Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Perspektiven, wie sie der Pop noch nie gesehen hat

Das Powerpaar wäscht schmutzige Wäsche? Ach was, der Film zum neuen Album von Beyoncé machts deutlich: «Lemonade» ist ein Seitensprung in die afroamerikanische Geschichte.

Von Tobi Müller

Autoscheiben zertrümmern: Beyoncé Knowles-Carter im Clip zu «Hold Up». Still: Sony Music

Es braucht viel Platz, um alles aufzuzählen, was an «Lemonade» grossartig ist, aber erst muss man den Ärger aus dem Weg räumen. Beyoncé hat ihr neues Werk mit der Ansage veröffentlicht, dass es einzig auf dem Bezahlportal Tidal erhältlich sei, das ihr Mann und Rapmogul Jay Z gekauft hat. Beyoncé ist der interessanteste Popstar der Gegenwart. Da den Zugang zum Produkt zu monopolisieren, erinnert an George Orwell oder Kanye West. Sie kann sich diese Gängelung der Fans und SchnellkäuferInnen leisten, die noch dreister wird, wenn «Lemonade» wenig später doch bei iTunes erhältlich ist, schliesslich sogar als gute alte CD mit DVD für den Film (ab 6. Mai). Da waren die Nachrufe auf das Albumformat schon geschrieben. Und wurden sofort widerlegt.

Aber nicht jede «Treppe führt ins Nichts», wie Beyoncé mit der jungen somalisch-britischen Lyrikerin Warsan Shire sagt. Deren Poesie über die postkoloniale Erfahrung unterbricht den Film «Lemonade» mehrmals, der die Musik als «visual album» begleitet. Die Erzählerin Beyoncé eignet sich eine verfremdende Perspektive auf die Geschichte schwarzer Frauen in den USA an, gleichwohl arbeitet «Lemonade» virtuos mit dem Popproblem Nummer eins: Ist das Pose, Performance, Realness?

Das Flüstern der Toten

Klar scheint: Die Frau wurde betrogen. «You ain’t married to no average bitch», singt Beyoncé, und die Zeichen sind deutlich, dass der Angesprochene nur Jay Z sein kann. Das Powerpaar des Pop wäscht schmutzige Wäsche? Man erfährt nicht zum ersten Mal Privates aus diesem Haushalt. Der Einstieg des Films rahmt das Private dennoch anders. Wir sehen zwei Settings: eine Ruine und ein Theater. Beyoncé kniet auf der Bühne, hinter ihr der rote Vorhang, vor ihr die Rampe. Das Stück kann beginnen. Schnitt: die Ruine von Fort Macomb. Vor allem in Europa erkennen darin viele einfach das Versteck des Psychopathen aus der TV-Serie «True Detective». Doch diese Kaserne vor New Orleans war auch ein Schauplatz des US-Bürgerkriegs, die Armee des Nordens nahm Fort Macomb den Sklavenhaltern aus dem Süden weg.

Wir sehen ein Stück, aber die eigene Geschichte bleibt präsent. Der Schmerz steht in einer Reihe mit vielen Toten. Und auch diese Biografie ist nur eine Wiederaufführung. Dazu singt Beyoncé: «I pray you catch me listening, I pray to catch you whispering.» Sie will beim Horchen erwischt werden, damit der Zweifel und die Verzweiflung ein Ende finden – das ist das Stück über Eifersucht und Liebe. Und sie betet, dass sie das Flüstern hört: seins oder das der vielen Toten, die in Voodookostümen durch «Lemonade» geistern. Diese Spukparty schlägt hart in der Gegenwart auf, wenn etwa die Mütter der Opfer von Polizeigewalt gegen Schwarze Bilder in die Kamera halten.

Solche Perspektiven kreuzt der Film, wie man das in der Popmusik noch nicht gekannt hat. Dabei ist über die Musik noch fast nichts gesagt. Dass Diplo zwei karibische Spitzenpopstücke beisteuert, Kendrick Lamar mit «Freedom» wieder für einen Höhepunkt sorgt, aber auch klassischer White-Boy-Sound wie Jack White vorkommt, der Led Zeppelin sampelt. Und James Blake singt nur eine Minute selbst, aber im Titel steckt die Logik von «Lemonade»: «Forward». Es geht vorwärts, weil es weitergehen muss, die afroamerikanische Geschichte ist weder erlöst noch am Ende. Das Verharren in Trauer muss man sich leisten können. Deswegen feiert «All Night» die Liebe als Kraft, deshalb ist «Lemonade» kein Album über eine Ehekrise.

Die Sache mit Pipilotti

«Lemonade» ist eine geniale Gruppenarbeit und beschäftigt ein Heer von AnwältInnen. Ultraliberal erscheint dagegen der Umgang mit Choreografien: Im Clip zu «Hold Up» zertrümmert Beyoncé Autoscheiben. Der Gang, der Gesichtsausdruck, die Slow Motion: ein Zitat der Videoarbeit «Ever Is Over All» (1997) von Pipilotti Rist. Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker hat sich vor fünf Jahren über einen ähnlichen Fall beschwert. Sicher ist es eine Ehre, von Beyoncé zitiert zu werden. Doch wenn so viele UrheberInnen gelistet sind wie hier für Text und Musik, müsste eine Erwähnung Rists drin liegen. Ob Frau Knowles-Carter ein guter Mensch sei, war indes nicht die Frage. Fest steht: «Lemonade» macht sie zur ganz grossen Popkünstlerin.

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