Nr. 43/2015 vom 22.10.2015

Kriegerinnen aus der Unterschicht

Wie schwarze Frauen in Brasilien gegen jahrhundertealte Rollenbilder kämpfen. Putzfrau und Kindermädchen? Das war einmal. Jetzt sind sie Technikerinnen oder Unternehmerinnen.

Von Philipp Lichterbeck (Text und Fotos), Rio de Janeiro

Die Tour von Marli Barros begann jeweils um 23 Uhr. Sie steckte dann ihre 38er-Pistole ins Halfter und fuhr über die riesige Raffinerie eines Ölkonzerns. Sie wachte darüber, dass niemand eindrang, um zu stehlen oder zu sabotieren. Die nächtliche Patrouille auf der Industrieanlage konnte mehrere Stunden dauern. Am Anfang fühlte sich Marli Barros noch etwas unsicher: Sie hatte gerade erst ihren Führerschein gemacht. Und da war noch etwas: «Ich war die erste Frau im Sicherheitsapparat des Konzerns», sagt Barros. «Die Männer waren ausschliesslich ehemalige Angehörige des brasilianischen Militärs und betrachteten mich mit Misstrauen. Aber nach mir kamen dann viele andere Frauen. Ich habe ihnen den Weg geebnet.» Heute reist Marli Barros als Logistikerin in die hintersten Winkel Brasiliens, um für denselben Ölkonzern Probebohrungen nach Öl und Gas zu begleiten. Und wieder ist sie die einzige schwarze Frau im Team. Manchmal hat sie deswegen das Gefühl, benachteiligt zu werden. «Aber ich beisse mich durch», denkt sie dann, «das kann ich.»

Einmal im Monat besucht sie ihren Vater. Ihr silberfarbener Geländewagen wirkt dann wie ein Fremdkörper auf dem kleinen Bauernhof im Hinterland des armen Bundesstaats Bahia: geduckte Häuschen, Hühner, Bohnenfelder und Limettenbäume. Hier wurde Marli Barros vor 37 Jahren geboren und von einer Tante aufgezogen, weil ihre Mutter nach der Geburt den Vater verliess und dieser hart gearbeitet hat. Eigentlich sprach wenig dafür, dass sie einmal Jura studieren und einen gut bezahlten Job finden würde. Dass sie sich eine Wohnung in der Millionenstadt Salvador kaufen würde. Und dass sie einmal sagen würde: «Ich bin von keinem Mann abhängig.»

«Gutes» Haar und «schlechtes» Haar

In der Schweiz würde Marli Barros wahrscheinlich als Powerfrau bezeichnet. In Brasilien sagt man «guerreira», Kriegerin. Sie zählt zu einer neuen Generation schwarzer Frauen, die sich den klassischen Rollen verweigern, die eine immer noch kolonial aufgebaute Gesellschaft für sie vorsieht: Putzfrau, Kindermädchen, Kassierin. Stattdessen sind diese Frauen Unternehmerinnen, Schauspielerinnen, Technikerinnen. Sie verdienen ihr eigenes Geld, wollen die Welt sehen, haben höhere Ansprüche an Männer. Viele von ihnen kommen aus einfachen, armen Familien und verdanken ihren Aufstieg den neuen Möglichkeiten, die das Wachstum Brasiliens der letzten Dekade eröffnet hat. Sie hatten die Möglichkeit zu studieren, eine Ausbildung zu machen – Wege, die ihren Eltern noch verschlossen waren.

In Brasilien war der Lebensweg eines Menschen jahrzehntelang von seiner Herkunft abhängig. Wer arm geboren wurde, blieb es meistens auch. Und wer schwarz war, war in der Regel arm. Ganz unten in der Skala: schwarze Frauen. Sexuell traute man ihnen alles zu, intellektuell nur wenig. «Unsere Haut ist unsere Geschichte», sagt Marli Barros. «Sie wiegt schwer, mehrere Hundert Jahre.» Wie aufgeladen das Thema ist, zeigte die Episode um einen der bekanntesten Fernsehmoderatoren Brasiliens. In seiner Sendung fragte er kürzlich eine schwarze Frau mit Afrofrisur, warum sie einen Wischmopp auf dem Kopf trage – ohne jede Konsequenz. Immer noch gelten afrikanische Haare in Brasilien als «cabelo ruim», «schlechtes Haar». Marli Barros hat nun – nach einigem Zögern – beschlossen, statt der eingeflochtenen Zöpfe ihre natürlichen Haare wachsen zu lassen. Sie ist sich nicht sicher, wie es bei ihren ArbeitskollegInnen ankommen wird.

Es gibt in Brasilien einen verlässlichen Seismografen für gesellschaftliche Verschiebungen: die Seifenopern des Fernsehsenders Globo TV. Was dort verhandelt wird, ist im Mainstream angekommen. Seit März läuft zur besten Sendezeit die Serie «Babilônia», benannt nach einer Favela an den Hängen der Copacabana. Das Neue daran: Einige Hauptfiguren sind schwarze Frauen, die nicht wie sonst als Hausmädchen in den Luxusapartments weisser Familien arbeiten, sondern Anwältinnen und Kleinunternehmerinnen sind.

Viviane Porto spielt in «Babilônia» eine wortkarge schwarze Coiffeuse, die von ihrer Chefin – selbst dunkelhäutig – entlassen wird, weil sie in der Favela wohnt. Porto hält «Babilônia» für eine Revolution. Die Sendung werde einmal als Schlüsselmoment der brasilianischen Sozialgeschichte begriffen werden, sagt sie. Der ganze Dünkel des Landes komme mit verblüffender Offenheit zur Sprache. Es gehe um Rassismus, Homophobie, Armut.

Viviane Porto stammt selbst aus einfachen Verhältnissen. Sie wuchs in São Paulo als Tochter einer alleinerziehenden Mutter auf, die hart arbeitete, um Viviane an eine gute Schule schicken zu können. Dort war sie unter 2000 SchülerInnen eins von zwei schwarzen Mädchen. Mit fünfzehn schloss sie sich einer Theatergruppe an und wurde kurz darauf von einem TV-Ballett engagiert, fünfzig Tänzerinnen traten dort auf. Wieder war sie eine von zwei Schwarzen. Der Rest: weisse Mädchen mit glatten Haaren – dem Schönheitsideal Brasiliens entsprechend, das an Europa orientiert ist.

Anschliessend bekam Porto Nebenrollen in Telenovelas mit Namen wie «Verrückte Leidenschaft» oder «Schokolade mit Pfeffer». Sie lernte ihren späteren Ehemann kennen, einen Italiener, bekam zwei Kinder, lebte lange in Triest. Nun ist «Babilônia» für sie der Wiedereinstieg in die Schauspielerei. Allerdings gibt es ein Problem: Die Seifenoper verliert dramatisch an Einschaltquoten. «Es werden Wahrheiten ausgesprochen, die die Brasilianer nicht hören wollen», glaubt Porto. «Das Land schaut ungern in den Spiegel, weil es erkennen müsste, dass es nicht so schön ist, wie es glaubt.»

Schockierende Abgründe

In Brasilien existiert der Begriff «Rassendemokratie», es ist die Entsprechung zum US-amerikanischen «Schmelztiegel». Doch anders als in den USA vermischen sich die Menschen in Brasilien viel ungezwungener. Ein Drittel der Heiraten wird zwischen Partnern geschlossen, die sich verschiedenen Ethnien zurechnen. Allerdings heiraten fast ausschliesslich die Ärmeren gemischt. Je weiter man in der gesellschaftlichen Hierarchie nach oben schaut, umso monotoner wird es. Im Zensus von 2010 definierten sich 52 Prozent der BrasilianerInnen als schwarz. Aber an den Tischen der besseren Restaurants sitzen ausschliesslich Weisse, die Dunkelhäutigen arbeiten oft in der Küche. In Rios Neureichenviertel Barra da Tijuca, dem Hauptaustragungsort der Olympischen Spiele, sind neunzig Prozent der Haushalte weiss, schwarz sind dort vor allem die weiblichen Bediensteten.

Man spricht in Brasilien nicht gern darüber. Das Land präsentiert sich lieber als frohe, postkoloniale, farbenblinde Nation. Umso schockierender sind die Abgründe: Als Globo TV dieses Jahr erstmals eine Schwarze als Wetterfee einsetzte, schwappte eine eklige Welle von Hass durchs Internet. Der Nachrichtenchef des Senders sah sich gezwungen, Strafanzeige gegen die rassistischen HetzerInnen einzureichen.

Extrem sind zudem die Zustände in Politik und Wirtschaft. Die Vorstände der 380 an der brasilianischen Börse notierten Firmen sind ausnahmslos weiss. Unter den 38 Ministern im Kabinett von Präsidentin Rousseff findet sich ein Schwarzer: der Minister für ethnische Gleichstellung. Brasilien hat 26 Gouverneure: 25 weisse Männer, eine weisse Frau. Kaum eine Elite hat höhere Mauern um sich herumgezogen. Manche nennen es soziale Apartheid.

Welche Denkweise vielerorts herrscht, offenbarte der Parlamentsabgeordnete Jair Bolsonaro, der bei den letzten Wahlen in Rio die meisten Stimmen erhielt. Auf die Frage, was er tun würde, wenn einer seiner Söhne sich in eine schwarze Frau verlieben würde, antwortete er: «Das ist unmöglich, ich habe sie gut erzogen.»

Als Zehnjährige allein in die Stadt

Es sind solche Episoden, die Brasilien eine Auseinandersetzung mit sich selbst aufzwingen. Und es sind Frauen wie Julide Gomes, die schon längst einen Schritt weiter sind. Ihr Lebenslauf ist die Antwort auf weisse Männer wie Bolsonaro. Als Julides Eltern sich kennenlernten, war ihre Mutter zwölf Jahre alt – und kurz darauf schwanger. Das war nichts Besonderes in Bahia, im Nordosten Brasiliens. Julides Vater zeugte 32 weitere Kinder mit unterschiedlichen Frauen, Julides Mutter starb mit nur 36 Jahren. Sie selbst war noch keine zehn Jahre alt, als sie aus Bahia fortging. «Ich war frühreif», sagt sie. «Und ich wollte ein anderes Leben.» Sie zog nach Rio de Janeiro, arbeitete als Kindermädchen bei einer Tante. Für die Schule blieb keine Zeit, mit dreizehn konnte sie weder lesen noch rechnen. All das holte sie dann in wenigen Jahren nach und bewarb sich erfolgreich auf Rios bester Schule für Physiotherapie. «Ich habe nie geheult, obwohl ich immer alleine war», sagt sie.

Heute betreibt die 32-jährige Gomes eine erfolgreiche Praxis für Physiotherapie in Ipanema, Rios Luxusviertel, wenige Meter vom berühmten Strand entfernt. Ihre Kundinnen: Frauen aus der Oberschicht, die im Internet schwärmen: «Julide hat Zauberhände.» Aber wenn Julide Gomes ins teure Fitnessstudio geht, dann glauben viele, sie habe sich einen reichen Mann geangelt, der ihre Mitgliedsgebühr zahle.

Mit Anfang zwanzig heiratete sie, liess sich aber wenige Jahre später wieder scheiden. «Die brasilianischen Männer sind schwach», sagt Julide Gomes. «Die wissen nicht, wie man mit starken Frauen umgeht. Wir passen einfach noch nicht ins Bild.» Nun ist sie mit einem Ungarn zusammen – den sie ins Restaurant einlädt. Darauf legt sie Wert.

Mit Bildung gegen koloniale Ordnung

Der Wandel ist jung und noch immer zerbrechlich. Seit 2002 sind dreissig Millionen BrasilianerInnen in die untere Mittelklasse aufgestiegen, dank Wirtschaftswachstum und umfangreicher Sozialprogramme. Diese Mobilität durch die sozialen Schichten ist nun durch den Einbruch der Wirtschaft und eine tiefe Krise im politischen System gefährdet. Rechte Kreise in Politik, Medien und Sicherheitskräften haben Auftrieb, die Eliten wollen die alte, quasikoloniale Ordnung wiederherstellen. Sogar Rufe nach einem Militärputsch werden laut.

Wenn man die drei Frauen fragt, ob es ein Mittel gegen solche Bestrebungen gibt, sagen sie übereinstimmend: Bildung. Julide Gomes verbrachte als Teenager Tage in der Bibliothek. Viviane Porto wurde von ihrer Mutter zum Lesen animiert. Und Marli Barros sagt: «Bildung ist der Schlüssel, damit sie das Rad nicht wieder zurückdrehen.»

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