Nr. 05/2016 vom 04.02.2016

Florent will tschutten

Pedro Lenz über Sportstars mit Herkunftsnachteil

Von Pedro Lenz

Peter Müller, ehemaliger Skistar, Gewinner von 24 Weltcuprennen, Abfahrtsweltmeister und zweifacher Olympia-Silbermedaillengewinner in der Abfahrt, stammte aus Adliswil im Kanton Zürich. Zu seiner Aktivzeit galt der Flachländer Müller als Exote unter lauter Bergburschen. Adliswil liegt auf 435 Metern über Meer, was die Gemeinde nicht unbedingt zur Brutstätte von SkirennfahrerInnen prädestiniert. Sportlich begabte Kinder, die in Adliswil aufwachsen, entscheiden sich wohl eher selten dafür, ihr Glück ausgerechnet im Skirennsport zu versuchen.

Eine ähnlich eigenartige Sportkarriere, wenngleich mit umgekehrten Vorzeichen, gelang dem Bündner Fussballer Paul Friberg. Aufgewachsen im 500-Seelen-Dorf Tavanasa in der Surselva, schaffte es der Bergler zum Profifussballer beim FC St. Gallen, FC Wettingen und FC Luzern. In Luzern gewann Friberg 1989 den Titel eines Schweizer Meisters. Und hätte er nicht so viel Pech mit hartnäckigen Verletzungen gehabt, wäre für den torgefährlichen Stürmer bestimmt eine internationale Karriere möglich gewesen. Tavanasa hat vor und nach Paul Friberg keinen Fussballstar hervorgebracht. Das heisst nun nicht, dass Kinder aus Tavanasa kein diesbezügliches Talent haben. Der Tavanaser Schriftsteller Arno Camenisch zum Beispiel gehört zum Besten, was die Schweizer SchriftstellerInnen-Nationalmannschaft auf den Platz bringt. Trotzdem ist Tavanasa alles andere als ein typisches Fussballtalentreservoir.

Normalerweise ist die Herkunft mitverantwortlich dafür, welchen Sport ein junger Mensch wählt. Wer am Rand einer Skipiste aufwächst, wird sich eher zum Wintersport angezogen fühlen. Wer seine Kindheit an einem Meeresstrand verbringt, fühlt sich zum Surfsport, zum Segeln oder zum Schwimmen hingezogen. Und wer in Langnau im Emmental zur Schule geht, muss fast zwangsläufig früher oder später mit Eishockey in Kontakt kommen.

So gesehen hätte auch der Langnauer Bub Florent Hadergjonaj von früher Jugend an dem Puck nachlaufen sollen. Hadergjonaj kam 1994 an den Ufern der Ilfis zur Welt. Im Emmentaler Dorf werden die sportbegeisterten Buben Eishockeyaner, Schwinger, Hornusser oder allenfalls Unihockeyspieler.

Doch der kleine Florent wollte immer schon Fussballer werden. Und auch wenn Fussball in Langnau viel weniger Beachtung findet als Eishockey, schaffte er es bald zum FC Thun und von dort via Luzern zu den Berner Young Boys. Schon mit neunzehn gab er sein Debüt in der ersten Mannschaft der Gelb-Schwarzen, und heute, bloss zweieinhalb Jahre nach seinem ersten Einsatz, gehört der Langnauer zu den Teamstützen bei YB. Bereits wird vermeldet, der Fussballer aus der Eishockeyhochburg habe ein Vertragsangebot vom italienischen Spitzenklub Napoli erhalten, bei dem einst auch Diego Maradona auf Torjagd ging.

Trotz der Verlockung aus Italien bleibt Hadergjonaj, der im Emmental offenbar gelernt hat, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, vorderhand dem BSC Young Boys treu. Er ist erst 22 und hat noch alle Zeit der Welt, dereinst in einer grossen Liga für Furore zu sorgen. Sollte er demnächst tatsächlich für Napoli oder einen ähnlich grossen Klub spielen, wird sich wohl bald niemand mehr daran erinnern, dass er eigentlich gegen seine Herkunft Fussballer geworden ist.

Wie lange vor ihm der Skistar Peter Müller oder der Fussballer Paul Friberg hat Florent Hadergjonaj einen Weg eingeschlagen, der vollkommen untypisch für seine Herkunft ist. Wir dürfen annehmen, dass es gerade diesem Eigensinn zuzuschreiben ist, dass es einer wie er sehr bald an die Spitze schafft. Der talentierte Aussenverteidiger hat die sportgeografischen Begebenheiten seiner Herkunft früh ignoriert. Er ist in der Wahl seines Lieblingssports seinem Herzen gefolgt. Das tun nur wenige, aber diejenigen, die es tun, werden nicht selten dafür belohnt.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er ist Fan des Liedermachers Tinu Heiniger, des anderen bedeutenden Fussballers aus Langnau i. E.

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