Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Sprache finden als Lebensrettung

In seinem autobiografischen Roman «Die verborgenen Ufer» ergründet der 72-jährige Aargauer Autor Christian Haller die Bruchstellen und Entwicklungslinien seiner Kindheit.

Von Hans Ulrich Probst

Aus selbstironischer Halbdistanz: Christian Haller. Foto: T + T Fotografie / Toni Suter + Tanja Dorendorf

Welch fulminanter Einstieg: Der Ich-Erzähler, in einem Haus am Rhein in Laufenburg wohnhaft, erwacht früh an einem Sommermorgen und spürt die Hausmauern zittern, dann brechen – das Hochwasser hat einen Teil seines Hauses weggerissen. Diese existenzbedrohende Katastrophe – niemand wird für den gewaltigen Schaden bezahlen wollen – ruft im Kopf des Erzählers die Erinnerung an die diversen ökonomischen Zusammenbrüche des Vaters hervor. Vor allem aber auch jene an das Unglück seiner Lebenspartnerin dreissig Jahre zuvor, als eine Hirnblutung ihre eine Körperhälfte wegbrach und sie in partieller Lähmung zurückliess.

Wegen des Unglücks durch Naturgewalt erneut am «Nullpunkt der Existenz» angekommen, sieht der Verfasser gescheitert, was er sich einst vorgenommen hatte: «Den Neigungen zu folgen, doch die Fallen zu meiden, die das Leben bereithielt.» Und nun beginnt er seinen «Kindheitsmustern» nachzuspüren, seinen Lebensweg erinnernd zu erzählen, wobei sich die persönliche Geschichte mit jener der Familie, der Gesellschaft, der Epoche, der Sitten verschränkt.

Solches Verfahren kennzeichnet bereits Christian Hallers Roman-«Trilogie des Erinnerns», die, ausgehend von den Schicksalen der Mutter («Die verschluckte Musik», 2001), des Grossvaters («Das schwarze Eisen», 2004) und des Vaters («Die besseren Zeiten», 2006), die gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen in der Schweiz und in Europa über viele Jahrzehnte hinweg in den Blick nimmt. Ein unterschätztes Hauptwerk der Schweizer Literatur des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, so historisch präzis wie anschaulich poetisch.

Der Wunsch, Schauspieler zu werden

Jetzt richtet der erfahrene Autor in «Die verborgenen Ufer» die Scheinwerfer mit gleicher Schonungslosigkeit auf das eigene Leben. Geboren im kalten Kriegswinter 1943 in Brugg, wächst der Erzähler ab vier Jahren im urban-modernen Basel auf, wo die Eltern sich wohlfühlen und das Kind trotz eines brutalen Lehrers die Wörter und Farben entdeckt. Doch die Familie wird vom autoritären Grossvater erneut in den Aargau verpflanzt, und der Protagonist muss bald zusehen, wie sein Vater – vom Bruder aus der gemeinsamen Firma gedrängt – zusammenbricht. Das ist eine Schlüsselszene, während die immer ihrem Kindheitsrumänien nachtrauernde Mutter sich als «Exilantin» fühlt und den Jungen die «Kraft, die im Erinnern lag» lehrt. Früh begreift dieser, dass er sich eine von der Familie «unabhängige Welt schaffen» muss. Haller erzählt dramaturgisch gekonnt, in klug gewählten kompakten Szenen, die auch schwierige Momente in eine bildstarke Sprache fassen.

Im zweiten Teil sehen wir den jungen Helden als mässig interessierten Schüler, der umso begeisterter die Weltliteratur und die Bühne entdeckt. Er besteht die Prüfung fürs Lehrerseminar Wettingen, und im düsteren Klosterbau im provinziellen Mief der endenden fünfziger Jahre und im Umfeld autoritärer «Pädagogen» reift der Wunsch, Schauspieler zu werden. Der Tod im «Jedermann» wird zur ersten Rolle. Eine erste, anrührend und sinnlich-subtil geschilderte Liebesbeziehung zu Véronique bricht der schüchterne Jüngling zunächst ab. Ein Jahr später wird sie wiederaufgenommen; als der Vater den beiden gemeinsame Ferien schroff verwehrt, fährt der Protagonist allein ins Tessin, durchstreift die üppig-wilden Täler. Und dann wird der Leser Zeuge der Geburt des Schriftstellers: Aus der einsamen, intensiven Auseinandersetzung mit Natur und Sprache heraus gelingt das erste Gedicht. Die Liebe zu Véronique dagegen kommt zu einem abrupten Ende.

Zwischen Anspruch und Realität

Im dritten Teil findet der Seminarist zunächst im Jugendbuchautor Max Voegeli einen verständigen Mentor; nach dem Abschluss absolviert er widerwillig die Rekrutenschule und eine Anstellung als Junglehrer, um sich dann endgültig einer poetischen Existenz zu verschreiben. Im Zürcher Niederdorf bewohnt er winzige Mansarden, übernimmt Gelegenheitsjobs, immer auf der Suche nach einer Freundin, die den so verklemmten wie hochtrabenden Jungdichter anzunehmen wüsste, wie er ist.

Grossartig, wie Haller vom kindnahen ernsten Ton der ersten Kapitel zu einer selbstironischen Halbdistanz zu wechseln versteht, wie er ohne Beschönigung und mit feinem Humor die Klüfte zwischen Anspruch und Realität ausleuchtet. Am Ende steht die Begegnung mit der Schauspielschülerin Pippa, deren weltläufiges Schauspielerelternhaus ihm neue Horizonte eröffnet und zeigt, dass Familie auch anders sein kann, denn noch ist der Anfangzwanziger «zutiefst überzeugt, dass die Familie ein gefährliches und zerstörerisches Element im Leben eines Menschen» sei. Mit Pippa zusammen sieht er sich bereit zu einer riskanten freien Künstlerexistenz, ebenso mutig wie die Konstruktion seines Hauses über dem Rhein.

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