Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

Acht Sprachen, ein Theater

SchülerInnen aus Basler Quartieren mit hohem AusländerInnenanteil entwickeln aus ihrem Alltag in der Schweiz eigene Theaterstücke. Die WOZ besuchte eine Probe der Klasse 3d in Kleinbasel.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Es ist Pause. Am Eingang des Dreirosenschulhauses in Kleinbasel verkaufen Schülerinnen Pausenbrötchen; auf dem verregneten Hof stehen ein paar Jugendliche, Mädchen und Jungs schlendern plaudernd durch den Korridor – der Lärmpegel ist hoch. Doch nicht alle haben Pause: In der Aula probt die Klasse 3d ein Theaterstück. Noch eine Woche bleibt bis zur Premiere, jede Minute wird genutzt; Szenen, die noch nicht sitzen, müssen während der Pause wiederholt werden. Das erfordert Konzentration.

«Was die anderen Kinder besser machen, interessiert mich nicht», sagt das Mädchen, das am Boden sitzt. An der Wand lungern zwei Jungs herum, der eine isst ein Sandwich, der andere schreibt eine SMS. Sie lachen. Das Mädchen fällt aus der Rolle und beginnt zu kichern. «Du musst die Sätze laut und deutlich sagen», sagt Anina Jendreyko, bittet die Jungs um Ruhe und lässt die Szene wiederholen.

Seit Monaten erarbeiten die gut zwanzig dreizehn- und vierzehnjährigen SchülerInnen mit der Schauspielerin und Regisseurin Jendreyko ein Stück, das im Rahmen des von ihr gegründeten Theater- und Bildungsprojekts «Fremd?!» aufgeführt wird. Inhalt des Stücks sind die Lebenswelten der Jugendlichen. Jendreyko: «Ich habe mit den Jugendlichen lange darüber gesprochen, was sie beschäftigt. Aus den vielen Themen und Improvisationen haben wir eine Auswahl getroffen und daraus Szenen erarbeitet.»

Rebecca, Emine und Jamil

Die Pause ist vorbei, langsam füllt sich die Aula. Zwei Jungs kämpfen freundschaftlich miteinander, drei Mädchen sind noch in einer hitzigen Pausendiskussion, Stühle werden gerückt, Stimmen- und Sprachengewirr füllt den Raum. In der Klasse 3d werden acht Sprachen gesprochen: Deutsch, Türkisch, Serbisch, Kurdisch, Spanisch, Albanisch, Französisch und Mazedonisch, die Jugendlichen heissen Rebecca, Zeynep, Muhamed, Emine oder Jamil.

In Kleinbasel ist jedeR dritte EinwohnerIn AusländerIn, neunzig Prozent der SchülerInnen im Dreirosenschulhaus kommen aus Familien mit Migrationshintergrund. Das war für Jendreyko entscheidend dafür, mit der Klasse ein Stück erarbeiten zu wollen: «Bei unserem Projekt gehen wir von der Gesellschaft aus, wie sie ist, und nicht, wie sie sein soll», sagt Jendreyko: «Die kulturelle und nationale Diversität innerhalb der Schweiz ist eine Realität. Mit dem Projekt bekommen Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Stimme und die Möglichkeit, ihre Lebenswelten zu zeigen.» Es sei wichtig, die Jugendlichen im Rahmen der Schule abzuholen, denn «das Freizeitangebot in diesem Land richtet sich noch immer vor allem an Jugendliche aus bildungsnahen Familien».

Gerade im Theater, in Kinder- oder Jugendtheatergruppen ebenso wie in Schauspielschulen oder an Schauspielhäusern, findet man nur selten MigrantInnen. Die Theaterwelt hinkt der gesellschaftlichen Realität hinterher. Das gilt auch für das hiesige Schulsystem.

Rappen wie die Profis

Nachdem Jendreyko zur Ruhe ermahnt hat, Tische und Stühle in die richtige Position gebracht worden sind und die Requisiten bereitliegen, kann es losgehen. Die Jugendlichen spielen meistens sich selber, manchmal einen Lehrer, eine Mutter, einen Grossvater oder eine Freundin. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, rappen wie die Profis (die Raps wurden mit Erdem Cayir von der türkisch-baslerischen Rapgruppe Makale erarbeitet) und halten einem mit ihren Erzählungen zuweilen einen Spiegel vor.

Da fallen Sätze wie: «Am Abend müssen die Schweizer Kinder mehr zu Hause bleiben als wir» – «Schweizer gehen nicht ins McDonald’s» – «Schweizer sind so klug, sie gehen alle aufs Gymi» – «Schweizer sind so pünktlich» – «Schweizer sind oft ungepflegt». Aber auch die eigene Lebenswelt wird reflektiert: «Wir sind viel verwöhnter» – «Der Fernseher ist bei uns viel wichtiger» – «Alle denken, wir können machen, was wir wollen, dabei sind unsere Eltern megastreng» – «Das Zusammensein ist bei uns wichtiger».

Obwohl sich alle SchülerInnen in der Schweiz zu Hause fühlen, die meisten in der Schweiz geboren wurden und mehrere einen Schweizer Pass besitzen, fühlen sie sich nicht als SchweizerInnen (ausser das Mädchen, das als einziges keinen Migrationhintergrund hat). Das sei deshalb so, weil sie von den «echten SchweizerInnen» anders behandelt würden, erklären sie in einer Pause: «Wir werden anders behandelt wegen unseres Aussehens oder unseres Namens», sagt ein Mädchen. Ein Junge meint: «Wenn Schweizer ins Ausland gehen, sind sie nett zu den Ausländern, aber hier behandeln sie sie schlecht.» Ein anderer sagt: «Macht einer von uns Scheiss, heisst es gleich, alle unsere Landsleute seien so. Das ist nicht fair.»

Überhaupt die Fairness: Sie alle wünschen sich, dass sie gleich behandelt würden wie die «echten SchweizerInnen» – und nicht wie Fremde, was sie ja durch diese Sonderbehandlung unter anderem erst werden.

Was heisst hier «fremd»?

Dann geht die Probe weiter. In der Szene, die sie nun spielen, sind sie in den Ferien in ihren Herkunftsländern. Doch selbst dort werden sie oft als Fremde angesehen, die Einheimischen sind zum Teil neidisch auf sie und denken, das Leben in der Schweiz sei wie im Paradies. Die SchülerInnen geniessen zwar diese Ferien, besuchen Verwandte und FreundInnen, doch: «Das richtige Leben mit Beruf und so, das ist schon hier in der Schweiz.»

Das Projekt gibt jenen eine Stimme, über die viel geredet wird, die aber selber kaum zu Wort kommen. Mit ihrem Stück schaffen es die SchülerInnen der Klasse 3d, Einblick in ihre Lebenswelten zu geben. Sie ermöglichen dem Publikum einen Perspektivenwechsel, der erfrischend und anregend ist. Denn: Was heisst überhaupt «fremd»? Fast alles kann fremd sein, und fast alles, was mal fremd war, kann einem eigen werden.

Das drückt auch der Monolog aus, den der Schüler Haris geschrieben hat und am Schluss der Probe zitiert: «Fremd heisst für mich, wenn ich jemanden nicht kenne – zum Beispiel den Mann da. / Oder ein Dorf, das ich nicht kenne. / Ein neuer Lehrer, / etwas, was man noch nie gemacht hat, / eine fremde Automarke, / neu sein, / manchmal fühle ich mich auch zu Hause fremd / oder fremdes Essen, / fremdgehen, / fremde Religion. / Auch das Publikum ist fremd – / Theater war fremd – / Jetzt will ich Schauspieler werden.»

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