Nr. 11/2006 vom 16.03.2006

Draussen im Wald

In den letzten Jahren sind eine Reihe Kurzfilme entstanden, die zeigen, wohin die Schweizer Asylpolitik führt.

Von Bettina Dyttrich

Ein junger Mann aus Ex-Jugoslawien wartet in seiner Zelle auf die Ausschaffung. Der Fernseher läuft, eine aufgeregte Stimme kommentiert offenbar eine Militärparade. Der junge Mann döst vor sich hin und driftet in einen Albtraum seiner eigenen Hinrichtung. Das Aufwachen bringt keine Erleichterung: Die «Militärparade» stellt sich als Sechseläuten heraus, doch noch nie hat ein Sechseläuten so bedrohlich gewirkt wie in dieser Zelle, in diesem Film. Rolando Collas Kurzfilm «Einspruch» erzählt in wenigen Minuten eine Geschichte, die lange in Erinnerung bleibt. Neben den meisten anderen, grösstenteils unpolitischen Schweizer Kurzfilmen Ende der neunziger Jahre wirkte er wie ein Faustschlag.

Gewalt gegen sich selbst

In der Öffentlichkeit und in der politischen Debatte ist das Thema Asyl seit zwanzig Jahren präsent wie kaum ein anderes. Politkarrieren werden darauf gebaut, die Verschärfung der Asylpolitik soll einmal das Drogenproblem lösen, ein anderes Mal das Staatsbudget sanieren. Die Asylpolitik ist ein willkommenes Testfeld für repressive Massnahmen. Mit Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes: Wenn die Fremden so behandelt werden, haben bald auch alle anderen, die sich schlecht wehren können, nichts mehr zu lachen. Aber kaum jemand kennt die verborgene Realität der Unwillkommenen aus der Nähe. Wenn Journalistinnen, Schriftsteller, Filmerinnen ihre Geschichten nicht erzählen, erzählt sie niemand. Im Schweizer Kulturschaffen kommen sie so gut wie nicht vor. Immerhin: In den letzten Jahren haben verschiedene Filmschaffende Kurzfilme zum Thema gedreht.

Das Thema Flucht ist eine Konstante in der Arbeit des italienisch-schweizerischen Regisseurs Rolando Colla, auch in seinem langen Spielfilm «Oltre il confine», der in Italien spielt. Nach «Einspruch» drehte Colla noch drei weitere Asylkurzfilme. «Einspruch II» knüpft an «Einspruch» an. Auch hier ist es ein Asylsuchender, diesmal aus Russland, der sich vor seiner Ausschaffung fürchtet. Er ist zwar nicht im Gefängnis, sondern in einem Durchgangszentrum, aber im Grunde genauso isoliert: Gespräche gibt es im Film nicht, nur einen inneren Monolog. Hinter dem unbewegten Äusseren des Mannes zeigt dieser Monolog die unerträgliche Spannung, die in seinem Inneren herrscht. Er denkt darüber nach, gewalttätig zu werden, richtet die Gewalt letztlich aber nur gegen sich selbst. Der dritte «Einspruch» handelt von einem algerischen Flüchtling, der an der Schweizer Grenze zurückgewiesen wird. Dabei geht seine Beinprothese auf der Grenzwacht vergessen. Dauernd wird Gelächter eingeblendet wie in einer Comedyshow. Am Ende ist der Algerier ohne Bein in Deutschland, und die Schweizer Zollbeamtin streitet mit ihrem Chef darüber, was mit der Prothese geschehen soll. «Einspruch III» lehnt sich stilistisch an alte Schweizer Komödien an und entblösst dabei geschickt die bürokratischen Zollbehörden.

«Einspruch IV» ist nochmals ganz anders: Ein Aktivist einer Menschenrechtsorganisation sucht Informationen über einen Flüchtling, der in Ausschaffungshaft im Wallis gestorben ist. Bei Polizei und Behörden stösst er auf Abwehr, schliesslich gelingt es ihm aber, den zuständigen Regierungsrat zu einem Treffen mit der Mutter des Toten zu bewegen - auf dem Flughafen Genf, wenige Minuten bevor die Frau zurück nach Guinea fliegt. Der Regierungsrat setzt an zu einer wohldosierten Politikerrede, die Fragen der Mutter, wie ihr Sohn gestorben sei, bringen ihn jedoch völlig aus der Fassung. «Es gibt kein Mitgefühl in diesem Land», würgt er schliesslich unter Tränen hervor. «Nicht für Leute wie Ihren Sohn.»

Collas «Einsprüche» bringen das Thema in wenigen Minuten auf den Punkt. Alle Filme greifen reale Ereignisse auf: den Tod der Asylbewerber Khaled Abuzarifa und Samson Chukwu bei ihrer Ausschaffung oder den georgischen Flüchtling, der sich aus Protest verbrannte. In der Groteske «Einspruch III» erfahren die ZuschauerInnen ganz nebenbei, wie das Prinzip des «sicheren Drittstaates» funktioniert und dass Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen werden, ohne überhaupt ein Asylgesuch stellen zu können: «Bei einer formlosen Rückschaffung will man nichts mit der betreffenden Person zu tun haben», erklärt der Grenzbeamte seiner Untergebenen. «Sonst würde man sie ja reinlassen.»

Trotz der Kürze von Collas Filmen entwickeln die Darstellenden starke Identitäten, sie sind nie nur arme, austauschbare Opfer. Wenige Sätze deuten ihre Geschichten an, etwa wenn der Häftling in «Einspruch II» daran denkt, wie er als Kind Schmetterlinge gefangen hat. Auch die Musik ist in allen vier Filmen sehr bewusst ausgewählt. In den ersten beiden «Einsprüchen» sind es vor allem ferne, bedrohliche elektronische Töne, im zweiten Film auch eine summende Frauenstimme. «Einspruch III» bringt immer wieder dieselbe, penetrant-einfältige Melodie, die zum übersteigerten Komödiencharakter des Films passt. In «Einspruch IV» schliesslich gibt es nur im Abspann Musik: einen afrikanischen Chor, der den toten Asylbewerber auf dem Weg in sein Heimatland Guinea begleitet.

Doppelter Verlust

Die junge türkische Untergrundkämpferin Emine ist in die Schweiz geflüchtet. Nachdem fast alle ihre FreundInnen getötet wurden, hat sie an ihrer Partei zu zweifeln begonnen. Peter, ein junger Mann, der im Durchgangsheim arbeitet, verliebt sich in sie. Für die junge Frau ist es jedoch nach ihren traumatischen Erfahrungen schwierig, Vertrauen zu ihm zu fassen.

Esen Isik, die Regisseurin von «Reise ohne Rückkehr», ist 1990 als Zwanzigjährige aus der Türkei in die Schweiz gekommen. In Zürich hat sie eine Ausbildung als Filmgestalterin abgeschlossen. «Reise ohne Rückkehr» hat sie nach intensiven Gesprächen mit türkischen und kurdischen Flüchtlingen gedreht.

Manche Figuren im Film sind gar einfach gezeichnet, zum Beispiel der unsympathische, hyperkonforme Heimleiter. Auch Emines Freund Peter hat wenig Konturen, er ist in erster Linie lieb. Und die HeimbewohnerInnen werden etwas geschönt als solidarische Gemeinschaft dargestellt. Die Stärke des Films ist hingegen Sevine Yildiz’ Darstellung von Emine. Sie hat ihre Heimat im doppelten Sinn verlassen: Sie ist allein in einem fremden Land, hat aber auch ihre politische Heimat verloren - den Glauben an die Organisation, für die sie ihr halbes Leben gekämpft hat und der alle ihre FreundInnen angehörten. «Reise ohne Rückkehr» vermittelt eine Ahnung davon, was das bedeutet.

Der Film macht auch aus einem anderen Grund nachdenklich: Er zeigt, wie schnell sich die Asylpolitik in den letzten Jahren verschärft hat und welche Zustände inzwischen als normal gelten. Denn im Vergleich zu heute, wo Asylsuchende mit Nichteintretensentscheid auf der Strasse stehen oder in Zivilschutzbunkern übernachten, wirkt die Unterkunft von Emine fast idyllisch. Zumindest auf den ersten Blick: Die Asylsuchenden haben zum Teil eigene Zimmer, können kochen und Kuchen backen, wann sie wollen, und haben viele soziale Kontakte. Bei genauerem Hinschauen ist freilich auch das Leben in einem solchen Zentrum entmündigend.

Im Wald und im Keller

Am 1. April 2004 wurden Asylsuchenden, auf deren Gesuch nicht eingetreten wird, die Fürsorgeleistungen gestrichen. Seither erhalten sie nur noch Nothilfe. Einige Kantone, zum Beispiel Solothurn, stellten die Asylsuchenden einfach auf die Strasse. In Solothurn drehte Charles Heller seinen Dokumentarfilm «NEM - NEE (Non-entrée en matière - Nichteintretensentscheid)».

«NEM - NEE» beginnt im Wald. Drei afrikanische Asylsuchende leben dort, schlafen sitzend unter dem Dach einer Hütte, die wichtigsten persönlichen Gegenstände in Abfallsäcke verpackt. «This life is shit», sagt einer von ihnen. «Wir sind müde und verwirrt, bitte tun Sie etwas, bevor wir zusammenbrechen.» Heller begleitet «NEEs» zu den Orten, an denen sie die letzten Monate verbracht haben: Wer nicht im Wald schläft, sucht sich einen Keller oder einen Wartesaal, bis er entdeckt und wieder vertrieben wird. Einige schleichen sich immer wieder zu Bekannten in die Asylbaracke - die sie nach dem Nichteintretensentscheid nicht mehr betreten dürften -, um eine warme Mahlzeit zubereiten oder ein paar Stunden schlafen zu können. Dazwischen spricht der Filmemacher mit einem Beamten vom Bundesamt für Migration und einer Aktivistin von SOS Racisme und erzählt die Entwicklung nach, die zur heutigen Situation führte.

Charles Heller will aufklären - es geht ihm nicht in erster Linie um atmosphärische Bilder. Trotzdem vermittelt der Film auch visuell einen Eindruck vom Raum, in dem sich die NEEs bewegen: Keller, Wartesaal, Park, Ausfallstrassen. Die alltägliche Schweiz, die wir alle täglich wie im Schlaf durchqueren, ist ihr Wohnraum. Ein ziemlich hässlicher Wohnraum, der nach einem unverständlichen Muster in Territorien unterteilt ist: Die Kantonsgrenzen, die für SchweizerInnen nur bezüglich Wahlen und Autonummern eine Bedeutung haben, sind für die NEEs Barrieren: In anderen Kantonen als dem zugeteilten haben sie nichts zu suchen.

Der Film lässt die Abgewiesenen ausführlich zu Wort kommen. Sie erzählen von den Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen wie Waschen, Rasieren oder Kochen und vom normalen, banalen Rassimus: «Essen könnt ihr in Afrika», sagt eine Gefängniswärterin, «Du bist ein Parasit, kein Mensch», ein Beamter. Am Schluss verrät der Beamte des Bundesamtes für Migration, dass humanitäre Organisationen diesen Menschen mit der Zeit dann schon helfen würden, ja dass das von Anfang an geplant gewesen sei. Wer - wie zum Beispiel das Solidaritätsnetz Ostschweiz - NEEs unterstützt, wird also zum Erfüllungsgehilfen von Christoph Blochers Politik. Dieser kommt dann auch noch kurz ins Bild und propagiert das neue, verschärfte Asylgesetz, das auch alle abgewiesenen Asylsuchenden von der Fürsorge ausschliessen soll. Die «ErfüllungsgehilfInnen» sind die einzige Hoffnung, dass sich die Talfahrt stoppen lässt. Denn ihr Engagement hört zum Glück nicht beim Suppeverteilen auf.

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