Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Ach, diese elendiglichen Pfaffen

Von Nina Kunz*

Diese Geschichte hat alles, was es für eine gute Weihnachtsgeschichte braucht: Gerechtigkeit, Christen und Kommunistinnen. Zu den Letzteren: 1875 schrieb Karl Marx über das ideale Zusammenleben: «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!» Marx war zwar ein Religionskritiker, doch diese Idee ist bereits in der Bibel zu finden. Im Neuen Testament, Apostelgeschichte 2, Vers 44 und 45, steht zur christlichen Urgemeinschaft: «Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel er nötig hatte.» Sind ChristInnen die idealen KommunistInnen, ohne es zu wissen?

Rosa Luxemburg würde sagen: Jein. Warum, ist in der Broschüre «Kirche und Sozialismus» nachzulesen. Den Text hat sie während der Russischen Revolution 1905 gegen die antisozialistische Propaganda der Kirche veröffentlicht. Luxemburg findet zwar, dass Urchristentum und Kommunismus eigentlich dieselben Werte hochhielten – nur leider sei die Kirche im Verlauf ihrer Geschichte korrupt geworden.

Diese Geschichte handelt sie auf 26 Seiten so rasant ab, dass manche Verkürzung unvermeidbar ist: Die Geschichte beginnt im antiken Rom, wo kein Kapitalismus, sondern Sklaverei herrscht. Die Hoffnungslosen suchen Trost im Himmel. So entsteht das Christentum. Die Gläubigen fordern das gemeinsame Eigentum – also, tollkühn nach Luxemburg, den Kommunismus. Je grösser die Gemeinschaft wird, desto schwieriger wird das Teilen, Volk und Klerus entzweien sich. Im Mittelalter verkommt das Christentum zu einem «Evangelium des Trosts» für die Armen, während die Geistlichen zu Grossgrundbesitzern werden. Im Kapitalismus verbindet sich der Klerus mit dem Industriebürgertum, wird die Kirche Teil der herrschenden Klasse und ist daher zu bekämpfen.

Von den UrkommunistInnen zum Urfeind des Kommunismus: Es ist eine steile Karriere der Kirche, die Luxemburg schildert.

Um es sich mit engagierten Gläubigen nicht ganz zu verscherzen, versichert Luxemburg: «Die Sozialdemokratie nimmt niemandem seinen Glauben und kämpft nicht gegen die Religion! Sie fordert dagegen völlige Gewissensfreiheit für jeden und Achtung vor jeglichem Bekenntnis und jeglicher Überzeugung.» Darin klingt ihr späterer berühmter Spruch an, wonach es keinen Sozialismus ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Sozialismus gebe.

* Wunsch von 
Alexia Zeller: «Zu ‹Kirche und Sozia
lismus› von Rosa Luxemburg.»

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