Nr. 06/2015 vom 05.02.2015

Boomender Markt

Ruedi Widmer über die Überwindung der Satirekrise

Von Ruedi Widmer

Jetzt sind endlich wieder alle auf dem Boden der Satire angekommen. Die SatirikerInnen machen wieder normale, handelsübliche Satire und die PolitikerInnen oder Politikberufenen sich zum Affen. So, wie es seit Menschengedenken ist und zu sein hat.

Man stelle sich vor, es wäre weitergegangen wie Anfang Jahr: Andreas Thiel hätte seine Muslimwitze erzählt und Schawinski sich vor Lachen nicht mehr halten können (und ich mich auch nicht). Gabriel Vetter hätte den SVP-Satirepreis gewonnen, und in der Laudatio hätte Lukas Reimann gesagt: «Wir Politiker müssen lernen, über uns selbst zu lachen. Nur so können wir wie die Satiriker von ‹Charlie Hebdo› das Abendland gegen den Islam verteidigen.» Die Redaktion des Satiremagazins «Titanic» wäre beim Merkel zum Apéro eingeladen worden, weil diese ja immer so meinungsfreiheitliche Witze über sie mache. Sie habe sich zwar über «Darf das Kanzler werden?» geärgert, sich dann aber nach Rücksprache mit Bundespräsident Gauck doch reuig Richtung Paris gerichtet und für die Freiheit gebetet. 

Oder der deutsche Altbundespräsident Christian Wulff wäre zum Kondolenzbesuch nach Saudi-Arabien geflogen, wo jener König gestorben ist, der Blogger auspeitschen lässt, auf dem Balkan wahhabitische Moscheen baut und mit antiwestlichen Terroristen finanziellen Umgang pflegt. 

Stattdessen gehts endlich wieder ganz normal absurd zu und her. Altpegidist Lutz Bachmann hat, nachdem er noch die Meinungsfreiheit an einem seiner Menschenaufläufe hochgehalten und gar «Je suis Charlie» gebrummelt hatte, flugs die «Titanic» angeklagt, weil sie einen Witz über sein Verhalten gemacht hat. Und der Wulff ist wirklich nach Saudi-Arabien geflogen, aber die mächtigen GelegenheitsdemonstrantInnen der berühmten gesicherten Pariser Seitengasse wagten selbstverständlich nicht, ihren mutigen Kampf für Mohammed-Karikaturen nach Riad zu tragen. Schliesslich stehen noch viele Waffenlieferungen an den Wüstenstaat an. Und der linksextreme Grieche Tsipras turtelt mit Putin herum, weil Putin schliesslich auch Feind der EU ist, und, siehe da, auch Marine Le Pen, Nigel Farage und weitere Linksextremisten.

Der IS meldet inzwischen, man dürfe den boomenden Satiremarkt nicht den Ungläubigen überlassen. Auch IS-Leute lachten gerne, über Waffen-, Blut-, Christen- und Frauenwitze. Zum Beispiel über die kommenden Frühlingsfarben der IS-Mode, Schwarz, Schwarz, Schwarz und Schwarz. Oder darüber, wie die Burka inwendig genau an der Frau festgemacht wird: mit dem Burkhalter. 

Der bis dato unsichtbare Burkhalter hat ja 2014 grossen Respekt erlangt, im Gegensatz zu Parteikollege Johann Schneider-Ammann, der eigentlich einen Sprachmindestkurs nötig hätte, um die Franken-Euro-Krise verbal zu bewältigen. Doch er wird darauf verzichten. Denn die Satire lebt von der Untergrenze in der Politik. Je tiefer diese Grenze, desto stärker die Satire. Während der «Charlie Hebdo»-Phase hatten Politik und Satire praktisch die Parität erreicht. Das Lachen verging weltweit, es bestand eine eigentliche Satirekrise. Alle blickten sie auf Mohammed und bekamen Antworten so unklar wie jene des früheren US-Notenbankchefs Alan Greenspan. Nur durch den Einschuss vieler neuer Politpeinlichkeiten gelang es, den Politkurs deutlich zu senken. Für eine dumme Politikeraussage bekommt man inzwischen wieder fast zehn gute Witze. Die Märkte sind begeistert.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur und hat während der Satirekrise keine Arbeitsplätze ins Ausland verlagert.

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