Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Satire ist Macht

Ruedi Widmer über den Niedergang der Politik

Von Ruedi Widmer

In Wirklichkeit haben sie Angst. Die Politikerinnen und Terroristen von Deutschland, dem Islamischen Staat oder der Türkei und von vielen anderen Ländern haben vor den SatirikerInnen Angst. Sie spüren, dass seit einigen Jahren die SatirikerInnen die Welt regieren. Weil diese viel unterhaltsamer und lustiger sind als die PolitikerInnen. Und Staatsführung ohne Militär oder Wirtschaftspolitik oder Sozialpolitik schaffen. Der von SatirikerInnen geführte Staat ist viel günstiger, weil Satire freier als Politik funktioniert und vieles nicht so ernst nehmen muss. Es muss auch nicht alles wahr sein oder stimmen bei der Satire, aber unter dem Strich stimmt eben mehr als in der Politik.

Die Menschen zu Hause in ihren Häusern merken das. Sie vertrauen den SatirikerInnen, weil sie selber auch nichts von Militärausgaben halten oder Sozialpolitik viel zu teuer finden. So wie die Satire bereits den Journalismus an Glaubwürdigkeit überholt hat, so ist nun die Politik das nächste Opfer der Lachmuskelprotze.

Die PolitikerInnen machen sich jetzt teilweise über die neuen Mächtigen lustig, wie es früher die SatirikerInnen über die PolitikerInnen taten. Weil sie nicht so viel Fantasie haben, beschränkt sich ihre Witzigkeit aber vor allem auf Auftritte ihrer clownesken AnwältInnen.

Die SatirikerInnen der trendigen deutschen Parteien «Titanic», «extra 3», «Spiegel Spam» oder «ZDF heute Show» haben viel höhere Einschaltquoten als die alten Volksparteien SPD und CDU/CSU. In Österreich hat «Willkommen Österreich» die alten Systemparteien richtiggehend hinweggefegt, derweil in der Schweiz die islamistischen Satiriker von «Müslüm TV» das Parkett erobern. In den USA werden die Comedians bereits, wenn auch sehr ungern, von den Altparteien an die Front gestellt. Der schräge Toupetträger Donald Trump mit seinen Hitler-Parodien wird sogar als Präsidentschaftskandidat lanciert.

Was machen die PolitikerInnen nun? Diejenigen, die den Schritt zum Satiriker nicht schaffen, sind schnell weg vom Fenster. So zum Beispiel Andreas Thiel von der SVP. Viele Politiker gehen wieder ihren früheren Tätigkeiten wie Schaf- oder Ziegenficken nach oder nutzen ihre Freizeit, um SatirikerInnen anzuklagen. Einige SatirikerInnen wollten die Politik von innen heraus lustig machen, so der EU-Abgeordnete Martin Sonneborn von DIE PARTEI, dem politischen Arm der «Titanic». Doch mittlerweile wird die Politik von der Satire einfach links liegen gelassen. Man muss nicht in Regierungsgebäuden sitzen, um die Macht im Lande zu übernehmen.

Wie wird es den Menschen unter den neuen MachthaberInnen gehen? Satirologen wie Michael Hermann oder Regula Stämpfli sehen schwierige Zeiten auf uns zukommen: «Sicher wird viel mehr Unwahres erzählt, oder die Satiriker lachen die Bürger einfach aus, machen eine Grimasse oder singen ein Lied, wenn diese eines Tages mit Forderungen kommen», so Hermann. Stämpfli kritisiert, dass es in der Satire viel weniger Frauen gebe als in der Politik. Satire sei in erster Linie ein Männerproblem.

SatirikerInnen an der Macht würden naturgemäss ihrer eigentlichen Berufung, nämlich sich über die Mächtigen lustig zu machen, nicht mehr nachkommen können. Ausser es sind selbstironische SatirikerInnen, die es auch aushalten, von sich selber beschimpft oder verspottet zu werden.

Ruedi Widmer ist noch nicht an der Macht in Winterthur.

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