Nr. 39/2015 vom 24.09.2015

Die Wiedergeburt des Magiers

Pedro Lenz über die Quasi-Reinkarnation eines lebenden Stürmers

Von Pedro Lenz

Der Glaube an die Wiedergeburt ist in unseren Breitengraden weiter verbreitet, als wohl viele annehmen. Nicht wenige Mitmenschen sind überzeugt davon, früher schon mal gelebt zu haben und nach ihrem Tod erneut auf die Welt zu kommen. Die Erfahrungen aus all den früheren Leben würden einem wiedergeborenen Menschen zu immer mehr innerer Reife verhelfen, erklären einem die Wiedergeburtsgläubigen. Oder anders gesagt: Die Wiedergeburt optimiert uns charakterlich und moralisch. Mit jeder Wiedergeburt nähern wir uns der menschlichen Perfektion. Das ist ein recht pragmatischer Glaube, der gar nicht schlecht zum Kapitalismus passt. Handys, Laptops, Autos, alles wird ständig optimiert, bis es wohl irgendwann so perfekt ist, dass jede weitere Optimierung unmöglich ist und wir alle mit unseren Konsumgütern im Nirwana ankommen.

Was den Glauben an die Wiedergeburt zusätzlich attraktiv macht, ist der Trost, dass nichts für immer verloren ist. Wir alternden Fussballfans, die in melancholischen Momenten gerne darüber wehklagen, dass es nie mehr einen Johan Cruyff, nie mehr einen Diego Maradona und niemals mehr einen Zinédine Zidane geben wird, sollten uns vielleicht auch am Wiedergeburtsglauben festhalten. Weil es aber sehr lange dauern könnte, bis wir als noch bessere Fussballfans und unsere Idole als noch bessere Fussballer wiederkehren, verlieren einige von uns die Geduld.

Nur so ist zu erklären, dass der neunzehnjährige Manchester-United-Stürmer Anthony Martial in der renommierten Tageszeitung «El País» als Reinkarnation seines Landsmanns Thierry Henry gefeiert wird. Der 1977 geborene Henry lebt noch, er ist putzmunter und hat bis Ende 2014 noch erfolgreich für New York Red Bull gespielt.

So lange Henry noch lebt, kann er nicht wiedergeboren werden. Ein gewisses Verständnis haben diejenigen, die den jungen Anthony Martial mit dem Hexer Thierry Henry vergleichen, dennoch verdient. Theologisch mögen sie falsch liegen, doch fussballerisch gibt es tatsächlich mehrere Indizien, die darauf hinweisen, dass Martial eine Art Wiedergänger Henrys ist.

Wie sein Vorgänger ist Martial Franzose mit Wurzeln in Guadeloupe. Und wie Henry fiel Martial bei der AS Monaco erstmals international auf. Schmerzhaft für uns YB-Fans war sein Zuckerpass in der Champions-League-Qualifikation in diesem Frühsommer gegen die Gelb-Schwarzen. Martial bediente seinen Mitspieler Pasalic mit einem blinden und genauen Zuspiel, das dieser sauber verwertete.

Eine weitere Parallele zu Thierry Henry ist Anthony Martials früher Transfer nach England. Anfang dieses Monats prangte das Bild des jugendlichen Aufsteigers auf der Titelseite von «France Football». Die Titelzeile lautete etwas verwirrlich: «Pauvre Martial». Gemeint war freilich nicht seine ökonomische Situation, sondern der Umstand, dass der junge Mann zum Symbol eines Markts geworden sei, der jedes Mass verloren habe. Ein Jüngling wie er, hiess es im entsprechenden Artikel, werde wohl die Bürde seines horrenden Kaufpreises von über fünfzig Millionen Euro psychisch nicht verkraften können. Der teuerste Teenager aller Zeiten hatte bis dahin erst fünfzig Einsätze in der obersten französischen Liga gehabt. Da die englische Premier League viel härter und schneller sei als die französische Ligue 1, sei ein Scheitern des Stürmers fast programmiert. Dennoch traf er bereits im ersten Match für Manchester United. Und am letzten Wochenende erzielte er in seinem erst zweiten Spiel auf der Insel gleich zwei herrliche Tore, die beide die Handschrift des unvergessenen Thierry Henry trugen.

Eine echte Reinkarnation Henrys kann Martial aus den oben erwähnten Gründen nicht sein. Darüber aber, dass er zumindest den magischen Zauber seines Vorbilds besitzt, besteht unter Fachleuten längst kein Zweifel mehr.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Er glaubt nicht an eine Wiedergeburt, 
aber würde er wider Erwarten wiedergeboren, wäre er gerne ein Jazztrompeter.

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