Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Wer wirklich euroskeptisch ist

Von Yves WegelinMail an Autor:in

«Skeptische Junge, kritische Romands» – so überschrieb die «NZZ am Sonntag» am Wochenende einen Artikel über die Haltung der SchweizerInnen zu den bilateralen Verträgen mit der EU. Die Zeitung berief sich dabei auf eine neue Studie, die der Politologe Claude Longchamp mit seinem Forschungsinstitut GfS Bern verfasst hat. «20 Minuten» machte daraus: «Junge und Welsche haben keinen Bock mehr auf EU.» Die Botschaft wurde von Schweizer Medien x-fach wiederholt.

Wer sich die Mühe macht, einen Blick in die Studie zu werfen, stellt fest, dass die Gräben weit weniger spektakulär sind: Unter den Befragten, die über 70-jährig sind, sehen 60 Prozent eher Vorteile in den bilateralen Verträgen mit der EU. Unter den 18- bis 29-Jährigen sind es immer noch 51 Prozent. Das ist eine Differenz von 9 Prozentpunkten. Unter DeutschschweizerInnen sehen 59 Prozent die bilateralen Verträge als vorteilhaft, unter den WestschweizerInnen sind es 48 Prozent. Differenz: 11 Prozentpunkte.

Nun ist es tatsächlich bemerkenswert, dass die Romands, von denen 1992 eine Mehrheit für den Beitritt zum EWR stimmte, heute europaskeptischer sind als DeutschschweizerInnen, die den EWR ablehnten. Trotzdem fragt sich, warum man sich in der Schweiz stets für die politischen Meinungsunterschiede zwischen Jungen und Alten beziehungsweise zwischen Romands und DeutschschweizerInnen interessiert. Und dies, obwohl es ein soziales Merkmal gibt, das das GfS ebenfalls untersucht hat und das weit mehr aussagt: nämlich das Haushaltseinkommen.

Unter den Befragten, die mit einem Einkommen von über 9000 Franken leben, sprechen sich 71 Prozent für die bilateralen Verträge aus. Bei jenen, die mit einem Einkommen von unter 3000 Franken auskommen, sind es gerade mal 34 Prozent. Das macht eine Differenz von 37 Prozentpunkten.

Warum redet man in der Schweiz stets über die Unterschiede zwischen Jungen und Alten sowie zwischen West- und DeutschschweizerInnen? Weil man nicht gerne über die sozialen Spaltungen in diesem Land spricht.

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