Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Niemand Sklave und niemand Herr

In der Bibel findet sich eine Anleitung zum politischen Handeln gegen ein übermächtiges Weltsystem. Diese Interpretation des holländischen Theologen Ton Veerkamp ist auch für ReligionsverächterInnen interessant.

Von Ekkehart Krippendorff

«Das Buch ist eine Übung in politischer Lektüre», heisst es im Vorwort von «Die Welt anders», und zwar einer Lektüre des sogenannt Alten und der vier Evangelien des Neuen Testaments. Darin findet sich die «Grosse Erzählung», der «politische Entwurf des jüdischen Volkes für eine Gesellschaft, in der niemand Sklave und niemand Herr sein soll».

Wohlgemerkt: des jüdischen Volkes, aus dem sich in einem langsamen und von Ton Veerkamp minuziös rekonstruierten Prozess die ChristInnen als theologisch abweichende und auf die Figur Christi fixierte Minderheit herauslösten und dabei auch nichtjüdische Mitglieder aufnahmen. Auf dem komplizierten Weg von einer staatlich verfolgten Gemeinschaft zur Staatsreligion des Römischen Reichs nahmen sie zwar die Grosse Erzählung mit, die mit der Niederschlagung der judäischen Aufstände gegen die römische Besatzung und der Tempelzerstörung in Jerusalem vom Vergessen bedroht war. Aber diese Bewahrung des revolutionären Potenzials der Grossen Erzählung geschah um «den Preis der oft hemmungslosen Anpassung an eine Welt der Ungleichheit und Unfreiheit». – «Auslöschen», so resümiert Veerkamp zum Auftakt, «konnte es die Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit nie. Die Erzählung bleibt.»

Die «Thorarepublik»

Mit dem Judentum war spätestens im 7. Jahrhundert vor Christus etwas radikal Neues in die theologisch so ungemein fruchtbare und vielgesichtige Welt des Orients mit ihren mythologischen Erzählungen und ihrer Götterwelt gekommen. Es war die unerhörte Idee von Gleichheit und Autonomie, die Entdeckung des nur einen Gottes als «Funktionsbegriff» statt eines allmächtigen Wesens: die angestrebte und teilweise auch verwirklichte Konstruktion eines Gemeinwesens auf der Basis eines schriftlichen Dokuments, der Thora als quasi erster Verfassung einer politischen Gemeinschaft.

Der Theologe Veerkamp nennt diese Gemeinschaft die «Thorarepublik». Von hier ausgehend entwickelte sich die Grosse Erzählung vor allem in den jüdischen Gemeinden über mindestens ein Jahrtausend und nahm schriftliche Gestalt an. Faszinierend dabei ist die Rolle der grossen Propheten als Mahner und geistige Führer, die – vor allem in den Kämpfen gegen die römische Besatzung – die grossen Visionen von Gleichheit und Autonomie am Leben erhielten und bis in die Christengemeinden hinein wirkten. Die theologische Verarbeitung der Erfolglosigkeit der judäischen Kriege führte zu neuen Diskursen um die Figur des Jesus. War er der Messias? Oder wenigstens eine messianische Gestalt, die den Erlösungsgedanken so vieler Gemeinden beflügelte? «Wer die ‹Evangelien› ohne den Judäischen Krieg liest, geht an der Sache vorbei. Alle vier erzählen das ‹Scheitern› des Messias.» Radikal interpretiert Veerkamp so die jüdisch-christlichen Diskurse und die Schlussfolgerung, die Paulus aus den Niederlagen der Aufstände und vor allem aus der Verurteilung und Hinrichtung Jesu zieht.

Die Kreuzigung als Sieg

Wir können hier den Ursprung einer Neubestimmung des Politischen aus dem Geist des erst viel später so genannten Pazifismus festmachen. Der Realpolitiker Paulus hatte erkannt, dass dem übermächtigen Römischen Reich mit militärischen Mitteln nicht beizukommen war. Die Kreuzigung Christi – das bewusst und freiwillig akzeptierte Todesurteil – sei ein grosser, langfristig einzig möglicher Sieg über Rom und dessen Machtpolitik, ein modellhaftes Vorbild für den späteren Messias, «weil Jesus nicht auf ‹römische› Weise siegte, sondern so, dass alles Militärische ad absurdum geführt wird». Insofern ist die Kreuzigung und die geglaubte Auferstehung theologisch-realpolitisch geradezu notwendig: «Die Auseinandersetzung mit der herrschenden Weltordnung kann nicht mit den Mitteln dieser Weltordnung ausgetragen werden. Der Gekreuzigte siegt durch seine Auferstehung über das Weltsystem des Römischen Reiches, und alle militärischen Gegenstrategien sind zum Scheitern verurteilt.»

Zukunftsmusik fürs Jenseits

Was aber ist mit dem christlich-jüdischen Verhältnis? Die fast uneingeschränkte Symbiose der korrumpierten christlichen Version der Grossen Erzählung mit den jeweils Mächtigen, mit dem Staat, angefangen mit dem Frieden, den die Christen mit dem Hellenismus machten und fortsetzten als Staatsreligion des Römischen Reichs – diese Symbiose trug die Revolution von «Freiheit und Autonomie» nur noch im Handgepäck und rhetorisch mit sich, aber nicht mehr im Herzen: Zukunftsmusik für das Jenseits der Seelen. Die JüdInnen, deren Identität aufs Engste verbunden war mit der Grossen Erzählung, wurden damit zwangsläufig zu Störenfrieden. Verfolgungen durch radikale, von den Kirchenoberen angestiftete Christen sind seit dem 4. Jahrhundert bezeugt. Es waren, so Veerkamp, «die ersten Schritte auf dem Wege nach Auschwitz»: Deswegen habe niemand das Recht, «heute die abendländische, angeblich ‹jüdisch-christliche› Tradition zu beschwören. Es gab sie nie, es gab allenfalls eine ‹antijüdisch-christliche› Tradition.»

Das Buch wurde geschrieben als historischer Abgesang: Die Grosse Erzählung der Bibel ist mit ihrer radikaldemokratischen Botschaft zum Gerücht geworden. Sie hatte untergründig noch bis in die Menschenrechtstradition der Französischen Revolution fortgewirkt – Freiheit, Gleichheit, Solidarität ruhen auf diesem urreligiösen Fundament. Im 20. Jahrhundert aber wurde sie wohl endgültig tote Geschichte. Veerkamp bitter: «Die Mauer ist weg. Am 9. November 1989 war der zum Spuk verkommene Marxismus – die letzte sich noch an die Grosse Erzählung erinnernde Bewegung – vorbei. Die Grossen Erzählungen wurden entsorgt. Es kommt nichts mehr, kein siebter Tag.»

Wir sind damit ärmer geworden, orientierungslos, wir, zumindest die Menschen der «westlichen Kultur», haben «kein Obdach» mehr, aus dessen Schutz wir «Freiheit und Autonomie» wiederbeleben und gestalten können. Und doch gilt: Nur wer sich der Vergangenheit bewusst ist, hat Zukunft. In der Sprache ist die Grosse Erzählung aufbewahrt – und dort abrufbar.

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