Nr. 51/2014 vom 18.12.2014

Frühe Agglokritik

Von Stephan Müller*

In den achtziger Jahren führte die WOZ ein «Politisches Tagebuch», in dem sich Aussenstehende zum politischen Geschehen vernehmen liessen. Mitte der neunziger Jahre wurde es eingestellt. Besonderen Eindruck gemacht hat eines von Christoph Bauer: «Das alltägliche Gestammel meines zur Melancholie neigenden Papierkorbes» (siehe WOZ Nr. 41/1988), das Leser Andreas Huber als «geradezu zeitloses Dokument» apostrophiert. Hier ein Ausschnitt:

«ich fahre mit der vespa durch die landesübliche hässlichkeit. kühe, berge, autobahnen und geranien. besonders die halb städtischen, halb ländlichen gegenden sind von einer unnachahmlichen abscheulichkeit. trotz der einsamkeit, welche die wohnblöcke ausstrahlen, stinkts hier zu allem übel nach mist, und die herausgeputzten gasthöfe besitzen etwas nachgeäfft biederbäurisches. ich möchte hier nicht gestorben sein.»

2011 hat Fredi Lerch in der WOZ Christoph Bauer porträtiert. Der 1956 geborene Bauer hatte sich in der Freiburger Genossenschaftsbuchhandlung Lindwurm und im Eco-Verlag engagiert und sieben Bücher veröffentlicht, darunter die «Volkstümliche Enzyklopädie alltäglicher Widerlichkeiten» (1990). Doch Mitte der neunziger Jahre «begann das Netz dieser Subkultur zu reissen». Obwohl Bauer weiter- schrieb, erschien von ihm erst wieder 2004 ein Buch, «Die natürliche Bescheidenheit der Gurken». Seit 2009 arbeitet er als freischaffender Autor und Zeichner sowie teilzeitlicher Buchhändler. Als jüngstes Buch ist von ihm 2011 «Der Bericht» im Songdog-Verlag erschienen.

Bezüglich der achtziger Jahre zitierte Lerch ihn so: «In jenen Jahren, sagt Bauer, habe er sich von der Zeit getragen gefühlt. Geschrieben habe er, was in der Luft gelegen habe; Texte, die aus heutiger Sicht sehr tief in der damaligen Zeit verwurzelt seien: ‹Ich war gar nicht mehr ich selbst, sondern das Sprachrohr eines Aufbruchs›» (siehe WOZ Nr. 31/2011).

Liest man heute sein «Politisches Tagebuch» von 1988, ist dieser Selbsteinschätzung von Christoph Bauer, ein «Sprachrohr» gewesen zu sein, womöglich zuzustimmen. Hat die Agglokritik des damaligen «Aufbruchs» mittlerweile in eine Agglomerationspolitik gemündet, die sich 2014 auch in der Ecopop-Diskussion zeigte?

* Wunsch von Andreas Huber: «Bringt ein ‹Politisches Tagebuch› von Chr. Bauer.»

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