Nr. 46/2014 vom 13.11.2014

Tell wird ausgeschafft

Von Florian KellerMail an AutorIn

Es passiert gegen Ende von «Schweizer Helden». Da kommt plötzlich ein Moment von Selbstreflexion in diesen Film, und zwar ausgerechnet in Gestalt von Gilles Tschudi. Als Moderator eines Regionalsenders begrüsst er im Fernsehstudio die vereinsamte Hausfrau Sabine (Esther Gemsch), die mit Flüchtlingen aus einem Durchgangszentrum den «Tell» von Friedrich Schiller auf die Bühne bringen will. «Sie stellen Asylbewerber aus», sagt er zu ihr in scheinheiligster Empörung, «das wird doch ein Zirkus!» Mag sein, dass Autor und Regisseur Peter Luisi in dieser Szene auch seine eigenen Zweifel formuliert hat. Und dass er die zu erwartenden Vorwürfe hier zu entkräften sucht, indem er sie im Film vorwegnimmt.

Dabei liegen die Probleme von «Schweizer Helden» ganz woanders. Der Mythos vom Schweizer Nationalhelden, dramatisiert von einem fremden Dichter, soll als Laientheater mit Flüchtlingen aufgeführt werden: Das ist ja keine blöde Idee (und punktuell sogar lustig, wenn die Proben in eine unfreiwillige Tell-Persiflage abgleiten). Als dann ausgerechnet der schwarze Darsteller des Tells ausgeschafft werden soll, wird Sabines gut gemeinter Traum vom erbaulichen Gemeinschaftsprojekt jäh von der amtlichen Realität eingeholt.

Aber der Film hält diesen prekären Spagat selber nicht aus: Zwischen dem gar nicht lustigen Schauplatz und seinem komödiantischen Zugriff entscheidet sich Peter Luisi allzu oft für den dritten Weg der Sentimentalität. So herrscht bei den Flüchtlingen im Durchgangsheim von Anfang an eine Stimmung fast wie im Ferienlager – als ob der Regisseur seinen Figuren (und seinem Publikum) nicht zu viel gefährlichen Ballast aufbürden mochte. Da darf dann auch die interkulturelle Liebe samt romantischem Schlittelplausch nicht fehlen.

Mit anderen Worten: Nicht der Zirkus ist das Problem, sondern die Ferienkolonie. Und das Einzige, was hier ausgestellt wird, ist das unbedingte Bestreben zur fernsehtauglichen Sonntagabendgemütlichkeit. «Ich wollte keinen politischen Film machen», sagt Peter Luisi. Das zumindest ist ihm gelungen.

Ab 13. November 2014 
in den Kinos.

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