Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Nun sprechen die drei Millionen

Von Rahel Locher

Die Plakate sind an Schlichtheit kaum zu übertreffen: einzelne Sätze, in schwarzen Grossbuchstaben auf weissem Hintergrund. Immer wieder sind Menschen zu sehen, die vor den Plakaten in Basel stehen bleiben, lesen und nachdenken. Wo vor den Wahlen im Oktober die Gesichter von Parteimitgliedern zu sehen waren – mit wenigen und kaum erfrischenden Inhalten –, kommen nun seit drei Wochen jene zu Wort, die bei der Wahl aussen vor blieben: Menschen ohne Schweizer Pass oder unter achtzehn Jahren. Anders ausgedrückt: drei der gut acht Millionen in der Schweiz lebenden Menschen.

Die kurzen, oft traurigen, manchmal witzigen oder poetischen Statements drücken Erfahrungen, Sehnsüchte, Träume aus: «Manchmal vergisst man fast zu leben» steht da, oder: «All die alten Männer, die jetzt an der Macht sind, die erleben ja gar nicht mehr, was sie jetzt entscheiden». Wichtige Themen sind Krieg und Migration. Es geht um den Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, bevor das Haus in Damaskus zerstört wurde, oder um Besuche in der früheren Heimat: «Als ich das letzte Mal im Sudan war, war ich nicht einen Moment still, wir haben Tag und Nacht miteinander geredet».

Hinter dem Projekt mit dem Namen «And for the Rest» steht der britische Performancekünstler Tim Etchells. Nach der ersten Ausgabe vor einem Jahr mit Sans-Papiers und Obdachlosen in Brüssel geht «And for the Rest» in Basel in die nächste Runde. Die Theaterschaffenden Anina Jendreyko und Deborah Neininger führten Gespräche, aus denen Etchells Sätze auswählte. Das Projekt bringt Gedanken von Menschen an die Öffentlichkeit, die keine Möglichkeit haben, an der Demokratie teilzuhaben. Wäre die Schweiz eine andere, wenn sie eine Stimme erhielten? Zumindest äussern die Befragten klare Positionen, deren Umsetzung die Schweiz in ihren Grundfesten infrage stellt: «Abolish borders – that’s what I would do», oder: «Ich möchte, dass alle Menschen gleich aussehen. Ich möchte nicht, dass man sieht, wer reich ist und wer arm.» Es gibt also doch andere Stimmen in der Schweiz als jene, die sich für Privilegiensicherung und Abgrenzung einsetzen.

Die Plakate hängen noch bis 
am 23. November 2015 in der Stadt Basel.

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