Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Sand im Getriebe

Sie bekämpfte als junge Frau den Nationalsozialismus und ist bis heute in der Friedensbewegung aktiv: die Basler Kommunistin Louise Stebler.

Von Rahel Locher (Text) Und Florian Bachmann (Foto)

Züge sabotieren gegen die Nazis: «Zwei von uns schaufelten das Fett aus den Rädern und füllten Sand hinein», erzählt die Antifaschistin Louise Stebler.

Louise Stebler geht als Erstes zum Bücherregal, auf dem neben Familienfotos auch ein Porträt von Lenin steht, und zieht ein grossformatiges Buch heraus: die gebundene Ausgabe der «Arbeiter Illustrierte Zeitung» (AIZ), die der deutsche Kommunist und Verleger Willi Münzenberg gegründet hatte und die zwischen 1921 und 1938 erschien. Sie legt das Buch auf den grossen Tisch in der Stube ihrer Fünfzimmerwohnung, die sie vor über fünfzig Jahren mit ihrem Mann gekauft hat. Wegen ihrer politischen Haltung sei es damals schwierig gewesen, eine Mietwohnung zu bekommen, erinnert sich die 91-jährige Kommunistin. Sie schenkt Wasser ein und ist schon mitten im Erzählen, wie sie als Mädchen die Kinderseite der AIZ las.

Nazis in Zwölferreihen

An wen sie einmal ihre vielen Zeitungen und Bücher weitergeben will, weiss Louise Stebler nicht. Die ArbeiterInnen- und die Friedensbewegung, denen sie sich zeitlebens verbunden fühlte, seien geschwächt – obwohl Kriege allgegenwärtig seien und wieder näher an Westeuropa rückten. «Mir scheint, viele Menschen haben resigniert. Sie haben keine Visionen mehr.» Etwa Ideen, was auf den Kapitalismus folgen könne. Immerhin: Eine ihrer beiden Töchter engagiere sich in Düsseldorf in der Friedensbewegung, erzählt sie stolz. Ihr eigenes Leben war durch den Kampf für eine andere Gesellschaft geprägt. Sie erzählt lebhaft und in Sprüngen, verknüpft ihre Erinnerungen mit den Orten, an denen sie politisch tätig war, zuerst als Mitglied der KPS-nahen Freien Jugend, später in der Partei der Arbeit (PdA), in der Friedens- und der Frauenbewegung.

Was während der NS-Zeit in Deutschland passierte, bekam Louise Stebler über einen deutschen Emigranten mit, der damals jede Woche in ihrem Elternhaus zu Gast war. Als Elfjährige sah sie die deutschen Faschisten zum ersten Mal mit eigenen Augen: «Wir schauten uns die Kölner Innenstadt an. Da hörten wir plötzlich Parolengeschrei von uniformierten Nazis in Zwölferreihen.»

Transparent über den Rhein

Sechs Jahre später – sie besuchte das Basler Mädchengymnasium – beteiligte sie sich an antifaschistischen Aktionen. So am Güterbahnhof Wolf in der Nähe des Basler Hauptbahnhofs. Dort standen während des Zweiten Weltkriegs deutsche Güterzüge, die ins faschistische Italien fahren sollten. Mitglieder der damals verbotenen Freien Jugend streuten den Zügen im wahrsten Sinn des Wortes Sand ins Getriebe: «Wir waren sechzig junge Menschen, immer ein Bursche und ein Mädchen, die meisten passten auf. Zwei von uns schaufelten das Fett aus den Rädern und füllten Sand hinein.» Angst hätten sie schon gehabt, erzählt sie, sie hätten alle fünf Minuten hinter ein Wagenrad verschwinden müssen, um zu pinkeln.

Die Freie Jugend verbreitete auch Antikriegspropaganda. Sie gab eine illegale Zeitung heraus und druckte Flugblätter in Basel, die dann unter hohem Risiko nach Deutschland geschmuggelt wurden. Eine Genossin, die von den Deutschen mit illegalen Schriften erwischt worden war, kam nicht wieder zurück. Doch auch die Basler Bevölkerung sollte aufgerüttelt werden. Über eine besonders gelungene Aktion freut sich Louise Stebler noch heute: Der Jugendorganisation gelang es, in der Nacht ein Spruchband über den Rhein zu spannen: «Schnauz schlägt Schnäuzchen» – Stalin besiegt Hitler. «Als ich am nächsten Mittag über die mittlere Brücke nach Hause ging, waren Polizei und Feuerwehr immer noch damit beschäftigt, das Transparent zu entfernen.»

Ein Krieg endet, ein anderer beginnt

Und dann, am 8. Mai 1945, endeten die Gewaltherrschaft, der Krieg und die Angst vor einem Einmarsch der deutschen Truppen. Der Marktplatz füllte sich mit Tausenden von Menschen. Louise Stebler erzählt, wie die Freie Jugend weiterzog, in den elsässischen Grenzort St. Louis. Hier seien sie auf Feiernde gestossen: «Wir sangen gemeinsam die ‹Marseillaise› und die ‹Internationale›, Weinflaschen gingen von Mund zu Mund. Wir feierten bis in den Morgen.»

Dieser Krieg war vorbei, nicht jedoch die politische Verfolgung der KommunistInnen: Während des Kalten Kriegs erhielt Stebler einmal um zwei Uhr morgens ein Telefon: Die Fenster des Optikergeschäfts, das sie gemeinsam mit ihrem Mann von ihrem Vater übernommen hatte, seien eingeschlagen worden. Sie erfuhr jedoch nicht nur Ablehnung. 1968 erhielten die ersten vierzehn Frauen einen Parlamentssitz im Basler Grossen Rat, darunter das PdA-Mitglied Stebler. «Wenn es um Frauenthemen ging, hielten wir über die Parteigrenzen hinweg zusammen. Ich setzte mich für eine Kindertagesstätte ein und wurde sogar von einem Mitglied der Liberalen unterstützt.» Bis 1996 sass sie im Parlament – und noch heute setzt sich Louise Stebler für den Frieden ein.

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