Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Dreiunddreissig Jahre, zwei Monate

Pedro Lenz’ Penaltyvarianten für die Ewigkeit

Von Pedro Lenz

Der Erste, der es tat, war der legendäre Johan Cruyff. Es war im Dezember 1982, als Cruyff gegen Ende seiner langen Karriere einen Penalty für Ajax Amsterdam gegen Helmond Sport treten konnte. Cruyff nahm ganz normal Anlauf, doch statt den Ball direkt aufs Tor zu schiessen, passte er nach links zum hereinlaufenden Jesper Olsen, der spielte sofort zu Cruyff zurück und dieser buchte locker ins leere Tor.

Eigentlich ist ein Penalty die einfachste Sache der Fussballwelt. Wer ihn schiesst, darf aus elf Metern Distanz allein aufs Tor zielen. Aber damals, im Winter 1982, wollte Johan Cruyff dem Publikum ein bisschen Abwechslung gönnen. Deswegen versenkte er den Strafstoss nicht direkt, sondern nach einem präzisen und vollkommen unerwarteten Doppelpässchen mit seinem dänischen Teamkollegen.

Viele Jahre später haben Robert Pires und Thierry Henry das Gleiche versucht. Es war 2005, als die beiden Franzosen mit Arsenal London gegen Manchester City spielten. Pires täuschte den Schuss an und wollte zu Henry passen, aber die gegnerischen Verteidiger rochen den Braten, sodass der Versuch zur Lachnummer wurde.

Am vergangenen Sonntag, also über 33 Jahre nach Cruyff, haben Lionel Messi und Luis Suárez wieder einen indirekten Penalty versenkt. Es war acht Minuten vor Schluss des Spiels ihres FC Barcelona gegen Celta de Vigo in der spanischen Liga. Barcelona führte mit 3 : 1, und die beiden Stars müssen sich gesagt haben, dass der Match ohnehin schon entschieden ist, dass sie den Versuch also wagen können. Anders als Cruyff, der seinen indirekten Penalty selber begann und selber abschloss, legte Messi den Ball für Suárez vor, der die Kugel spektakulär ins Netz drosch.

In Spanien stritten sich anderntags die Fachleute darüber, ob eine solche Penaltyvariante legitim ist oder ob es sich dabei um eine arrogante Lächerlichmachung des Gegners handelt. Die meisten Fachgrössen befanden, der indirekt ausgeführte Penalty sei durchaus legitim, weil er die Gewohnheiten des Fussballs durchbricht und deswegen zum Spektakel beiträgt.

Regeltechnisch ist die indirekte Ausführung korrekt, denn die Regel besagt nur, dass ein Penalty in Richtung Tor geschossen werden muss. Dass er direkt gespielt werden muss, steht dagegen nirgends. Sobald der Ball berührt worden ist, darf er von irgendwem gespielt werden. Wer statt eines Direktschusses den Pass wählt, riskiert einen peinlichen Ballverlust. Gerade deswegen gelte der indirekte Penalty nicht als Provokation des Gegners, sondern als Ausdruck von Courage, Imagination und Spielfreude, befanden die Autoritäten der einschlägigen Fachpresse. Eine solche Aktion trage dazu bei, aus einem gewöhnlichen Fussballabend ein unvergessliches Erlebnis zu machen. Denn alle Fans, die dem ungewöhnlichen Moment beigewohnt hätten, könnten ab nun erzählen, sie seien AugenzeugInnen eines memorablen Ereignisses der Fussballgeschichte geworden. Überdies gehöre die Täuschung des Gegners traditionellerweise zum Spiel und sei daher nicht a priori als Unsportlichkeit zu verstehen.

Dass bisher in grossen Stadien und wichtigen Profispielen nur zwei indirekt verwandelte Penaltys bekannt sind und dass grosse Legenden wie Johan Cruyff und Lionel Messi daran beteiligt waren, macht die Sache noch spezieller.

Der Unterschied zwischen den Penaltys von Cruyff und Messi besteht höchstens darin, dass es 1982 noch keine Verbreitung auf Youtube gab. Messis Penalty dürften also nach wenigen Stunden weltweit schon mehr junge Menschen bewundert haben als jenen von Cruyff. Und wenn wir uns vor Augen halten, wie inspirierend Youtube für junge Leute sein kann, können wir Fussballfans davon ausgehen, dass es nicht noch einmal 33 Jahre und zwei Monate dauert, bis wir den nächsten derartigen Zauberstreich zu sehen bekommen.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er erfreut sich sowohl an direkten als auch an indirekten Finessen, nicht nur im Fussball.

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