Nr. 14/2011 vom 07.04.2011

«Ein Glück, dass wir überlebt haben»

Einst gab es in jeder Schweizer Stadt eine Genossenschaftsbuchhandlung. Die St. Galler Comedia schafft den Spagat zwischen selbstbestimmtem Arbeiten, politischem Bewusstsein und Markt seit beinahe dreissig Jahren.

Von Andreas Fagetti

Comics über die Geschichte der Cosa Nostra, Kurzgeschichten aus Marokko, die anspruchsvollen Bände des kanadischen Comicreporters Guy Delisle oder bloss «Tim und Struppi» – Tausende Hefte und Bände füllen die Regale und Auslagetische in der Comedia-Buchhandlung in St. Gallen. Dieses unüberschaubare Angebot ist nicht mehr bloss Augenweide für picklige junge Männer. Längst zählen auch Frauen zur Comicgemeinde. «Comics haftete lange der Ruch des Sexismus und der billigen Unterhaltung an», sagt Pius Frey, der zum Gründungsteam der Genossenschaftsbuchhandlung gehört. «Allein aus diesem Grund waren wir für manche pfui.»

Heute führt fast jede Buchhandlung Comics. Aber die Comedia ist und bleibt das unbestrittene Kompetenzzentrum in St. Gallen. Das hat ihr neben einer treuen Stammkundschaft und Grosskunden bis heute das Überleben ermöglicht. «Entscheidend war, dass wir eine offene Buchhandlung ohne ideologische Grenzzäune sind», sagt Frey. Das Ladenteam kennt kaum Berührungsängste, und so verkehren an der Katharinengasse neben FreundInnen der schönen Literatur, politisch Interessierten und Comicfans sogar Rocker.

Ideologisch zubetoniert

Die Comedia wuchs 1983 aus einem ehemaligen Comicladen heraus. Sie war ein Kind bewegter Zeiten. Wie die Genossenschaftsbeiz Schwarzer Engel, die Grabenhalle und die Kunsthalle. Bis dahin war St. Gallen eine verstaubte Provinzstadt gewesen. Alles Linke war verdächtig, es herrschte kalter Krieg. Ideologische Betonmauern gab es auch im Buchhandel. In den sechziger Jahren eröffnete Hans-Peter Kaeser, ein liberaler Sozialdemokrat aus Zürich, eine Buchhandlung. Erstmals konnten auch St. GallerInnen Marcuse, Adorno und Bloch um die Ecke kaufen.

Eine Anekdote sagt mehr über das damalige St. Gallen als ausufernde Beschreibungen: Buchhändler Kaeser führte auch den von der Bundespolizei verbotenen Schülerbestseller «Das kleine rote Schülerbuch». Ein bürgerlicher Buchhändlerkollege wies brieflich diskret auf die Gefahren hin, denen er sich damit aussetzte. Kaeser beliess das Büchlein im Schaufenster. Bald blieben die grossen Bestellungen von der HSG aus. Der Buchhändler verkaufte schliesslich seine beiden Läden.

Wieder war St. Gallen ohne alternative Buchhandlung. Bis 1975 Anjuska Weil, Sekretärin der St. Galler PdA-Sektion, einen Reise- und Bücherladen eröffnete. Neben ihrer Arbeit für das Parteisekretariat führte sie dort ein Angebot, das vor allem Literatur aus der DDR, Osteuropa-Reisebücher, Schallplatten und Kunsthandwerk aus der Sowjetunion umfasste.

Mit Vorurteilen hatte auch die Comedia zu kämpfen. In der Linken kam der Aufbruch allerdings gut an. Viele aus der Kultur- und Politszene zeichneten Anteilscheine. Dennoch ist die Geschichte der Genossenschaft von Auf und Ab geprägt. Immer wieder stand sie vor dem Aus, rappelte sich hoch, baute den Laden aus und lernte dazu. Auch in der Comedia hemmten ideologische Grabenkämpfe das Geschäft mit den Büchern. Interessierte sich ein Mitglied des Teams gerade für Gentechnologie, fand die Kundschaft bald ein ganzes Gestell einschlägiger Literatur in der Comedia. Es konnte auch gut sein, dass sich ein Autogegner aus der Genossenschaft über ein Autobuch im Sortiment aufregte und dessen Entfernung verlangte.

«Wir haben alle Kinderkrankheiten durchgemacht. Wir haben Glück gehabt, dass wir überlebt haben», sagt Pius Frey. Weltoffenheit und Realismus in Geschäftsdingen sind nach Freys Ansicht der Grund dafür. Von den Schweizer Genossenschaftsbuchhandlungen, die sich in den achtziger Jahren regelmässig zum Gedankenaustausch trafen, hat nur die Comedia überlebt. «Wir waren da manchen zu wenig linientreu. Eine kleine Buchhandlung muss weltoffen sein, sonst funktioniert es ohnehin nicht», sagt Frey.

Meienberg und Parin lasen hier

Für diese Offenheit stehen auch die Lesungen und Kulturanlässe im eigens dafür ausgebauten Kellerraum der Comedia. Las Niklaus Meienberg in St. Gallen, war klar, dass seine Fangemeinde in die Comedia kommen musste. Das Plakat zum 20-Jahr-Jubiläum legt Zeugnis vom Beitrag ab, den die Buchhandlung zum geistigen Leben der Stadt St. Gallen beigetragen hat: Otto F. Walter hat hier gelesen, Paul Parin, Hans Saner, Herta Müller, Ruth Schweikert, Juri Rytcheu und Klaus Theweleit. Auch regionale AutorInnen finden hier immer wieder eine Bühne.

Mittlerweile ist die Hoch-Zeit der Comedia-Lesungen vorbei. Der Aufwand ist enorm, die ZuhörerInnen bleiben oft ganz aus. Als Günter Amendt sein Buch über Ecstasy vorstellte und daraus las, kamen nur ganz wenige Interessierte. Im Büro der Buchhandlung füllen Bücher von AutorInnen, die hier gelesen haben, ein Gestell. «Mittlerweile machen wir bloss noch ein oder zwei Lesungen im Jahr», sagt Frey. Denn auch andere Buchhandlungen inszenieren inzwischen AutorInnen – und verlangen dafür Eintrittsgeld.

Trotzdem herrscht gute Stimmung im Ladenteam. Die Geschäfte laufen ansprechend. «Wir können unsere Rechnungen bezahlen», bemerkt Pius Frey trocken. Die turbulenten Gründerjahre sind vorbei, die Buchhandlung wird professionell geführt, wirtschaftliches Denken ist wichtig, wenn man überleben will. Letztlich müssen die Miete, die Einheitslöhne und die Rechnungen bezahlt sein. Sonst nützt das beste Sortiment nichts. Mitunter beschäftigte die Comedia fünf Personen in Teilzeitstellen. Heute sind es noch drei – Sandra Tschümperlin, Lea Hotz und Pius Frey. Alle machen alles. Sie leisten Verwaltungsarbeit, stehen im Laden und beraten die Kundschaft.

Sandra Tschümperlin arbeitet seit dreizehn Jahren im Team. Nach einer Buchhändlerinnenlehre stieg sie aus dem Beruf aus und kehrte erst wieder zurück, als sie von der Comedia angefragt wurde. «Mir gefällt hier, dass ich selbstbestimmt arbeiten und alles machen kann. Ich bin nicht wie in einer Grossbuchhandlung auf Kochbücher oder Kunstbände beschränkt», sagt sie. Lea Hotz ist seit fünf Jahren dabei und studiert nebenbei, Pius Frey steht seit beinahe dreissig Jahren im Laden. Wer wie viel arbeitet, wird Woche für Woche ausgehandelt. «Mit dieser Teamgrösse fällt für jeden genug Arbeitszeit ab, um vom Lohn halbwegs leben zu können», sagt Sandra Tschümperlin. Lust auf mehr Comedia haben Tschümperlin und Frey auf jeden Fall. «Aber das hängt nicht allein von uns ab, sondern vom Geschäftsgang. Wir schauen Monat für Monat.»

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