Whistleblowing : Und plötzlich scherten sie aus

Nr.  6 –

Rudolf Elmer, Stéphanie Gibaud und Lutz Otte arbeiteten jahrelang für international tätige Banken wie die UBS und Julius Bär – bis sie Alarm schlugen. Drei Geschichten von Verschwiegenheit, Verrat und Verfolgung.

Das Bankgeheimnis ist längst Geschichte, übrig geblieben ist die Verfolgung eines Nestbeschmutzers, eines Whistleblowers zur Unzeit: Rudolf Elmer vor dem Zürcher Bezirksgericht. Foto: Florian Bachmann

Sie prüften die Bücher, verwalteten die IT-Infrastruktur oder organisierten grosse Anlässe, an denen die Banken auf Kundenfang gingen. Sie wussten, wie man über komplexe Strukturen Gewinne verschiebt, wirtschaftlich Berechtigte verschleiert und Steuern hinterzieht. Sie kannten KundInnen, Konten und die Summen, die darauf lagen. Sie waren ahnungslose MitarbeiterInnen und KomplizInnen im Geschäft. Sie waren Buchhalter, Vermarkterin, Informatiker – bis es zum Bruch kam. Sie wurden Whistleblower, Nestbeschmutzerinnen, Datendiebe, Wirtschaftsspione. Sind sie selbstlose HeldInnen, die Missstände aufdeckten?

Rudolf Elmer war vor den Kopf gestossen, als er plötzlich entlassen wurde. Stéphanie Gibaud fiel aus allen Wolken, als ihre Vorgesetzte von ihr verlangte, die Festplatte zu löschen. Und Lutz Otte witterte vor allem ein gutes Geschäft …

Die Schweiz gab ihre vielleicht erfolgreichste Geschäftsidee erst nach jahrelangem Druck von aussen auf: Strafklagen in den USA, Käufe von Steuer-CDs durch Deutschland. Doch das Bankgeheimnis wäre heute nicht am Ende ohne jene, die aus dem Inneren heraus über die Geschäftspraktiken der Banken berichteten. Elmer, Gibaud, Otte – sie alle verrieten die Geheimnisse einer verschwiegenen Branche. Und dafür zahlten sie einen hohen Preis.

Otte macht Kohle

Das Wasser plätschert unter dem Holzsteg, Pedalos schaukeln rauf und runter, das Schilfgras raschelt. «Marina» steht auf einer blauen Tafel, die zum kleinen Steg führt, als hätte man hier Sehnsucht nach dem Grossen. Es ist noch ruhig an diesem frühen Morgen am Schweriner See im Norden Deutschlands. Drinnen im Hotel sind die Gäste beim Frühstück, draussen erzählt Lutz Otte – Poloshirt: grau-schwarz, Brille: blau, Bart: Henriquatre – mit sonorer Stimme, wie er den grössten Deal seines Lebens beim Golfen einfädelte.

Lutz Otte, 1959 geboren, stammt aus Solingen in Nordrhein-Westfalen. Er war Verwaltungsangestellter, arbeitete ein paar Jahre bei der deutschen Bundeswehr, ehe er eine Ausbildung zum Informatiker machte. Als Organisationsprogrammierer zog es ihn ab 1989 in die Schweiz. Hier arbeitete er für Banken und Versicherungen. Dann machte er sich selbstständig, gründete ein eigenes Beratungsunternehmen und liess sich 2005 in der Schweiz nieder.

Zu Ottes Leidenschaften gehörte das Golfspielen. Golf und Geld – gibt es ein grösseres Klischee? Es war tatsächlich bei einem privaten Golfturnier in der Schweiz, als ihn ein Spieler ansprach und fragte, ob er, der doch bei einer Schweizer Bank arbeite, nicht vielleicht Zugang zu vertraulichen Kundendaten habe. Das war 2007, Lutz Otte war bei der UBS, und der Spieler mit dem ungewöhnlichen Anliegen war ein deutscher Steuerfahnder. «Kannst du vergessen», antwortete Otte. Die Computersysteme bei der Grossbank waren viel zu gut gesichert. Zu sensiblen Daten hatte er gar keinen Zugang. Nach zwei Sätzen war das Thema erledigt.

Vier Jahre später traf er den Steuerfahnder erneut. Wieder bei einem Golfturnier in der Schweiz. Der Fahnder war mittlerweile pensioniert, aber bei einer Party anlässlich des Turniers fragte er Otte trotzdem: Er sei doch jetzt bei einer anderen Bank … «Da war die Situation für mich schon eine andere», erzählt Otte. «Julius Bär hatte mich als Externen angestellt. Mit der Arbeit war ich nicht wahnsinnig glücklich, in der Branche herrschte seit der Finanzkrise ein grosses Hire and Fire, ich war schon etwas über fünfzig und dachte: Im Leben ist der Spass auch nur begrenzt.»

Otte überlegte, auszusteigen, sich frühzeitig zur Ruhe zu setzen. «Ich habe immer gewusst, welche Geschäfte die Banken mit Schwarzgeld machen. Es gibt Leute, die arrangieren sich damit. Sie sind zwar unzufrieden, aber sie machen ihren Job bis zum Schluss. Für mich war das nichts. Ich hatte keine Lust mehr.»

Otte antwortete dem Fahnder, dass es klappen könnte: Die Systeme von Julius Bär waren weit weniger gut geschützt als die der UBS. Er kopierte zwanzig Datensätze in eine Excel-Tabelle, druckte sie aus und schickte sie dem Steuerfahnder, der als Mittelsmann für das Finanzamt von Nordrhein-Westfalen wirkte. «Die Antwort kam schnell», sagt Otte. «Mehr davon! Wie viel kannst du liefern?»

«Geld ist nie weg …»

Im Herbst 2011 begann Lutz Otte, Nachrichten an sich selbst zu schreiben. Von seinem Arbeitsplatz in Zürich schickte er E-Mails nach Hause. Am 7. Oktober, um exakt 15.11 Uhr, klickte er das erste Mal auf Senden: «txt», stand im Betreff, angehängt war eine zip-Datei, die er mit «g1b» betitelt hatte – ein erster Satz Kundendaten.

Otte wartete drei Wochen. Dann ging es schnell: Am 28. Oktober schrieb er drei Nachrichten, am 4. November folgten zehn weitere. Das letzte Datenpaket verschickte er am 6. Dezember 2011 um 17.26 Uhr. Insgesamt schickte sich Otte so in fünfzehn E-Mails rund 15 000 Kundendossiers nach Hause. Ein schöner Schatz.

Doch die deutschen Steuerbehörden wollten gar nicht so viel. Sie hatten es auf die grossen Fische abgesehen: Konten mit über 100 000 Euro Guthaben. Es blieben um 2700 Datensätze. Die Behörden machten noch einen Test: Sie schickten Otte zwanzig Kontonummern, und er musste die Anfangsbuchstaben der BesitzerInnen liefern. Dann begann das Feilschen um den Preis. Mit 10 000 bis 12 000 Euro pro Namen hatte Otte gerechnet. Das hätte ihm drei bis vier Millionen eingebracht, ein anständiges Polster für den Ruhestand.

Die Steuerbehörden boten ihm viel weniger: 800 000 Euro. Otte befand sich in einer schlechten Verhandlungsposition. Einerseits hatte er das Geschäftsgeheimnis ohnehin schon verletzt, andererseits wurde sein Zeitfenster enger: Deutschland und die Schweiz hatten sich im Steuerstreit auf eine sogenannte Abgeltungssteuer geeinigt. Die Schweiz hatte bereits zugestimmt, in Deutschland fehlte nur noch das Ja der Länderkammer, des Bundesrats. «Der Fahnder sagte zu mir: Wenn dieses Abkommen mal unterzeichnet ist, dann ist das Thema Steuer-CDs durch. Dann kaufen wir keine Daten mehr. Für mich hiess das: Jetzt oder nie.»

So kamen sie Mitte Februar 2012 ins Geschäft: Der Informatiker von Julius Bär, der Steuerfahnder im Ruhestand und das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Otte lieferte eine SD-Karte mit 2700 Kundendaten. Die Behörden zahlten 1,1 Millionen Euro – in bar. Otte schmiedete bereits Pläne, was er mit dem leicht verdienten Geld anfangen würde. Dann meldeten sich die ersten deutschen KundInnen bei Julius Bär: Das Steueramt sei ihnen auf die Schliche gekommen.

Am 24. Juli 2012 wurde Lutz Otte am Arbeitsplatz verhaftet und in Untersuchungshaft gesteckt. Die Bundesanwaltschaft klagte ihn wegen Bankgeheimnisverletzung, Wirtschaftsspionage und Geldwäscherei an. Nach einem Jahr U-Haft wurde er im August 2013 zu 36 Monaten Gefängnis verurteilt.

Eineinhalb Jahre sass Otte im Gefängnis, dann wurde er auf Bewährung entlassen. Die Polizei hatte alle Wertgegenstände beschlagnahmt: Ottes Konten und die seiner Frau wurden gesperrt, die Schweizer Behörden zogen 140 900 Euro ein, 600 Franken, eine Münz- und eine Uhrensammlung sowie zwei Autos. Die StrafverfolgerInnen liessen Otte einen Ledersessel, einen Lederhocker und ein Stoffsofa. Heute lebt Otte «mittellos», wie er sagt, im Norden Deutschlands.

Und das Geld?

Rund 200 000 Euro zahlte er dem pensionierten Steuerfahnder als Vermittlungsprämie (was dieser bestritt). Blieben rund 800 000 Euro. Den Bundesanwälten sagte Otte, er habe das Geld dem deutschen Fiskus überwiesen: Steuerschulden. Kann das wahr sein?

Otte lacht. «Der wichtigste Satz, den ich von meinem Anwalt gelernt habe, lautet: ‹Als Beschuldigter dürfen Sie lügen.›» Hat er gelogen? «Selbstverständlich.» Und wo ist das Geld jetzt? «Ich kann Ihnen nur sagen, was ich schon anderen Journalisten gesagt habe: Geld ist nie weg. Das hat immer nur ein anderer.»

Gibaud schlägt Alarm

Eine scharfe Bise fegt über die Place de la République und hat Stéphanie Gibaud in ein Bistro vertrieben, dessen einzige Qualität in seiner gähnenden Leere besteht: Hier muss Gibaud nicht ständig über die Schulter schauen und prüfen, ob sie jemand belauscht.

Sie sind zwar seltener geworden, aber es gibt sie noch, die Momente, in denen sie ihre Erzählung abrupt unterbricht, weil ihr der Mann am Tisch nebenan nicht geheuer ist. «Sass er schon hier?», flüstert sie. «Oder hat er sich dazugesetzt?» Manchmal verlässt Gibaud ihre Wohnung im 16. Arrondissement von Paris, und Panik überfällt sie: Sie fürchtet sich, den Briefkasten zu leeren, die Post zu öffnen, weil schon wieder eine Strafanzeige ins Haus flattern könnte. Den Boulevard Haussmann, wo sie einst für die UBS Frankreich arbeitete, muss sie bis heute grossräumig umfahren: «C’est une torture.»

Was zwanghaft oder paranoid wirkt, hat einen handfesten Hintergrund: Fast vier Jahre lang wurde Gibaud von ihrer Arbeitgeberin gemobbt, ehe sie entlassen wurde. Gibaud sagt, man habe sie isoliert, ihre Person diffamiert, bis ihr Umfeld wegbrach und sie voller Selbstzweifel weder ein noch aus wusste. Gibaud sieht sich als Opfer, als Zeugin, als Anklägerin. «Sie nahmen mir alles weg. Das Einzige, was geblieben ist, ist meine Stimme.»

Stéphanie Gibaud wurde Whistleblowerin, – oder treffender auf Französisch: «lanceuse d’alerte» – eine, die Alarm schlägt.

Gibaud arbeitete für eine Bank, aber sie ist keine Bankerin. Bis vor ein paar Jahren wusste sie nicht, wie die Finanzgeschäfte ihrer ehemaligen Arbeitgeberin, der UBS Frankreich, funktionierten. Ihr Aufgabenfeld war ein anderes: Als Kader in der Marketingabteilung organisierte sie Anlässe für die oberen Zehntausend Frankreichs – Opernaufführungen, Kunstmessen, Tennis- und Golfturniere. Ob Verbier-Festival, Roland-Garros-Turnier oder Alinghi-Regatta: Laut Gibaud ging es an diesen Anlässen immer darum, vermögende FranzösInnen mit Kundenberatern der UBS zusammenzubringen. Dass diese oft aus der Schweiz stammten, machte Gibaud nicht stutzig. Und was sie mit den Gästen besprachen, hatte sie nicht zu interessieren. Hauptsache, der Champagner floss.

Fast zehn Jahre lang ging das gut. Gibaud, 1965 im nordfranzösischen Lille geboren, einst Sprecherin des Fussballklubs RC Lens, stieg 1999 bei der UBS Frankreich ein und hatte Spass am aufregenden, exklusiven Leben. Die UBS war gerade neu in den französischen Markt eingestiegen und eroberte ihn nun Stück für Stück. Wann immer neue Filialen eröffnet wurden, stellte Gibaud standesgemässe Empfänge auf die Beine. In Frankreich, sagt Gibaud, gebe es ein paar Tausend wirklich reiche Familien. An den Events der Bank sollten die UBS-Kundenberater das Vertrauen dieser Familien gewinnen, damit sie ihre Freunde und Bekannten ebenfalls zur Bank brachten.

Warum diese Leute von der UBS so hofiert wurden, habe sie sich nicht gefragt, sagt Gibaud. Sie habe nie vermutet, dass es nicht immer mit rechten Dingen zuging. Doch dann kam der 25. Juni 2008.

«Ich wollte nicht mehr Komplizin sein»

An jenem Mittwoch platzte Gibauds Chefin in ihr Büro und teilte ihr mit, dass gerade eine Razzia im Büro des Generaldirektors der UBS Frankreich stattfinde. «Zerstören Sie Ihre Akten», soll die Vorgesetzte gesagt haben. «Lassen Sie Ihre Dossiers verschwinden: die Namen der Klienten, die Namen der Kundenberater! Löschen Sie die Festplatte!»

Stéphanie Gibaud fiel aus allen Wolken. Sie zögerte, wollte verstehen, was ihr da befohlen wurde. Aber Gibaud erhielt keine Antwort. Also verweigerte sie sich. Sie speicherte, was sie konnte. Und beging einen Fehler: «Ich begann, Fragen zu stellen. Ich ahnte nicht, welche Dimension alles annehmen würde. Ich wollte nur nicht länger Komplizin sein.»

Kurz zuvor war Bradley Birkenfeld, ein ehemaliger Kundenberater der UBS-Filiale in Genf, in den USA verhaftet worden. Er hatte sich den US-Behörden bereits ab 2007 als Whistleblower angeboten. Nun war das kriminelle grenzüberschreitende Geschäft der UBS in den USA drauf und dran aufzufliegen. Anfang 2009 zahlte die UBS schliesslich eine Strafe von 780 Millionen US-Dollar. Die Grossbank soll in Frankreich ganz ähnlich wie in den USA vorgegangen sein.

Die Fragen, die Gibaud stellte, brachten ihr keine Antworten, sondern Mobbing und Isolation. ArbeitskollegInnen wendeten sich ab, sie erhielt immer weniger Aufgaben zugeteilt. Aber sie habe langsam begriffen, wie die UBS französischen KundInnen geholfen habe, Geld in der Schweiz zu verstecken: mit doppelten Buchführungen und sogenannten «carnets au lait» – Milchbüchlein, in denen Bewegungen festgehalten wurden, ohne sie je in einem Computersystem zu speichern.

Gibaud wandte sich an die Behörden, an JournalistInnen, an andere Whistleblower. Und fand so neue Freunde. Sie erzählt von Hervé, Antoine, Brad oder Rudolf. Sie nennt sie bei ihren Vornamen, als wären sie Teil ihrer engsten Familie. Aber die Öffentlichkeit kennt sie wegen ihrer Nachnamen: Falciani, Deltour, Birkenfeld, Elmer. Wegen der Skandale, die sie publik machten: Luxleaks und Swissleaks. Oder wegen der Banken, für die sie arbeiteten: UBS und Julius Bär.

Als im Frühling 2012 der französische Journalist Antoine Peillon das Buch «Jene 600 Milliarden, die Frankreich fehlen» veröffentlichte und der UBS vorwarf, Teil eines grossen Steuerhinterziehungssystems zu sein, war Gibaud mit ihrem Wissen und ihren Unterlagen eine wichtige Informantin. Die französischen Behörden eröffneten ein Verfahren gegen die UBS wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Geldwäscherei. Im Herbst 2014 musste die Schweizer Grossbank in Frankreich 1,1 Milliarden Euro als Kaution hinterlegen. Die Ermittlungen dauern an. Die Bank streitet ein Fehlverhalten ab.

Stéphanie Gibaud allerdings ist seit bald vier Jahren ohne Job. Sie tingelt von Konferenz zu Konferenz, redet vor Sonderkommissionen und Ausschüssen, aber ihre Rechnungen kann sie kaum mehr bezahlen. Die alleinerziehende Mutter lebt von der Sozialhilfe.

Immer wieder hat die UBS versucht, Gibaud vor Gericht zu zerren – zuletzt, als sie im Herbst 2014 ihre Erlebnisse im Buch «Die Frau, die wirklich zu viel wusste» verarbeitete. Die UBS scheiterte jedes Mal. Im März vergangenen Jahres erhielt stattdessen Gibaud eine Entschädigung für die Verleumdungen der UBS. 30 000 Euro sprach ihr das Gericht zu, nicht mehr als eine symbolische Genugtuung für Jahre der Isolation und Diffamierung.

Sie versuche schon lange, mit der Sache abzuschliessen, sagt Gibaud. Aber so einfach sei das nicht. In der Öffentlichkeit ist sie «Madame Propre», eine mediatisierte Person, die fast täglich Interviews geben könnte. «Man sagt, ich sei eine grosse Whistleblowerin. Aber bin ich das wirklich? Ich habe nie entschieden, aus dem System auszusteigen. Ich habe nur einmal Nein gesagt. Und nun bin ich eine Aktivistin in eigener Sache geworden. Seit Jahren bin ich die, die sich rechtfertigen muss.»

Elmer schert aus

Rudolf Elmer ist etwas in Eile. Die Tochter kommt bald nach Hause, und er muss noch Mittagessen kochen. Danach hat der heute sechzigjährige Hausmann Zeit. Er setzt sich aufs Sofa im Wohnzimmer eines schmucklosen Reihenfamilienhauses im Zürcher Unterland und erzählt, wie er einst aufstieg – und dann tief fiel: wie er als Erster seiner Familie das Gymnasium besuchte, wie er eine Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer machte, wie er 1987 bei Julius Bär ins Bankgeschäft einstieg. Sieben Jahre arbeitete er in Zürich in der Revisionsabteilung, dann wurde in Übersee eine Stelle als Chefbuchhalter frei. Elmer zog auf die Cayman Islands, eine Karibikinsel so gross wie der Kanton Zug, deren Vorzüge schöne Strände, tiefe Steuern und verschwiegene Banken sind.

Fast zehn Jahre stand Elmer im Dienst des Cayman-Ablegers von Julius Bär, zuletzt als Nummer zwei der Bank, als Chief Operating Officer. Dann kam es zu Unstimmigkeiten mit dem neuen Vorgesetzten, falschen Anschuldigungen und einem fragwürdigen Lügendetektortest, dem sich Elmer unterziehen musste: Im Dezember 2002 wurde dem damals 47-Jährigen gekündigt, ausgerechnet, als er für Ferien und eine ärztliche Untersuchung in die Schweiz geflogen war. «Fünfzehn Jahre», sagt Elmer rückblickend. «Fünfzehn Jahre war ich beim Bär, und dann entlassen die mich, als ich in die Schweiz fahre, um mich medizinisch untersuchen zu lassen. Kurz vor einer Operation. Kurz vor den Bonuszahlungen. Kurz vor Weihnachten. Das war doch abgekartet.»

Es kommt zum Zerwürfnis zwischen Elmer und der Bank: wegen nicht gezahlter AHV-Beiträge, Krankenkosten und dem nicht gewährten Anspruch auf eine Abgangsentschädigung. Elmer, der auf den Cayman Islands tägliche Back-ups erstellen und zu Hause aufbewahren musste für den Fall, dass ein Hurrikan über die Insel fegt, gelangt in den Besitz von unzähligen vertraulichen Kundendaten von den Cayman Islands.

Elmer beginnt, KundInnen anzuschreiben. Ab 2004 informiert er verschiedene Steuerbehörden über die Geschäfte und Methoden von Julius Bär im Steuerparadies Cayman Islands. In Insiderberichten bezichtigt er die Privatbank der Steuerhinterziehung. Damit bricht Elmer ein Tabu. Nie zuvor hat jemand Daten aus dem Inneren einer Bank an die Öffentlichkeit getragen. Elmer ist der erste Whistleblower der Finanzbranche.

Julius Bär reagiert mit aller Härte: Das Traditionshaus setzt Privatdetektive auf Elmer und seine Familie an. Die Beschattung wird von der obersten Leitung der Bank in Zürich abgesegnet, wie Einvernahmen der Bär-Bosse Jahre später zeigen. Elmer wiederum droht der Bank und den Detektiven, noch mehr Geheimnisse zu verraten.

Wenn Elmer von seiner Zeit auf den Cayman Islands erzählt, vom Bruch mit der Bank, von den Verfolgungen durch die Detektive, dann mischt sich immer wieder ein lautes Lachen in seine Erzählungen. Aber das war nicht immer so. Manchmal zog Elmer nach Feierabend Jackett, Hemd und Krawatte aus und stieg in einen Trainingsanzug. Er joggte vom Büro zum Bahnhof, zog sich in der öffentlichen Toilette wieder um und nahm dann die S-Bahn nach Hause. An manchen Tagen ging er einen Umweg: Er stieg eine Station früher aus und wechselte auf den nächsten Zug.

Elmer schlief schlecht, wenn überhaupt. Die Beschatter standen vor seinem Büro, sie überwachten ihn, wenn er zur Post ging, sie warteten vor seinem Haus. Er sah die Gestalten auf dem benachbarten Schulhausparkplatz, er sammelte ihre Zigarettenstummel im Garten ein, er zog die Vorhänge im Haus zu. Die Familie litt. Elmers Frau beobachtete mehrmals, wie die Detektive nachts mit quietschenden Reifen aus der Sackgasse rasten, in der die Familie wohnte.

Die Sache wuchs Rudolf Elmer über den Kopf. Einmal fand ihn seine Tochter im Garten liegend, die Hand an eine Schnur gelegt, jederzeit bereit, ein Nagelbrett heranzuziehen, falls die Detektive mit dem Auto vorbeifahren würden.

Irrläufer aus anderer Zeit

Das war in den Jahren 2004 und 2005, die Banken und ihre Geheimnisse waren über jeden Zweifel erhaben. Als im Sommer 2005 die Wirtschaftszeitung «Cash» anonym eine Daten-CD der Bank Julius Bär zugeschickt bekommt, berichtet die Schweizer Presse nicht über mutmassliche SteuerhinterzieherInnen, sondern über den «Datendieb R. E.».

Rudolf Elmer wird ein erstes Mal verhaftet, weil er die Bank bedroht und das Bankgeheimnis verletzt haben soll. Als Elmer von den Detektiven berichtet, glaubt ihm kaum jemand. Stattdessen lassen sich die Medien in Hintergrundgesprächen von der Bank instrumentalisieren und schreiben Elmer als paranoid und psychisch krank ab.

Elmers letzte Hoffnung ist Wikileaks, die Enthüllungsplattform, die zu dieser Zeit kein Mensch kennt. Anfang 2008 verrät Elmer wieder die Geheimnisse der verschwiegenen Branche: Wikileaks veröffentlicht vertrauliche Bankdossiers von vermögenden SteuerhinterzieherInnen und zwielichtigen Figuren. Und drei Jahre später tritt Elmer mit Julian Assange auf, übergibt ihm in aller Öffentlichkeit zwei CDs. Später wird er behaupten, sie seien leer gewesen. Doch die Zürcher Staatsanwaltschaft vermutet eine erneute Bankgeheimnisverletzung und verhaftet Elmer zum zweiten Mal, jetzt für 187 Tage.

Seit über zehn Jahren versucht die Zürcher Justiz, Rudolf Elmer zu belangen. Zuletzt forderte der Staatsanwalt dreieinhalb Jahre Gefängnis. Je länger der Fall Elmer dauert, desto mehr wirkt er wie ein Irrläufer aus einer anderen Zeit: Das Bankgeheimnis ist längst Geschichte, übrig geblieben ist die Verfolgung eines Nestbeschmutzers, eines Whistleblowers zur Unzeit. Im Juni 2016 geht es in die nächste Runde: Dann wird der Fall vor dem Zürcher Obergericht verhandelt.

Immerhin hat Rudolf Elmer in einem Punkt recht erhalten: Das Bundesgericht rügte die Zürcher Justiz, weil sie den Beschattungen von Elmer und seiner Familie nicht nachgegangen war. Über sechs Jahre nach der ersten Anzeige einigten sich Elmer und die Bank in einem Vergleich: Julius Bär musste ihm über 600 000 Franken zahlen. (Die Bank kommentiert die Summe nicht. Elmer bestätigt lediglich die Grössenordnung.)

Der Anspruch auf Moral

WhistleblowerInnen sind nicht unbedingt sympathisch. Sie begehen oft Fehler. Denn es gibt keine Schule für Whistleblowing. Das ist die Einschätzung des Geldwäschereiexperten und Strafrechtsprofessors Mark Pieth. «Die Motive von Whistleblowern sind nicht immer lauter», sagt er. «Sie sind unzufrieden, werden nervös. Das Unternehmen begegnet ihnen nicht gerade freundlich. In den meisten Fällen, in denen die Sache eskaliert, tragen die Arbeitgeber eine Mitschuld, weil sie nicht geschickt vorgehen.» Seine Erkenntnis ist ernüchternd. In fast allen Fällen, die er kennt, «wurde die Person, die sich als Whistleblower betätigte, immer auf die eine oder andere Art fertiggemacht».

Elmer, Gibaud, Otte – keiner hat die Rückkehr ins Berufsleben geschafft. Stattdessen sind alle drei AnwältInnen ihrer selbst geworden. Sie schrieben Bücher, traten in Talkshows auf, wurden von politischen Sonderkommissionen angehört.

Gibaud und Elmer befinden sich bis heute in Auseinandersetzungen mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber und der Justiz. Bei Lutz Otte liegen die Dinge anders. Er hat seine Strafe abgesessen. Aber: «Ich habe mich nie als Whistleblower gesehen», sagt er. «Ich bin erst in letzter Zeit ein wenig auf diese Schiene geraten. Meine Motivation war eine andere: Ich wollte Kohle machen. Es gab eine Nachfrage nach Kundendaten, und ich hatte ein Angebot. Das war nicht unmoralisch. Das nennt man Marktwirtschaft. Jetzt fragen Sie sicher gleich: ‹Aber was ist mit der Moral?› Ja, war es denn moralisch, sein Geld in die Schweiz zu tragen und es nicht zu versteuern? Ist es moralisch, als Schweizer Bank dieses schmutzige Geld zu verwalten? Wer hat hier den Anspruch auf Moral?»