Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

Schwabs erdrückende Umarmung

Der Ausschluss der WOZ vom Weltwirtschaftsforum (Wef) sorgte für Empörung. Trotzdem blieben fast alle grossen Medien still. Das Wef hat sie in den letzten Jahren immer stärker in das Forum eingebunden.

Von Yves Wegelin

Gute «Zusammenarbeit»: Das Schweizer Fernsehen verhielt sich bisweilen wie die hauseigene Broadcastingfirma des Weltwirtschaftsforums. Foto: Christian Wyss, SRF

Die Empörung war gross, als die WOZ vor einer Woche bekannt gab, dass ihr das Weltwirtschaftsforum (Wef) den Zutritt zur Jahreskonferenz in Davos verweigert. «Seid ihr @wef noch ganz dicht?», fragte SP-Nationalrätin Jacqueline Badran auf Twitter. «Ihr wollt demokratisch die Welt besser machen und schliesst etablierte Medien aus?» Ihr Parteikollege Cédric Wermuth kündigte einen Vorstoss im Parlament an, mit dem er dem Wef die millionenschwere öffentliche Unterstützung streichen will.

Die WOZ hatte am 30. Oktober beim Wef um eine Akkreditierung gebeten. Zwei Wochen später erhielt sie die Antwort, dass der Anmeldeschluss vom 30. Oktober leider verstrichen sei. Das ist falsch – und wird inzwischen auch vom Wef nicht mehr bestritten. Aufgrund interner Probleme bei den Kommunikationsabläufen habe man das Mail zu spät gesehen. Das Wef stellt sich jedoch auf den Standpunkt, dass es die Plätze fortlaufend vergebe und das Kontingent am 30. Oktober bereits ausgeschöpft gewesen sei. First come, first served? Im Ernst?

Aufhorchen lässt vor allem die zweite Begründung, die das Wef für seinen Entscheid liefert: Das Forum bevorzuge Medien, mit denen man auch das Jahr über «zusammenarbeitet». Zusammenarbeit?

Das grosse Schweigen

Das Verhalten des Wef sorgte auch sonst über Parteigrenzen hinweg für Unverständnis. Zahlreiche grössere Medien meldeten sich in der Absicht bei der WOZ, über den Fall zu berichten. Doch dann? Nebst ein, zwei Onlinemeldungen berichtete einzig der «SonntagsBlick». Kolumnist Frank A. Meyer hielt dem Wef vor, die Pressefreiheit ausser Kraft zu setzen. Die Rolle der Medien sei nicht, mit dem Wef «zusammenzuarbeiten» oder gar dem Forum «zuzudienen» – was dieses in Wahrheit unter Zusammenarbeit verstehe. Die Rolle der Medien sei es, kritisch zu berichten. Meyer forderte die Medien schliesslich auf, sich mit der WOZ «solidarisch» zu zeigen. Weitgehend erfolglos – warum?

Das Wef ist nicht der Ort der Demokratie, als den Gründer Klaus Schwab es gerne verkauft. Das Wef ist der Klub der globalen Grosskonzerne. Dazu zählen «strategische Partner» wie Google, Blackrock, Goldman Sachs, Chevron oder Saudi Aramco sowie unzählige weitere «Partner», «Assoziierte» und «Forum Members», die dem Wef jährlich insgesamt satte 345 Millionen Schweizer Franken bezahlen. Dies unter anderem dafür, dass sie sich einmal im Jahr in Davos hinter verschlossenen Türen mit Staatschefs, Ministerinnen und Politikern treffen können.

Statt dass die Konzerne ihre Anliegen in die für sie mühsamen demokratischen Institutionen einbringen, holen sie die PolitikerInnen in ihren eigenen Klub. Das Wef ist die Privatisierung der Demokratie – subventioniert durch öffentliche Gelder.

Als um die Jahrtausendwende die Kritik am Wef immer lauter wurde, ergriff dieses die Flucht nach vorne und öffnete sich ein Stück. Eine führende Stimme dieser Strategie war Schwabs damaliger Berater Franz Egle, der seinen PR-Coup später beim inzwischen verstorbenen Medienprofessor Kurt Imhof an der Uni Zürich mit einer Dissertation vergoldet hat. Zu den Massnahmen, schreibt Egle, gehörten die Einführung öffentlicher Veranstaltungen – das «Open Forum» – sowie die Öffnung des Wef für kritische Stimmen. Und für die Medien.

Schwabs Kastensystem

Die Öffnung sei vor allem auch eine Einbindung gewesen, erinnert sich Oliver Classen, Pressesprecher der NGO Public Eye, der Egles Strategie hautnah mitbekam. Die NGO entschied sich damals, die Gegenveranstaltung «Public Eye on Davos» zu lancieren, an der sie Schmähpreise für die übelsten Konzerne verlieh. Das Wef, sagt Classen, habe den Medien ein topmodernes Sendezentrum zur Verfügung gestellt, inklusive Direktzugang zu Weltprominenz aus Wirtschaft und Politik. Diese Strategie der Einbettung habe eine kritische Berichterstattung praktisch verunmöglicht: «Eine tödliche Umarmung.»

Jedes Jahr lädt Schwab zudem die Presse ins schöne Wef-Hauptquartier nach Cologny am Genfersee ein. Einmal im Jahr tourt er in Zürich durch die Chefredaktionen der grösseren Verlagshäuser. Ausgewählte Chefredaktoren, VerlegerInnen und prominente Moderatorinnen von NZZ, Tamedia, Ringier oder dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat Schwab ins Forum eingebunden, indem sie einen exklusiven Badge als «Media Leader» erhalten, der ihnen Zugang zu den innersten Zirkeln des Wef garantiert. Einige dieser «Media Leaders» übernehmen auch die Moderation von Wef-Panels.

Nächstes Jahr werden es 22 Schweizer «Media Leaders» sein, die so eingebunden werden sollen. 28 weitere Schweizer JournalistInnen müssen sich mit einem normalen Badge begnügen, der ihnen lediglich Zugang zu den öffentlichen Veranstaltungen gibt – andere wie die WOZ müssen ganz draussen bleiben. Schwabs Kastensystem.

Berichterstattung als Popevent

Seine Umarmung am stärksten erwidert hat das Schweizer Fernsehen. Zwischen Wef und SRF gibt es keine schriftliche Vereinbarung. Dennoch verhielt sich das Fernsehen über Jahre wie die hauseigene Broadcastingfirma des Weltwirtschaftsforums, indem es rund um die Uhr die Panels übertrug und im Akkord die CEOs von Weltkonzernen interviewte, die dem Publikum fast unwidersprochen die Welt erklären durften. Wirtschaftsberichterstattung als Popevent. Vor einem Jahr entschied SRF angeblich aufgrund von Sparmassnahmen, das Wef-Programm zurückzufahren. Bis heute moderieren SRF-ModeratorInnen allerdings ein vom Forum zur Verfügung gestelltes Panel. Thema, geladene Gäste und die Fragen dieses Panels werden laut Wef in Zusammenarbeit festgelegt.

Es ist ein mehr als problematisches Verständnis von Journalismus, das ausgerechnet das gebührenfinanzierte Fernsehen hier offenbart: Statt die Reichen und Mächtigen mit harten Fragen über ihre Verantwortung etwa für die ungleiche Reichtumsverteilung oder die Klimaerhitzung zu löchern – und das Wef selber kritisch zu beleuchten –, macht man gemeinsame Sache. SRF schreibt, dass es das Thema des moderierten Panels selber festlege. Man berichte «völlig unabhängig» und sei dem Wef «in keiner Weise zu irgendetwas verpflichtet».

Warum Meyers Appell verhallt

Einzelne Medien mögen gute Gründe gehabt haben, Frank A. Meyers Ruf nach Solidarität nicht zu folgen. Auch Meyers Vorwurf, dass sich in den Redaktionen «Wef-Zudiener» zuhauf befinden würden, ist etwas gar pauschal. Doch angesichts der Nähe vieler Medienhäuser zum Wef kann einen das allgemeine Schweigen bedenklich stimmen. Auch die «Tagesschau» von SRF hatte sich gemeldet, um einen Beitrag zum Entscheid des Wef zu machen – unter der Bedingung, dass dieses vor der Kamera Stellung bezieht. Als es ablehnte, sagte SRF per SMS entsprechend ab. Warum schont man das Wef? Will jemand nicht vor die Kamera, ist das normalerweise nur ein Grund mehr, darüber eine Geschichte zu bringen.

SRF schreibt auf Anfrage, dass sich nach Rücksprache mit dem Wef ein «politisch motivierter Ausschluss» nicht habe erhärten lassen, auch andere Medien hätten keine Akkreditierung erhalten. Dass sich das nicht erhärten lässt, war von Anfang an klar. Der fälschliche Vorwurf, die Deadline nicht eingehalten zu haben, die explizite Bevorzugung von Medien, mit denen man «zusammenarbeitet», und der undurchsichtige Ausschluss eines Wochentitels wie der WOZ ganz allgemein: All das wäre mehr als genug Stoff gewesen, um darüber zu berichten.

Angesichts dieser Entwicklungen wird auch verständlich, warum das Wef so unverblümt von «Zusammenarbeit» spricht: Das dahinter liegende Verständnis von Journalismus ist längst auch in den Medienhäusern angekommen.

Die WOZ hat inzwischen einen handsignierten Brief von Klaus Schwab erhalten. Darin schreibt er, dass er 2021 auch die WOZ als «Media Leader» in Davos begrüssen möchte.

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