separatisten trifft und sie finanziell unterstützt. Anders in Mariupol: Die SeparatistInnen versuchten im Mai, die Stadt einzunehmen. Achmetow stellte danach seine privaten Verteidigungstruppen auf, die seither dort für Ruhe sorgen.

Schuller vertritt eine interessante These: Die DonezkerInnen seien weniger prorussisch als antioligarchisch. Sie hegen eine kalte Wut gegen die Oligarchen, die ihre ökonomische Macht mit nackter Gewalt erobert haben. Als dann durch den Maidan das Gebäude der Macht wackelte, wurden die Oligarchen aber nicht entmachtet, sondern mit mehr Macht versorgt: «Der lange eher diffuse Anti-Ukrainismus des Ostens hat damit im neuen Hass gegen die milliardenschweren ‹Gangster› an der Spitze des Donezker Clans einen neuen Kristallisationspunkt gefunden.» Die Leute im Donbass hätten der Kiewer Regierung nie vertraut, «den Oligarchen wollen viele jetzt nicht mehr folgen – so bleibt als Fluchtpunkt nur noch Moskau».

Kurkow weiss um die Gefahr. Aber er zögert. Es sei ein schlechter Zeitpunkt, jetzt die Regierung zu kritisieren, meint er im persönlichen Gespräch. Petro Poroschenko sei ein Oligarch, unbestritten. Auf dem Maidan habe er sich aber ernsthaft engagiert. Und bis jetzt habe er als Präsident keine Fehler gemacht. Mehr könne er, Kurkow, nicht sagen.

Zu Achmetow haben ukrainische Kunstschaffende ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis. Er gilt als einer der grössten Philanthropen, vergibt regelmässig stattliche Stipendien an Schriftstellerinnen, Künstler und Studentinnen. Andere Superreiche tun dasselbe.

Nur Ihor Kolomoiski hat sich nie um seinen philanthropischen Ruf geschert. Die Intellektuellen und KünstlerInnen in Kiew konnten ihn deshalb nie ausstehen. Kolomoiski kontrolliert ein gigantisches, undurchsichtiges Imperium und lebt offiziell in Genf.

Lob für den einst Verhassten

Dank des Maidan wurde er nun Gouverneur von Dnipropetrowsk. Die Region grenzt direkt ans umkämpfte Donezker Gebiet. Kolomoiski leiste dort erstaunlich gute Arbeit, sagt Kurkow anerkennend. Kurkow gehörte zu jenen, die früher nichts von Kolomoiski hielten. Viele UkrainerInnen loben nun den einst verhassten Oligarchen, weil er es geschafft hat, dass in seiner Region Ruhe herrscht.

Das passiert aber nicht einfach so. Kolomoiski hat seine Privattruppen aufgestellt. Kurkow geht davon aus, dass er über eine kleine Armee von 1000 Männern verfügt. Andere Quellen sprechen gar von 50 000 Mann, die Kolomoiski bewaffnet haben soll.

Kurkow sagt, das sei schon ungemütlich. Wenn diese Männer einmal von der Front zurückkämen, seien sie bewaffnet und brächten die Konflikte in die Dörfer zurück. Die Gewalt, die Kriminalität würde dann sicher steigen.

Kurkow wirkt ratlos und traurig. Der Konflikt paralysiert ihn. Die Poesie ist ihm abhandengekommen. Schon im Januar hat er geschrieben: «In letzter Zeit habe ich immer häufiger das Gefühl, dass mir die Worte fehlen. Entweder wird das Leben bunter, oder die Wörter, die es beschreiben könnten, werden daraus weggespült. Wohl eher Zweiteres.»

Er könne nicht mehr literarisch arbeiten, obwohl er es gerne tun würde. Er versuche, sich dazu zu zwingen, aber es gelinge nicht richtig. Der Krieg okkupiert die Köpfe.