Nr. 25/2015 vom 18.06.2015

Das boomende Geschäft mit Geiseln

Militante Gruppen im Nahen Osten, im Sahel und in Ostafrika kidnappen vermehrt Menschen, um Lösegeld zu erpressen. Auch internationale Versicherungsagenturen verdienen gut am Handel mit den Geiseln.

Von Bettina Rühl, Nairobi

Ein Menschenleben hat seinen Preis. Branchenkenner sprechen sogar von einer «going rate», einem Tageskurs. Gehandelt werden Geiseln, für deren Freilassung die EntführerInnen immer höhere Summen verlangen. Der bisherige Rekord liegt bei 200 Millionen US-Dollar für zwei Japaner, die die Terrormiliz Islamischer Staat von der japanischen Regierung forderte. Als diese nicht zahlte, wurden die beiden Geiseln vor laufender Kamera enthauptet.

Seit Monaten machen öffentliche Hinrichtungen und grausame Videos der islamistischen Miliz Schlagzeilen. MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen, die in Risikoregionen arbeiten, sind sich der Gefahr einer Entführung schon länger bewusst. Eine solche Gefahrenzone ist auch das Flüchtlingslager Dadaab im Nordosten Kenias. «Wir reden möglichst wenig über diese Dinge. Du weisst hier nie, wen du vor dir hast», sagt Abubakar Mohamed Muhamud. Der Kenianer ist Ernährungswissenschaftler und arbeitet für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Camp.

Muhamud weiss, dass auch er gefährdet ist: Bei einem Überfall auf seine ausländischen KollegInnen könnte er ebenfalls in die Fänge von Kidnappern geraten. «Aber mich würden sie als wertlosen Ballast sofort erschiessen», sagt der Kenianer. «Jeder weiss, dass meine Regierung arm ist und kein Lösegeld bezahlt.» Im Vergleich zu Einheimischen würden «wertvolle weisse Geiseln» gut behandelt.

Besonderes Versicherungsgeschäft

In dem weltgrössten Flüchtlingscamp leben rund 360 000 SomalierInnen, die Grenze ist nur achtzig Kilometer von Dadaab entfernt und kaum gesichert (siehe WOZ Nr. 27/2014). Islamistische Kämpfer aus Somalia mischen sich unter die Flüchtlinge. Mehrfach haben sie schon HelferInnen gekidnappt, darunter 2011 zwei spanische Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen. Die beiden kamen 2013 wieder frei. Über die Umstände der Freilassung ist allerdings nichts bekannt – auch nicht, ob Lösegeld gezahlt wurde. Offiziell bestätigt wird so etwas fast nie, sagt der deutsche Politikwissenschaftler Klaus Segbers: «Viele Regierungen behaupten, dass sie sich an so etwas nicht beteiligten.»

Über die Entführungen und den Umgang damit erfährt die Öffentlichkeit generell nichts. Regierungen, Hilfsorganisationen und Unternehmen befürchten, dass Informationen über gezahlte Lösegelder NachahmerInnen auf den Plan rufen. Dabei steht ausser Frage, dass häufig Lösegeld fliesst. Organisationen können sich sogar gegen «Kidnapping & Ransom» (Entführung und Lösegeld), kurz «K & R», versichern. Eine solche Police umfasst das Erpressungsgeld und den Ersatz des Betrags, falls die Scheine auf dem Transportweg verloren gehen. Zudem deckt sie die Kosten für eine Krisenberatungsagentur, die im Ernstfall die Verhandlungen mit den EntführerInnen übernimmt. Etliche weitere Kostenpositionen werden von der Versicherung übernommen: etwa die Entlohnung für InformantInnen, die Gehaltsfortzahlung des Opfers, die psychologische Betreuung von Angehörigen sowie des Opfers nach dessen Freilassung.

Versicherungen dürfen für ihre «K & R»-Angebote nicht werben, die Organisationen müssen den Erwerb einer solchen Police geheim halten. Deshalb gibt es keine Statistik – weder für die Schweiz noch für andere Länder. Aber allein der Versicherungsmakler AON hat weltweit Hunderte von Verträgen abgeschlossen. Und der Markt expandiert – nicht zuletzt wegen der Terrormiliz Islamischer Staat und der ausführlichen Berichterstattung über die Ermordung von Geiseln. «Das hat auf jeden Fall zu einem grösseren Interesse an solchen Versicherungen geführt», sagt Anne Deiter von AON. In der Schweiz sei das Thema präsenter als beispielsweise in Deutschland, heisst es in der Branche. Prozentual hätten hier bereits deutlich mehr Unternehmen, Familien und Privatpersonen eine K & R-Versicherung abgeschlossen. Denn anders als in Deutschland war es in der Schweiz nie verboten, solche Versicherungen abzuschliessen.

Die Deckungssumme reicht von jährlich 3,1 Millionen Franken bei kleineren Unternehmen bis zu 52 Millionen Franken für Konzerne. Ähnlich gross ist die Spannbreite der Prämien: Kleine Firmen können ihre MitarbeiterInnen schon für gut 2000 Franken im Jahr versichern. Grosse Konzerne zahlen im Jahr bis zu 256 000 Franken pro Person. Besonders riskant und damit teuer sind Somalia, das Nigerdelta in Nigeria, die Sahelzone, der Irak, Afghanistan und Mexiko.

Die Honorare der KrisenberaterInnen können einen grossen Teil der Deckungssumme verschlingen. Gängig sind Tagessätze von 1000 bis 2000 Franken plus Spesen. Häufig ziehen sich die Verhandlungen über Monate oder gar Jahre hin, dann wird es teuer – und für KrisenberaterInnen ausgesprochen lukrativ. Nach einer Faustregel hat ein Berater oder eine Beraterin dann gut gearbeitet, wenn das Honorar die Höhe des Lösegelds nicht übersteigt.

Expats als begehrte Handelsware

Das zunehmende Entführungsrisiko beeinträchtigt in vielen Regionen längst auch die humanitäre Hilfe. Denn HelferInnen sind in gewisser Weise eine Handelsware, die in hoch riskanten Gebieten relativ leicht zu behändigen ist. Natürlich versuchen die Organisationen, ihre MitarbeiterInnen zu schützen. Ob sie eine Lösegeldversicherung abgeschlossen haben oder nicht, dürfen auch Hilfsorganisationen nicht sagen. Aber gute Netzwerke seien ohnehin der verlässlichste Schutz, sagen VertreterInnen von verschiedenen Organisationen.

Die grösseren NGOs gehen inzwischen viel professioneller mit dem Entführungsrisiko um als noch vor wenigen Jahren. Josef Frei ist Sicherheitsberater der deutschen Welthungerhilfe. Der Schweizer war vorher Berufsoffizier und hat als Militärbeobachter für die Vereinten Nationen gearbeitet. Immer mehr Länder muss er genau beobachten, weil die Sicherheitslage heikel ist und sich jederzeit ändern kann. «Ob Beschuss mit Todesfolge, ob Verletzungen oder Entführungen – das Risiko für internationale, aber auch nationale Mitarbeitende steigt jedes Jahr.»

Zweimal im Jahr erstellt Josef Frei für alle Länder, in denen seine Auftraggeberin tätig ist, eine sogenannte Gefahrenmatrix. Die Kriterien, die dabei überprüft werden, haben die Vereinten Nationen entwickelt. Gefragt wird beispielsweise danach, ob es im Land bewaffnete Konflikte, Aufstände oder terroristische Anschläge gibt oder ob Naturkatastrophen drohen. Die Antworten stellt Frei in einer Übersicht grafisch dar: Grün eingefärbte Länder gelten als ungefährlich, rot eingefärbte als sehr gefährlich.

Je nach Gefahrenlage rät Frei den HelferInnen vor Ort, im Einsatzland für eine Weile möglichst unsichtbar zu bleiben. Zuweilen werden MitarbeiterInnen aus bestimmten Regionen vorübergehend evakuiert, die Projekte schlimmstenfalls ganz beendet. Bei vielen Hilfsorganisationen ist vor der Ausreise der Mitarbeitenden in ein Krisengebiet mittlerweile ein Sicherheitstraining von vier bis fünf Tagen Pflicht.

Geisel wandert von Hand zu Hand

Der Sicherheitsberater Florian Peil versucht, Ernstfälle zu verhindern. Der Islamwissenschaftler hat sich nach dem Studium bei einer Sicherheitsbehörde mit Terrorabwehr beschäftigt. Vor gut zweieinhalb Jahren hat er sich selbstständig gemacht. Seine Arbeit wird immer komplizierter, die Zahl der Gelegenheitskidnapper steigt: Eher zufällig sehen sie ein möglicherweise lukratives Opfer und schlagen zu. Anschliessend geht die Geisel von Hand zu Hand, bis sie irgendwann beim «Endkunden» landet. Wenn das Opfer lukrativ erscheint, kann das zum Beispiel al-Kaida im islamischen Maghreb sein. «Die Organisation kann ganz andere Preise verlangen als eine kleine, unbekannte Gruppe», sagt Peil. Unter anderem daraus ergibt sich die «going rate», der Tageskurs für die Geisel.

Professionelle EntführerInnen feilschen um den Preis. Am Ende geben die VerhandlungsführerInnen einen Teil des Lösegelds an ihre Helferinnen und Mittelsmänner weiter, denn fast nie werden die Geiseln von Milizionären beispielsweise des Islamischen Staats oder von al-Kaida im islamischen Maghreb entführt, sondern fast immer von «Zuarbeitern» oder Gelegenheitskidnapperinnen.

Nach Schätzungen der Versicherungsbranche werden weltweit jedes Jahr Zehntausende von Menschen wegen des Lösegelds gekidnappt. Mindestens neunzig Prozent aller Entführungsopfer sind keine AusländerInnen, sondern Einheimische. In den meisten Fällen werden «nur» ein paar Hundert oder ein paar Tausend US-Dollar gezahlt. So ist in den betroffenen Regionen ein Netzwerk entstanden, das nicht nur die militanten Gruppen finanziert, sondern auch Teile der dortigen Bevölkerung ernährt.

In vielen lateinamerikanischen Ländern ist eine solche Entführungsindustrie seit vielen Jahren weitverbreitet, weiss Christof Bentele von der Allianz-Versicherung in London. «Jahrelang hat das meist reibungslos funktioniert. Beide Seiten kannten die Regeln, die internationale Öffentlichkeit bekam von den Entführungen und Freilassungen nur gelegentlich etwas mit.» Nun habe sich die Situation aber vor allem im Nahen Osten und in weiten Teilen Afrikas völlig verändert. «Dort wird jetzt in einer unglaublich brutalen Weise vorgegangen, da zählt das Leben wirklich nichts.»

Neu ist auch, dass die Terrorgruppen Ermordungen filmen und die Videos über soziale Medien zu Propagandazwecken nutzen. Dadurch schüren sie die Angst möglicher Opfer und treiben den Tageskurs für die nächsten Opfer nach oben. Das «Geschäftsmodell Entführung» wird so immer erfolgreicher.

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