Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Lakonischer Herbst des Lebens

Von Hans Ulrich Probst

Der 71-jährige Aargauer Autor Christian Haller hat vor allem als Romancier, namentlich mit seiner «Trilogie der Erinnerung» zur Geschichte seiner Familie und der Schweiz im 20. Jahrhundert, eindrückliche Werke veröffentlicht. Doch Haller schreibt seit Jahrzehnten auch Gedichte, die meisten davon sind nicht publiziert – leider, muss man sagen nach der Lektüre des Gedichtbandes «Laub vor dem Winter».

Das sind im mehrfachen Sinn Herbst- und Wintergedichte: Das lyrische Ich dieser Texte verhehlt nie, dass es im Herbst des Lebens steht, und so dominiert eine melancholische Grundstimmung. In lakonischer Gelassenheit blickt Haller auf Gelingen und Scheitern zurück. Ganz gewöhnliche ebenso wie einmalige Augenblicke erfasst er in punktgenauer Sprache. Ein kleines Juwel schon das Titelgedicht, das mit sechzehn Wörtern auskommt und offenlässt, ob hier der auf Blätter schreibende Dichter oder ein Baum spricht: «Spät im Jahr / verschicke ich / die Blätter / als Zugvögel / letzte Nachrichten / vom Laub / vor dem Winter».

Haller lebt in Laufenburg direkt am Rhein und blickt aus seinem Arbeitszimmer täglich auf den mal trägen, mal stürmischen Fluss und auf viele Baumkronen; aus dieser Konfrontation mit dem steten Vergehen entwickelt er nicht nur zarte Elegien des Abschieds, sondern auch Texte voll Selbstironie. Dabei durchdringt der ausgebildete Naturwissenschaftler Haller alles, was er sieht, und schildert immer im Wissen um die unsichtbaren Schichten dahinter. Im zähen Ringen mit der Sprache bis an die Grenze des Sagbaren verliert er sich nie im poetischen Ungefähren, sondern zielt stets aufs Einfache, wie in dieser doppelbödigen Lebensbilanz: «Dein Leben stellt sich / als Album dar: Fotos / unbeholfen eingeklebt / schief gerutscht / die Sonnenuntergänge / abgeschnitten die Füsse / die Liebste unscharf – / genau so war es / ist es gewesen / ich erinnere mich».

Christian Haller misst in seinen Gedichten nicht nur die Natur oder den Himmel aus, wie er einmal schreibt, sondern in spielerischem Ernst geht es immer ums Ganze seiner Existenz.

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