Das KPS-Verbot vor 75 Jahren : «Alle Unruheherde sofort unschädlich machen»

Nr.  32 –

1940 verbot der Bundesrat die kleine Kommunistische Partei der Schweiz. Rechtsbürgerliche Kreise – zu denen der einflussreiche Oberstdivisionär Eugen Bircher zählte – hatten dazu gedrängt. Doch KommunistInnen wie der Arbeiter Theo Rutschi widersetzten sich mit viel Kreativität.

  • Schweizweit nie über zwei Prozent der Stimmen: Wahlkampf der Kommunistischen Partei am Zürcher Neumarkt, 1926. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv
  • 15. März 1929: Die Polizei löst eine KPS-Versammlung auf dem Zürcher Helvetiaplatz auf (retuschiertes Bild). Foto: Schweizerisches Sozialarchiv

«Aufmachen! Polizei!» Der 44-jährige Schweizer Kommunist Theo Rutschi steht am 13. April 1943 um 17 Uhr hinter dem Hektografenapparat und ist gerade dabei, ein Flugblatt zu drucken, als mit einem gewaltsamen Ruck die Tür zur illegalen Parteidruckerei aufspringt. Über ein Jahr lang hatte Rutschi in einer kleinen Wohnung am Imbergässli 3 in Basel Zeitungen, Broschüren und Flugblätter für die verbotene Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) gedruckt. In den Schriften wurde etwa vor dem Nationalsozialismus gewarnt, über die Fortschritte in Sowjetrussland und den Kampf der Roten Armee gegen die nazideutsche Invasion berichtet und zur Solidarität mit inhaftierten GenossInnen aufgerufen. Eben wollte er einen Aufruf vervielfältigen, der die Sparmassnahmen bei der öffentlichen Krankenkasse der Stadt Basel kritisierte.

Nach den Regeln der Konspiration hätte Rutschi die Druckerei längst an einen anderen Ort zügeln sollen. Doch er und seine GenossInnen hatten bislang keine neue Bleibe für all das Papier, die Schreibmaschine und den Vervielfältigungsapparat gefunden. So hatten sie immer weiter zugewartet und auf die Offensive der Roten Sowjetarmee im Krieg gegen die Nazis gehofft, die letztlich die politische Situation auch in der Schweiz verändern und die Zeit der Illegalität hätte beenden können.

Doch jetzt sitzt Rutschi in der Patsche. Der eingedrungene Bundespolizist schnauft wie ein Schwerarbeiter, von aussen gaffen vier oder fünf Gemeindepolizisten in die Stube. Der Bundespolizist befiehlt: «Ziehen Sie den Kittel an, und kommen Sie mit.» Rutschi wird die nächsten Wochen im Basler Lohnhof verbringen müssen, dem Polizeigefängnis der Stadt. Die Erinnerungen an diese Zeit wird er viel später in einer Biografie zu Papier bringen.

Das Bürgertum in Panik

Rutschi ist bei weitem nicht der einzige Schweizer Kommunist, der in dieser Zeit von den Behörden observiert, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wird. Seit dem 6. August 1940 ist in der Schweiz jede «kommunistische Tätigkeit» verboten, sei es die Herstellung von Schriften oder auch deren Verteilung, sei es die Treffen von Parteizellen, wo über die politische Lage diskutiert wird, oder auch die Hilfe für kommunistische ImmigrantInnen, die in der Schweiz Schutz vor dem Faschismus suchten. Und seit dem 26. November 1940 gilt die Kommunistische Partei der Schweiz offiziell als illegal. Gewählte Parteivertreter in den Parlamenten sind zum Rücktritt gezwungen worden, Dutzende GenossInnen werden verhaftet und müssen für ihre Gesinnung zum Teil für mehrere Monate ins Gefängnis.

Wieso dieser Antikommunismus? Und wieso ausgerechnet in einer Zeit, in der die grosse Bedrohung doch die faschistischen Staaten darstellen, die die Schweiz umzingeln? Die russische Revolution von 1917, die ArbeiterInnenaufstände in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und vor allem der Generalstreik in der Schweiz von 1918 lösten im Schweizer Bürgertum einen Schock aus. Plötzlich sah man sich einer grossen, selbstbewussten ArbeiterInnenschar gegenüber, die ihre Rechte organisiert einforderte.

Theo Rutschi, der seinen Beruf wie seine Stellen immer wieder wechselt, arbeitet während der Zeit des Generalstreiks – noch nicht zwanzig Jahre alt – als Wärter in der Berner Irrenanstalt Waldau. Er wundert sich, weshalb dort eigentlich ganz vernünftige Leute weggesperrt sind, und lernt unter den Insassen den Künstler Adolf Wölfli kennen, der ihm eine seiner Zeichnungen schenkt. Die ArbeiterInnenkämpfe in der Schweiz beflügeln auch die Beschäftigten in der Waldau. Sie drohen der Berner Regierung mit Streik, wenn ihre Löhne nicht sofort steigen – und haben damit Erfolg: Rutschis Gehalt verdoppelt sich von fünfzig auf hundert Franken im Monat.

Das neue Selbstbewusstsein der ArbeiterInnenklasse politisiert allerdings auch die Reaktion: Rechte Gruppen bilden Bürgerwehren, stellen sich, teils in Absprache mit der Armee, Streikenden entgegen und organisieren «Volkstage» zur Mobilisierung. Als Zusammenschluss der Bürgerwehren wird am 5. April 1919 der Schweizerische Vaterländische Verband (SVV) gegründet. Darin sind auch vordergründig unpolitische Organisationen wie der Schweizer Alpen-Club, der Schweizerische Schützenverband und der Eidgenössische Turnverein vertreten. Dem SVV kommt von nun an eine zentrale Rolle im Kampf gegen die Linke zu. Finanziert werden seine Aktivitäten von Unternehmensverbänden, Industriebetrieben und Banken.

Schon 1920 gegen AusländerInnen

Erster Präsident des SVV wird der damals 37-jährige Aargauer Arzt und Armeeoffizier Eugen Bircher. Dieser verfasst 1920 eine 66-seitige Anleitung, wie ArbeiterInnenaufstände militärisch niedergeschlagen werden können. Bircher gehört im gleichen Jahr auch zu den Gründern der Aargauer Sektion der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), die sich 1971 in SVP umbenennen wird. Mit der Person Bircher und der frühen BGB-Politik lassen sich erstaunliche Parallelen zur heutigen Politik der SVP ziehen. So lancierte Bircher 1919 eine «Ausländerinitiative», mit dem Ziel der Ausweisung von «moralisch minderwertigen und volkswirtschaftlich unerwünschten Ausländern, die sich vor dem Kriegssturm auf unsere Friedensinsel geflüchtet haben». Die Initiative wird am 11. Juni 1922 klar verworfen. Der deutschfreundliche Bircher ist im selben Zeitraum auch an vorderster Front gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund tätig.

In ihrer Abwehrarbeit konzentrierte sich der SVV schon bald auf die KPS, die am 5. März 1921 als Abspaltung von der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz gegründet wird. Der Beitritt der KPS zur Dritten Kommunistischen Internationale (Komintern) stösst im Bürgertum auf besondere Ablehnung. Die KPS wird denn auch von Anfang an als «unschweizerisch» abgetan.

KPS fehlt die Massenbasis

Theo Rutschi tritt 1923 der KPS und dem Kommunistischen Jugendverband bei. Er hat zu dieser Zeit eine Saisonstelle als Gärtner in Bern. Die KPS in Bern? Das sind «zwei bis drei Dutzend Kämpfer im Meer von Bürokraten, einer Konzentration von Bundes-, Staats- und Gemeindebeamten», wird Rutschi später schreiben. Die Mitgliedschaft in der KP habe die «stete Gefahr» bedeutet, den Arbeitsplatz zu verlieren. «Da gibt es keine bezahlten Pöstli zu ergattern, hier heisst es, zu Opfern bereit sein.»

Auch in ihren Hochburgen Zürich, Basel und Schaffhausen gelingt es der KPS nicht, eine starke Basis aufzubauen. Schweizweit kommt sie bei den Nationalratswahlen nie über zwei Prozent der Stimmen hinaus. In ihrer Politik hält sich die Partei an die Beschlüsse der Komintern. Sie polemisiert gegen die Gewerkschaftsführung und wirft der SP Verrat an der Arbeiterklasse vor. Der Historiker Peter Huber schreibt in seinem Buch «Stalins Schatten in der Schweiz», dass Jules Humbert-Droz, Karl Hofmaier und Edgar Woog, die führenden Köpfen der Partei, vom stalinistischen Terror in der Sowjetunion wissen. Doch sie schweigen dazu.

Der SVV beginnt Ende der zwanziger Jahre, bezahlte Spitzel einzusetzen, die sich in die Partei einschleichen. Bircher leitet den SVV-Nachrichtendienst persönlich. Die so erhaltenen Informationen werden den Behörden weitergegeben. Besonders gute Kontakte bestehen zur Stadtpolizei Zürich (wo der SVV über einen bezahlten Informanten bei der politischen Polizei verfügt), zur Generalstabsabteilung des Eidgenössischen Militärdepartements und zur Bundesanwaltschaft. Die Historikerin Dorothe Zimmermann, die seit Jahren über den SVV forscht, schreibt von einem «intensiven, aussergesetzlichen Austausch zwischen dem privaten Verband SVV und den Bundesbehörden». Die von Zimmermann eingesehenen Akten von Bund und SVV gäben Hinweise darauf, «dass der SVV mit seiner fremdenfeindlichen und antikommunistischen Politik und seiner denunziatorischen Bespitzelungspraxis das behördliche Vorgehen im Bereich des Staatsschutzes über Jahre hinweg prägte». Die antifaschistischen Demonstrationen um die Zeit von Hitlers Machtergreifung hätten im SVV noch mehr Angst vor einem «kommunistischen Umsturz» ausgelöst, schreibt Zimmermann.

Streik wegen drei Rappen

Als 1932 in Genf AntifaschistInnen demonstrieren und die Schweizer Armee dreizehn Personen erschiesst sowie sechzig schwer verletzt, arbeitet Theo Rutschi als «Notstandsarbeiter» seiner damaligen Wohngemeinde Pratteln. Arbeitslose werden bei privaten Baufirmen beschäftigt, die von der Gemeinde dafür Bauaufträge zugesprochen bekommen; Rutschi muss beim Bau einer Kanalisation mithelfen und erhält dafür einen Stundenlohn von 1.27 Franken. Die Arbeit ist mühsam. Mit ihren alten Schuhen müssen die Beschäftigten stundenlang im Wasser stehen, Schuhwerk und Kleider starren vor Dreck. Eine Versammlung der Notstandsarbeiter verlangt einen Minimallohn von 1.30 Franken und Wasserstiefel. Die Forderung wird abgelehnt, und so beschliessen sie einen Streik. Er dauert über eine Woche, aus allen Landesgegenden erhalten sie Solidaritätsbotschaften. Die kantonale Polizeidirektion warnt Rutschi mit eingeschriebenem Brief vor der Störung der öffentlichen Ordnung. Schliesslich endet die Angelegenheit mit einem Kompromiss: 1.30 Franken werden zwar nicht zum Minimallohn, aber zur Durchschnittsentlöhnung.

Eugen Bircher steigt auf

Die dreissiger Jahre stehen in der Schweiz im Zeichen der Wirtschaftskrise und der Machtübernahme Hitlers in Deutschland. Der BGB-Politiker Rudolf Minger wird Bundesrat und übernimmt das Militärdepartement. Sein Duzfreund Eugen Bircher wird im gleichen Jahr Zentralpräsident der Schweizerischen Offiziersgesellschaft. Zwei Jahre später übernimmt Bircher auch noch das Amt des Redaktors der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift». Er bekommt so innerhalb des Offizierskorps eine «beträchtliche Machtstellung», wie Bircher-Biograf Daniel Heller schreibt. Bircher steht den Veränderungen im Nachbarland Deutschland positiv gegenüber. Adolf Hitlers Machtübernahme bezeichnet Bircher als «rettenden Tag für die Kultur Mitteleuropas». Dass Offiziere aktiv in der faschistischen Frontenbewegung in der Schweiz mitmachen, stört ihn nicht, im Gegenteil: «Es stehen in der Front viele gute, vielleicht die besten Zukunftskräfte der Armee», schreibt er.

Nachdem in den zwanziger Jahren noch sozialpolitische Reformen angegangen wurden, beginnt ab 1932 «ein Jahrzehnt der Verbote», so der Historiker Aram Mattioli. Doch noch lässt sich nicht alles durchsetzen: Nachdem der Bundesrat schon 1922 vergeblich versuchte, das Strafgesetz so zu verschärften, dass politische Versammlungen und Demonstrationen kriminalisiert werden, scheitert er 1933 erneut bei der Referendumsabstimmung. Entscheidend ist die resolute Haltung der SP, die die antikommunistische Rhetorik der Regierung immer auch als Angriff auf die eigene Partei versteht. Eine Zusammenarbeit von sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien ist in den dreissiger Jahren auch angesichts der faschistischen Bedrohung in Europa kein Tabu: In Spanien und Frankreich übernehmen SozialistInnen und KommunistInnen gar in einer Volksfrontregierung die Macht. Auch in der Schweiz bilden SP und KPS gelegentlich Ansätze einer «Einheitsfront»; man verspricht sich gegenseitig, nicht mehr gegeneinander zu polemisieren, vereinbart sogar an bestimmten Orten gemeinsame Wahllisten.

Dem Bürgertum ist das ein Gräuel. Das Wort «Volksfront» löst dort Panik aus. Im November 1936 erlässt der Bundesrat «Massnahmen gegen kommunistische Umtriebe in der Schweiz». Daraufhin werden in Zürich und Basel zahlreiche Hausdurchsuchungen vorgenommen und Bücher beschlagnahmt. Bürgerliche Politiker fordern nun energisch die Auflösung der KPS. Besonders aktiv ist dabei der ehemalige katholisch-konservative Bundesrat Jean-Marie Musy. Als Reaktion auf die Volksfront in Frankreich gründet er die Schweizer Aktion gegen den Kommunismus und tritt mit hochrangigen Nazis wie etwa Heinrich Himmler in Verbindung. Die KPS wird schliesslich 1937 in mehreren Westschweizer Kantonen verboten: Auslöser ist eine Veranstaltung der rechten Jugendorganisation Jeunesses nationales am 25. Januar 1937 in der Arbeiterstadt La Chaux-de-Fonds. Musy ist Hauptreferent. Im Anschluss an die Veranstaltung marschieren die Teilnehmer durch die Stadt. Dabei kommt es zu Schlägereien mit linken GegendemonstrantInnen und einem Polizeieinsatz. Eugène Bourquin, Präsident der Jeunesses nationales, erleidet einen Herzanfall und stirbt. Der KPS wird die Schuld für seinen Tod in die Schuhe geschoben.

Im Sommer 1937 greift die Verbotsdiskussion auch auf die Deutschschweiz über: Äusserer Anlass dazu ist – ausgerechnet – ein 1.-August-Fest, das die KPS auf der Josefwiese in Zürich abhalten will. Dass der Stadtrat dieses Fest am Nationalfeiertag bewilligt hatte, wird im Vorfeld von der bürgerlichen Presse heftig kritisiert. «Den Gefühlen der vaterländisch gesinnten Bürgerschaft» werde durch den Beschluss des Stadtrats «ins Gesicht geschlagen», schreibt die freisinnige NZZ. Und weiter: «Es riecht stark nach Volksfront.»

Das Fest auf der Josefwiese fällt letztlich buchstäblich ins Wasser. Der Tag ist in Zürich durch ein «ganz mieses Regenwetter gestört worden, an dem die Kommunisten beileibe nicht schuld sein konnten», schreibt das sozialdemokratische «Volksrecht» am Tag darauf. Doch die Zürcher Bauernpartei beschliesst nun eine Volksinitiative zum Verbot der KPS im Kanton Zürich. Mitinitiantin der Initiative ist anfänglich die rechtsradikale Nationale Front. Die Volksinitiative kommt schliesslich zustande, die Nationale Front allerdings darf auf Druck der anderen bürgerlichen Parteien nicht im Initiativkomitee dabei sein. Zur Abstimmung gelangt die Initiative aber nicht – der Zürcher Regierungsrat verzögert das Plebiszit so lange, bis der Bundesrat auf nationaler Ebene ein Parteiverbot ausspricht.

Endgültiger Bruch mit der SP

Theo Rutschi sammelt in dieser Zeit Geld, Sanitätsmaterial, Kleider und Lebensmittel für die Republik Spanien. General Franco droht dort, mit der Unterstützung Deutschlands und Italiens der Demokratie ein Ende zu setzen. In Binningen, wo er jetzt wohnt, sind «der Eifer, die Sympathie, der Opferwille» für die spanische Republik gross. Er stellt fest: «Die parteilichen Abgrenzungen unter den Einwohnern werden jetzt gelockert.»

Doch schon am 27. Mai 1938 fasst der Bundesrat einen Beschluss «betreffend Massnahmen gegen staatsgefährdendes Propagandamaterial», der sich vorab gegen die Verbreitung von Schriften der KPS richtet. Die Partei kann dem wenig entgegensetzen, von der SP ist keine Solidarität mehr zu erwarten. Vor allem der gewerkschaftliche Flügel der Sozialdemokratie sieht in der KPS nur noch ein Hindernis. Das Friedensabkommen des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeitnehmer-Verbands (SMUV) mit den Unternehmern vom 19. Juli 1937 zementiert diese Abgrenzung.

Die SP bewegt sich in dieser Zeit zur Mitte hin. So versucht sie, eine punktuelle Zusammenarbeit mit den Freisinnigen in Gang zu bekommen, und tritt der sogenannten Richtlinienbewegung bei, einem Zusammenschluss von Gewerkschaften, Bauernorganisationen und einzelnen Sektionen der links der Freisinnigen stehenden Demokratischen Partei. Dieses Mitte-links-Bündnis fordert mehr Demokratie und soziale Reformen. Ein Beitrittsgesuch der KPS lehnt es ab.

Isolation wegen Hitler-Stalin-Pakt

Die KPS, die angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung nun sogar die Landesverteidigung befürwortet, gerät vollends in die Isolation, als die Sowjetunion mit Hitlerdeutschland am 23. August 1939 einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. Für die SPS ist damit jegliche Zusammenarbeit mit der KPS beendet. SP-Mitglieder, die den Hitler-Stalin-Pakt verteidigen, werden aus der Partei ausgeschlossen. Die SP ist nun, wie der Historiker Karl Schwaar schreibt, Teil der «geistigen Landesverteidigung» und einer «nationalen Versöhnung», die an der Landesausstellung 1939 ihre symbolische Weihe erhalten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs regiert der Bundesrat gestützt auf ausserordentliche Vollmachten, die ihm das Parlament gewährte. Die Pressefreiheit wird stark eingeschränkt. Am 28. Dezember 1939 verbietet der Bundesrat die KPS-Zeitung «Die Freiheit». Eugen Bircher befehligt zu dieser Zeit als Kommandant der 5. Armeedivision von Aarau aus Truppen, die im Raum Bözberg–Brugg stationiert sind. Ihr Auftrag ist es, einen Durchmarsch von Norden zu verhindern. Mehrmals reist Oberstdivisionär Bircher mit Bewilligung seines Vorgesetzten, General Henri Guisan, nach Deutschland, um an Chirurgenkongressen teilzunehmen, aber auch, um hohe deutsche Militärs zu treffen.

Mit dem Westfeldzug Deutschlands und der Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940 ist die Schweiz von den faschistischen Achsenmächten umzingelt: Nur wenige Tage darauf spricht Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz in einer Ansprache an die Bevölkerung von «der Anpassung an die neuen Verhältnisse». Der Zeitpunkt «der inneren Wiedergeburt» sei gekommen, «jeder von uns muss den alten Menschen ablegen».

Ähnliche Worte braucht wenige Wochen später auch der Vaterländische Verband in einem Brief an den Bundesrat, um sich damit «hinter den Bundesrat zu stellen». Das Land könne sich der «Anpassung an die neue Zeit» nicht verschliessen. Anders als Pilet-Golaz wird der SVV aber sehr konkret in der Umsetzung: «In erster Linie» müssten «alle Unruheherde im Innern unseres Landes sofort unschädlich gemacht werden», schreibt er. Das heisse, die KPS sei zu verbieten, weil sie darauf hinziele, «Unzufriedenheit zu stiften und Unruhe zu schaffen». «Führende Persönlichkeiten» der Partei seien «aktionsunfähig» zu machen.

Für den SVV ist das Verbot der KPS allerdings nur der Anfang einer «neuen Ordnung»: So seien «gegen unerwünschte Emigranten die fremdenpolizeilichen Vorschriften mit aller Strenge und Schärfe anzuwenden», heisst es in dem Brief weiter. Vor «jüdischen Emigranten», die «kommunistische Schulungskurse durchführen» und sich «auch in moralischer Sicht nicht einwandfrei verhielten», warnt der SVV besonders. Auch auf die «alteingesessen und assimilierten Juden» kommt der SVV dann in eindeutiger antisemitischer Form zu sprechen: Diese hätten angesichts einer Panikreaktion in Schaffhausen im Mai 1940, als man kurzzeitig einen deutschen Überfall befürchtete, «bewiesen, dass der Jude als erster sich und seine Kapitalien rücksichtslos in Sicherheit bringt und dabei weder auf seine Mitbürger noch gegenüber dem Vaterland irgendwelche Rücksichten nimmt».

Am 6. August 1940 – also nur wenige Tage nach Eingang des SVV-Briefs – beschliesst der Bundesrat «Massnahmen gegen kommunistische und anarchistische Tätigkeit». Als Grund dafür gibt er an, es sei eine «Zunahme der konspirativen und illegalen Tätigkeit festgestellt worden». Der KPS wird jede Tätigkeit verboten. Am 26. November doppelt der Bundesrat nach und löst «sämtliche in der Schweiz bestehende kommunistische Organisationen» auf. Die SP unterstützt das Verbot. Das sozialdemokratische «Volksrecht» kritisiert lediglich, dass nicht auch die rechtsextreme Nationale Front verboten wurde. Das KPS-Verbot scheint den parteiübergreifenden Schulterschluss in der Schweizer Politik zu besiegeln.

«Wunderbare Kampfstimmung»

Die Auswirkungen der Bundesratsbeschlüsse machen sich bei Theo Rutschi mit einer Hausdurchsuchung in seinem Mansardenzimmer in Binningen bemerkbar. Ein Bundespolizist in Zivil und ein örtlicher Kantonspolizist sind aufmarschiert und werfen von seinem Büchergestell alles, was «nach politischer Propaganda riecht», in einen Korb, den sie anschliessend mitnehmen: Bücher, Broschüren, Dokumente, sogar die Akten der Spanienhilfe. «Jedes beschlagnahmte Stück ein Kompliment für Hitler», kommentiert Rutschi. Er wird die Sachen nie zurückbekommen.

Doch für Rutschi ist die Zeit der Illegalität nicht deprimierend. Im Gegenteil: Es herrscht eine «wunderbare Kampfstimmung». Er stellt sich der Partei ganz zur Verfügung. Rutschi ist ledig, hat nichts zu verlieren, keine Rücksichten zu nehmen. In Baselland erscheint schon bald «Der Morgen», eine Zeitung mit einer Auflage von 300 Exemplaren. Rutschi ist Redaktor, Matrizenschreiber, Drucker und Administrator in einer Person. Mehrmals wechselt er die Örtlichkeiten für die Herstellung und arbeitet daneben als Gärtner. Dann wird Parteichef Karl Hofmaier auf ihn aufmerksam. Nun soll er Druckaufträge für die Gesamtpartei übernehmen. Und so zügelt er seinen Hektografenapparat ans Imbergässli 3 nach Basel.

Während Theo Rutschi dort rund ein Jahr lang illegale Schriften der KPS druckt, begibt sich Eugen Bircher auf mehrere militärische Ärztemissionen an die deutsche Ostfront, wo er immer wieder mit höchsten Offizieren der Invasionstruppe zusammentrifft. In der Schweiz sind diese Hilfseinsätze für einen kriegführenden Staat zwar höchst umstritten, aber der Bundesrat deckt Bircher. Die letzte Mission findet vom November 1942 bis März 1943 statt, just zu dem Zeitpunkt, als sich für die Wehrmacht das Blatt wendet und ihr in Stalingrad durch die Rote Armee eine vorentscheidende Niederlage bereitet wird.

Bircher gibt 1942 sein Divisionskommando ab. Doch sein Einfluss schwindet nicht. Er sitzt jetzt für die BGB im Nationalrat, wo er zu Beginn vor allem durch fremdenfeindliche Vorstösse auffällt, die sich gegen die Flüchtlinge im Land richten. In Reden geisselt er deren angeblich mangelnden Arbeitswillen, bezichtigt sie des Diebstahls und der kommunistischen Propaganda. Schweizer Frauen, die sich mit Internierten einliessen, seien die Haare auf dem Kopf zu scheren.

Theo Rutschi wird während seiner Haft einmal ein Ständchen durch den Arbeitermännerchor von Binningen gebracht. Nach seiner Freilassung findet er eine Stelle als Hilfsarbeiter und fabriziert Klosettdeckel. Mit dem Kommunismusverbot nimmt es der Bundesrat angesichts der absehbaren Niederlage Nazideutschlands und der künftigen Siegermacht Sowjetunion nicht mehr so genau. In verschiedenen Kantonen entstehen Anfang 1944 Zusammenschlüsse von KommunistInnen, linken SozialdemokratInnen und parteiunabhängigen Linken. Schon im März 1944 nimmt in der Stadt Basel ein «Komitee der Liste der Arbeit» an den Grossratswahlen teil und bekommt dreizehn Prozent der Stimmen. Die Partei der Arbeit (PdA) wird auf nationaler Ebene im Oktober 1944 gegründet; erster Präsident wird Léon Nicole, ehemaliger Genfer Regierungsrat, der wegen seiner sowjetfreundlichen Haltung 1939 aus der SP ausgeschlossen worden ist und danach die Fédération socialiste suisse gründet, die später ebenfalls verboten wird. Die PdA erreicht bei den Nationalratswahlen von 1947 mit 5,1 Prozent der Stimmen sieben Sitze im Nationalrat und damit mehr, als die KPS jemals hatte. Theo Rutschi wird für die PdA vier Jahre lang Einsitz in den Gemeinderat von Binningen nehmen.

Eugen Bircher bleibt bis 1955 Mitglied des Nationalrats, zu seinen runden Geburtstagen werden Festschriften veröffentlicht. Bei seinem Begräbnis in der Stadtkirche von Aarau von 1956 sind ein Bundesrat, mehrere Altbundesräte, die gesamte Aargauer Regierung sowie die gesamte militärische Führung des Landes anwesend.

Theo Rutschi stirbt Ende Dezember 1979 im Binninger Altersheim. Begraben wird er am 2. Januar 1980 im Schneegestöber von einem kleinen Kreis alter FreundInnen, Genossinnen und Genossen. Die PdA-Zeitung «Vorwärts» druckt einen Nachruf.

Theo Rutschi hat seine Geschichte in einer Autobiografie 
niedergeschrieben. Sie erschien 1983 unter dem 
Titel «Ich höre ein Lied …» im Unionsverlag, Zürich.