Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Wandeln zwischen den Welten

Im südafrikanischen Port Elizabeth trennt eine Strasse Arm und Reich. Wer Arbeit finden will, bleibt an ihrem Rand stehen. Wer die Gesellschaft verändern will, überquert sie. Eine Reportage aus der Township Gqebera.

Von Tobias Klie (text und Foto), Port Elizabeth

Die Wasserwaage bedeutet «Ich bin Maurer und suche einen Job»: Thobile Dumezweni und seine Kollegen warten an der Heugh Road in Port Elizabeth auf Arbeit.

Thobile Dumezweni würde gerne Grenzgänger sein. In seinen mit Mörtelspritzern übersäten grauen Jeans und einer Regenjacke sitzt er an der Heugh Road in Port Elizabeth, Südafrikas fünftgrösster Stadt, und wartet auf einen Arbeitseinsatz. In der Metropolenregion mit über 1,2 Millionen EinwohnerInnen unterhalten Volkswagen und General Motors ihre südafrikanischen Produktionsstandorte. Eine Zulieferindustrie hat sich angesiedelt, diverse Reedereien und Dienstleister haben hier Dependancen.

Wenn Dumezweni die Strasse hinunter zu den Docks am Indischen Ozean liefe, käme er nach knapp vier Kilometern am elegant in Weiss gehaltenen Bürogebäude des Logistikkonzerns Kühne & Nagel vorbei. Port Elizabeth ist der wichtigste Industriestandort im Eastern Cape, einer der neun Provinzen des Landes. Doch der Mann mit dem leicht ergrauten Siebentagebart und dem skeptisch-schüchternen Blick bleibt auf seinem alten Ölkanister sitzen. Arbeit gibt es für Menschen wie den 51-Jährigen, der während der Apartheid nach der 9. Klasse die Schule verlassen hat, auch im neuen Südafrika nicht.

Über 25 Prozent Arbeitslose

Aus seiner Tasche, die er an den Strassenrand gestellt hat, ragt eine Wasserwaage. Dumezweni zeigt damit, dass er Maurer ist. Wie Hunderte weiterer Männer in den umliegenden Strassen, viele von ihnen mit Malerrollen oder Maurerkellen ausgerüstet, wartet er seit den frühen Morgenstunden darauf, dass jemand anhält und ihn anheuert. Meistens aber kommt niemand. «Wir stehen hier die ganze Woche, jeden Tag, und vielleicht kriegen wir mal einen Job für einen Tag», berichtet er. «Und wenn wir dann mal Arbeit bekommen», ergänzt sein Kollege Welcome Mavata, «dann bestimmen nicht wir den Preis.» Schon die Wortwahl lässt durchklingen, dass die beiden sich kaum in dem «besseren Leben für alle» wähnen, das der regierende African National Congress (ANC) seit den ersten demokratischen Wahlen im Land 1994 verspricht. «Ich verlange in der Regel 300 Rand (22.30 Franken) für einen Tag, aber wenn sie mir nur 200 geben wollen, arbeite ich auch», erzählt Dumezweni. Der Druck ist enorm, insbesondere in einer schwarzen Township wie Gqebera.

Bei rund 25 Prozent lag die landesweite Arbeitslosenquote im letzten Jahr. Bei den Schwarzen, die knapp vier Fünftel der südafrikanischen Bevölkerung ausmachen, liegt die Zahl höher. Mehr als zwei Drittel der Arbeitslosen in Südafrika sind zwischen 15 und 34 Jahren alt; junge schwarze Frauen trifft es am härtesten. Gerade im ländlich geprägten Eastern Cape haben die mangelnden Arbeitsmöglichkeiten zu einer starken Landflucht geführt. Wirtschaftszentren wie Port Elizabeth wachsen so stetig an.

Auch Dumezweni ist vor Jahren aus dem 300 Kilometer entfernten East London in der Hoffnung auf Arbeit hierhergekommen. Seine Familie lebt noch immer in der alten Heimat, manchmal besucht er sie. Oft aber reicht das Geld für die Heimreise nicht. Noch nie in seinem Leben hat der drahtige Mann eine feste Stelle gehabt, seine längste Beschäftigung war ein Dreimonatskontrakt bei einer Baufirma. Seither kommt er wieder Morgen für Morgen an die Heugh Road.

Die Strasse ist nicht zufällig gewählt, sie ist die Grenze zwischen zwei Stadtvierteln. Auf der einen Seite liegt die wohlhabende, zu Apartheidzeiten Weissen vorbehaltene Vorstadt Walmer mit ihren weiten Strassen, gepflegten Grünstreifen und weitläufigen Anwesen, von denen kaum eines ohne Swimmingpool auskommt. Auf der anderen Seite, zwischen Golfplatz und Flughafen, beginnt Gqebera – bis heute die Township der Schwarzen, wo die Strassen nur im alten Zentrum geteert sind und bald in Schotterpisten übergehen, die von windschiefen Blechhütten gesäumt sind. Aus den kleinen Fenstern ihrer engen Behausungen können die Armen direkt auf die mit Stacheldraht gesicherten Mauern sehen, die die geräumigen Stadthäuser der Reichen umgeben.

An der Heugh Road bekommt die extreme Ungleichverteilung von Wohlstand ein Gesicht. Der Gini-Index, mit dem die Weltbank die Verteilung von Einkommen misst, lag in Südafrika bei der letzten Erhebung mit 65 so hoch wie in keinem anderen statistisch erfassten Land weltweit. Der Wert 0 würde völlig gleiche Einkommen beschreiben, bei 100 hätte ein Einzelner alles. Der Einkommensunterschied zwischen Weissen und Schwarzen ist zwar etwas geringer geworden: Inzwischen gibt es auch immer mehr gut verdienende Schwarze. Aber die Kluft zwischen Armen und Reichen ist grösser als 1994. Plakativ gesagt: Zunehmend ersetzt Klasse Rasse – wobei die Gesichter der am stärksten Betroffenen weiterhin überwiegend schwarz und weiblich sind.

«Hundehütten» als Lebenstraum

Es ist ein ruhiger Morgen. Über Nacht hat es geregnet, der Wind vom Indischen Ozean drückt das Wasser durch die Ritzen und Löcher der Wellblechhütten. Gqebera ist noch klamm, schüttelt sich, wacht langsam auf. Ein Hund jagt einen Lastwagen, der sich langsam durch die holprige Strasse in die Township quält. Zu seiner linken steht eine frisch errichtete Reihe kleiner, solider Häuser. Angestrichen in hellen Pastellfarben von Gelb über Orange bis Himmelblau zeigen sie, dass Südafrikas soziales Wohnungsbauprogramm Fortschritte macht. Rund drei Millionen dieser Eigenheime sind nach Regierungsangaben seit 1994 entstanden. KritikerInnen nennen sie aufgrund der bescheidenen Masse «Hundehütten», doch für viele BewohnerInnen erfüllt sich mit dem Einzug ein Lebenstraum. Warum das so ist, wird auf der anderen Strassenseite deutlich, wo sich noch Blechhütte an Blechhütte reiht.

Dazwischen spielen überall Kinder. Selbst Säuglinge in Windeln versuchen bereits, einander zu fangen. Um diejenigen, deren Eltern Arbeit gefunden haben, kümmert sich Nosandla Kutase. Bis 2009 hat die 43-Jährige in einer Touristenpension auf der anderen Seite der Heugh Road gearbeitet. Dann hatte sie es satt, für den Besitzer des Hauses sämtliche administrativen Arbeiten zu übernehmen, aber nur wie ein Zimmermädchen bezahlt zu werden. 2010 machte sie sich selbstständig. Gut dreissig Kleinkinder betreut sie in ihrer Tagesstätte. Die Eltern kommen Kutase zufolge mehrheitlich aus Simbabwe. «Hausangestellte, Maurer und Friseure» seien darunter. Die Leute aus dem Nachbarland, so sagt sie, hätten eben «all diese Fähigkeiten».

Das Klischee von hart arbeitenden AusländerInnen ist weit verbreitet in Südafrika. Es fusst auf der sozialen Lage der meist jungen ArbeiterInnen aus Malawi, Moçambique oder eben Simbabwe, von denen viele gar keine andere Wahl haben, als für jeden Lohn zu arbeiten, den sie bekommen können. So versuchen sie, Geld in die Heimat zu schicken, um dort die Familie zu versorgen und eventuell eines Tages die Grundlage für eine kleine geschäftliche Existenz mit einem Minibustaxi oder einem Tante-Emma-Laden zu schaffen. In den Townships Südafrikas führen der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze, der bescheidene Erfolg der einen und der Neid der anderen immer wieder zu Konflikten. Regelmässig gehen Nachrichten von gewalttätigen Übergriffen auf MigrantInnen durch die Medien.

Plumpsklos und Arbeitslosigkeit

Kutases Tochter Lihleli will dem erniedrigenden Kampf um Arbeit entkommen. Sie gehörte 2013 zu den gut zwanzig Prozent der SchülerInnen, die an der Walmer Highschool den Abschluss geschafft haben. Seitdem studiert sie an der Nelson Mandela Metropolitan University Umweltwissenschaften, pendelt täglich zwischen dem hübschen Campus im noblen Summerstrand und ihrem Elternhaus in Gqebera. «Am meisten regen mich die Plumpsklos auf, ich verstehe nicht, warum wir die immer noch haben», sagt sie über die Entwicklung in ihrem Stadtteil. «Zwanzig Fussminuten weiter gibt es so was nicht. Da gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Teenager-Schwangerschaften, keine von Kindern geführten Haushalte. Die Heugh Road ist die Grenze.» Um die Probleme ihres Lands zu lösen, so die Neunzehnjährige, müsste es einen «Sinn für Verantwortung» geben – «auf beiden Seiten der Kluft».

Doch sie spricht im Konjunktiv. Im Projekt einer gemeinnützigen Bildungsorganisation leitet Lihleli Kutase einmal wöchentlich einen Nachmittagskurs. Über Selbstbewusstsein, soziale Netzwerke und den Einfluss von Medien hat sie mit ihren Siebtklässlern zuletzt diskutiert. Sie kennt das Programm, sie hat es selbst einst durchlaufen. «Etwas zurückgeben» wolle sie nun, sagt die Studentin. Doch bleiben will sie nicht in Gqebera: «In der Township gibt es einfach zu wenig Möglichkeiten für junge Menschen.»

Ganz so harsch urteilt Manelisi Billy nicht. Gemeinsam mit Kutase hat der Neunzehnjährige seinen Schulabschluss gemacht. «Ich möchte in einer sichereren Umgebung leben», sagt er über seine Zukunft. «Das kann hier sein oder anderswo.» Um sein Umfeld lebenswerter zu machen, engagiert er sich im Projekt «Jugend für sicherere Gemeinden» der deutsch-südafrikanischen Bildungsförderungsorganisation Masifunde. Die zu ReferentInnen ausgebildeten Jugendlichen erreichen inzwischen 25 Schulen in Port Elizabeth.

In den Workshops diskutieren sie mit den SchülerInnen über deren Probleme, erstellen Sicherheitskarten, in denen sie potenziell gefährliche Orte einzeichnen, notorische Trinkhallen oder unbeleuchtete Strassenzüge. Und sie geben Anstösse zur Gründung von Debattierklubs, Theatergruppen oder Arbeitsgemeinschaften. «Es geht nicht darum, Kriminelle zu stoppen, sondern darum, denjenigen eine Anlaufstelle zu bieten, die sonst kriminell werden könnten», sagt Programmkoordinator Shane Mangcangaza. «Die Leute merken so, dass sie selbst etwas bewegen können und nicht auf die Stadtverwaltung warten müssen», erklärt der 34-jährige Soziologe. Das gilt auch für das Zusammenwachsen des gespaltenen Landes. «Die Denkweise der Eltern lässt sich kaum ändern. Aber ich glaube, es ist möglich, weisse und schwarze Zehntklässler innerhalb eines Jahrs zusammenzubringen», sagt Mangcangaza. «Wir können nicht vor der Tatsache davonlaufen, dass wir in verschiedenen, ungleichen Welten leben. Aber wenn diese Kids Freunde werden können, dann können wir unser Land voranbringen.»

Der neunzehnjährige Billy schlägt in die gleiche Kerbe. «Es geht um den Mentalitätswandel», sagt er. Doch warum will ein junger Mann wie er, der während seiner gesamten Schullaufbahn mit den Widrigkeiten der Township-Schulen zu kämpfen hatte, mit eingeworfenen Scheiben, fehlenden Stühlen, kaputten Lampen und abwesenden Lehrkräften – warum will er nun Jugendlichen helfen, die es eigentlich viel besser haben als er? «Das ist eine Möglichkeit, um unsere Gemeinde zum Besseren zu verändern», sagt er. In seiner Strasse sehe er immer mehr Jugendliche, die darüber nachdenken, was sie tun – auch was den Alkohol- und Marihuanakonsum angehe.

Eigenverantwortung und Hoffnung

Billy spricht von Wandel und Entwicklung, nur nicht über Kriminalität. Dass er selbst schon Opfer war, von Gleichaltrigen mit vorgehaltenem Messer ausgeraubt wurde, erzählt er erst auf direkte Nachfrage. Für einen Moment ist er still. «Meine Mutter wurde ermordet», sagt der junge Mann unvermittelt. «Und zuvor vergewaltigt. In unserem Haus. Von ihrem Cousin, der drogenabhängig war. Als ich acht war.» Sechs Jahre hat der Mörder dafür im Gefängnis gesessen, heute lebt er wieder in Gqebera. Manchmal sehe er ihn auf der Strasse, sagt Billy, «aber ich spüre niemals Rachegelüste. Ich halte es für sinnlos, Gewalt mit Gewalt zu stoppen.»

Keine hundert Meter weiter sitzt Thobile Dumezweni immer noch mit seiner Wasserwaage an der Heugh Road, die schönen Häuser auf der anderen Strassenseite immer im Blick und doch unerreichbar. Die Aussichten auf einen Job für den Tag seien inzwischen gering, gesteht er ein, doch er bleibt trotzdem. «Ich gebe die Hoffnung niemals auf.» Er spricht für sich selbst. Aber er könnte auch ein ganzes Land meinen.

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