Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Zartschmelzend

Susi Stühlinger über ein fragiles Gleichgewicht

Von Susi Stühlinger

Der neue Klimabericht war äusserst relevant. Relevanter noch als die Tatsache, dass sie selbst mit der gephotoshoppten Rastafrisur bei dieser Kampagne des Dachverbands der Schweizer Jugendparlamente, die soeben unter dem Titel «Mach die Schweizer Politik jugendlicher» lanciert worden war, viel besser wegkam als Kollegin Eveline Widmer-Schlumpf im Emo-Punky-Look mit rosa Lidschatten und Lippenpiercing. Und auch wesentlich relevanter als das Zurückkrebsen der BDP hinsichtlich der zukünftigen Zusammenarbeit in Form einer gemeinsamen Wahlplattform mit ihrer eigenen Partei. Sollte die Widmer-Schlumpf doch zurücktreten, oder was immer sie auch machen wollte.

Ja, eben, dieser Klimabericht. Äusserst relevant, so verkündete es Bundesrätin Doris Leuthard den Medien, nachdem sie endlich den Synthesebericht des UN-Klimarats gelesen hatte. Vierzig Seiten stark war der. Vierzig. Genau wie vierzig Prozent Treibhausgase, die die EU bis zum Jahr 2030 weniger emittieren wollte.

Wie viel sie selbst, also die Schweiz, emittieren wollte, wusste Doris Leuthard noch nicht, da durfte man sich keinesfalls verfrüht auf irgendwelche fixe Prozentzahlen festlegen, die einzuhalten dann doch schwierig werden könnte. Gegenüber Prozentzahlen sei sie immer etwas skeptisch, hatte sie erklärt, schliesslich könne man die Situation der EU nicht einfach mit derjenigen der Schweiz vergleichen, denn der Pro-Kopf-Ausstoss von Treibhausgasen sei in der Schweiz tiefer als in der EU. Darum war es für die Schweiz natürlich markant schwieriger, ebenso viele Prozentpunkte einzusparen, wie die benachbarten Nachbarländer, weil es bei prozentual weniger Ausstoss auch prozentual viel weniger einzusparen gab. Oder so.

Und schliesslich galt es auch auf den Wirtschaftsstandort Schweiz Rücksicht zu nehmen, denn Klimaziele, die die ansässigen Unternehmen vergraulten, konnte sich die Schweiz angesichts ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Lage nun wirklich nicht leisten, da ging es um ein fragiles Gleichgewicht zwischen den Interessen der Umwelt und jenen der Wirtschaft, genau wie in einem Ökosystem.

Auf Arte lief irgendeine Dokumentation, in der Forscher einen Gletscher mit schwarzen Plastikplanen am Weiterschmelzen zu hindern suchten, Ehemann Roland zappte weiter auf SRF, wo im Werbefenster gerade zartschmelzende Lindor-Kugeln im Schwarz eines Rachens verschwanden. Alles würde gut werden – für das Klima und für die Schweizer Wirtschaft. Und in Tschechien sorgten Kladno und Zlin dafür, dass die Alpiq nicht noch grössere Verluste schrieb. Zwar bewerkstelligten Kladno und Zlin dies, indem sie jede Menge Braunkohle verheizten und jede Menge CO2 in die Luft pusteten, aber Tschechien war weit weg, und sollte der Klimawandel wider Erwarten trotzdem mal die Schweiz erreichen, wusste Bundesrätin Doris Leuthard um den beruhigenden Umstand, dass Schweizer Atomkraftwerke gemäss neusten Analysen des Ensi gegen Hochwasser absolut ausreichend geschützt waren.

Susi Stühlinger empfiehlt wärmstens 
das wunderbare Lied «Klimawandel» von Stahlberger.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch