Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Ewige Männertreue

Beurteilt der «Schweizer Journalist» Karrieren, so fällt das Urteil bei Männern und Frauen reichlich unterschiedlich aus.

Von Charlotte Heer-Grau

Wer die aktuelle Ausgabe des Fachmagazins «Schweizer Journalist» studiert, kommt so leicht aus dem Grübeln nicht heraus. Da amtet Kolumnist Kurt W. Zimmermann seit wenigen Monaten als Chefredaktor mit gewohnt spitzer Feder. Ein erfahrener Journalist, sagt man. Seine Stimme werde gehört, heisst es.

«Staatsfunk»: Unter diesem Stichwort schreibt Zimmermann über drei Kaderfrauen von Schweizer Radio SRF. Der Titel: «Klebe-Karrieren: Die Top-Frauen von Radio SRF». Man liest die Kolumne und fragt sich wiederholt, was der Verfasser für ein Problem haben mag.

«Das helvetische Staatsradio ist inzwischen das beliebteste Terrarium der biologischen Gleichberechtigung.» Helvetisches Staatsradio? Terrarium? Biologische Gleichberechtigung? Man kann und soll Schweizer Radio SRF kritisieren. Dabei bleibt die Wortwahl wohl Geschmackssache. Aber kritisiert jetzt da einer tatsächlich, dass bei Radio SRF die bedeutenden Abteilungen und Sendungen von Frauen verantwortet werden?

Radio-SRF-Chefredaktorin Lis Borner, «Echo der Zeit»-Chefin Isabelle Jacobi und die im Juni antretende Inland-Chefin Géraldine Eicher machten einen guten Job, lobt Zimmermann zwar, um ihnen im gleichen Atemzug einen völligen «Mangel an breiter Medienerfahrung» vorzuwerfen: «Keine von ihnen hat jemals über den Tellerrand geschaut.» Keine habe je ein grösseres Medienhaus ausserhalb der SRG von innen gesehen, moniert er und meint zum Schluss, positiv gesehen sei Treue bei der SRG karrierefördernd, aber man könne das auch negativ formulieren: «Inzucht macht beim Radio die Frauenkarriere.»

«Was ist ein grosser Journalist?»

Es bleibt Zimmermann unbenommen, den drei Frauen das langjährige Verbleiben in ein und demselben Medienhaus als Makel anzukreiden. Wenn er denn nur nicht – in der gleichen Ausgabe, nur wenige Seiten zuvor – in seinem Editorial eine Reportage über Ringier-Mann Frank A. Meyer mit geradezu erhabenen Worten preisen würde: «Was ist ein grosser Journalist?», fragt Zimmermann und antwortet: «Ein grosser Journalist hinterlässt Spuren. Wenn man seinen Namen hört, assoziiert man damit automatisch eine ganze Welt, eine Weltsicht, eine Weltanschauung. Ein grosser Journalist schafft ein Werk. Ein Werk ist mehr als die Addition von Texten. Es ist ein Kompositum einer Geisteshaltung, ein Strukturmuster einer politischen und gesellschaftlichen Denkungsart.» – Wow! Und Frank A. Meyer ist also so einer, so ein Grosser mit Werk und Geisteshaltung und Botschaft: FAM!

Viel mehr über FAM erfährt man dann in der Reportage von «Schweizer Journalist»-Mitherausgeberin Margrit Sprecher nicht als das, was man schon weiss. Seine Liebe zu teuren Autos, zu teuren Weinen und zur Nähe zur Macht. Ein Abschnitt aber irritiert: «Seit einem halben Jahrhundert arbeitet er für Ringier. Mal führt ihn der Verlag als Berater, mal als Medienentwickler. Mal ist er Chefpublizist, mal Mitglied des publizistischen Ausschusses.»

Hin und wieder komme es zu Aufständen im Verlag gegen den «Intriganten» und «Rasputin», schreibt Sprecher. Aber noch nie habe einer gewonnen, der sich gegen Frank A. Meyer gestellt habe: «Denn Verleger Michael Ringier hält in nibelungenhafter Männertreue seine schützende Hand über ihn.»

Mann, o Zimmermann

Dass Journalist Meyer seit fünfzig Jahren nicht über den Ringier-«Tellerrand» geschaut hat, ist für Zimmermann keine Frage. Offensichtlich hält auch er «in nibelungenhafter Männertreue» zum alten Kollegen Frank A. Meyer, also in einer Art blinder und bedingungsloser Liebe. Auch das sei ihm unbenommen, nur: Ein Journalist, der den Frauen vorwirft, was ihm bei Männern kein Problem zu sein scheint, der hat mehr als ein kleines Problem. Das ist kein Journalismus, und Medienkritik ist das erst recht nicht. Mann, o Zimmermann, die Zeiten haben sich geändert. Vor allem: Ein Fachmagazin für die Medienbranche braucht eine Chefredaktion, die sich auf Fakten stützt und nicht auf Emotionen. Der unreflektierte Haudegenjournalismus ist passé. Wir schreiben das Jahr 2016.

Charlotte Heer-Grau arbeitete von 1990 bis 2001 als Redaktorin bei Schweizer Radio SRF. Heute ist sie freie Journalistin und Buchautorin in Zürich.

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