Nr. 19/2016 vom 12.05.2016

Hier lacht die Kuh

Stefan Gärtner über Anliegen für das liebe Vieh

Von Stefan Gärtner

Wie lange ist das her, dass ich in einer Zürcher Tram sass und mir den Satz «Spätere Umtriebe werden separat verrechnet» aus der englischen Übersetzung ins Reichsdeutsche rückübersetzen musste, weil ich partout nicht wusste, was gemeint war? «Umtriebe» kannte ich bloss i.S.v. «Machenschaften», und dass ein Umtrieb auch ein Umstand sein kann, den man (sich) macht, «besonders schweizerisch» (Duden), war mir ganz unbekannt. Und wenn im grössten aller Kantone etwas «verrechnet» wird, dann das eine mit dem anderen, also meine Schulden bei dir mit deinen bei mir. Ich wurde nicht schlau daraus. Und hab den Satz nie mehr vergessen.

Zehn oder mehr Jahre später stand im «Schweizer Bauern» dann dies: «Hornkuh: Start für Hornkuh-Initiative. Die IG Hornkuh hat am 28. September 2014 ihre ‹Hornkuh-Initiative› lanciert. Gefordert werden Direktzahlungen für behornte Kühe. Was denken Sie darüber, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit und stimmen Sie ab!» Nichts lieber als das, aber auch hier war ich nach der Nachricht dümmer als vorher: Direktzahlungen für behornte Kühe? Was soll denn eine behornte Kuh mit einer Zahlung, und sei sie noch so direkt? Und ist etwas, was «IG Hornkuh» heisst, nicht eher ein Witz, wenn auch ein wiederum rätselhafter? Und wird der Zusammenhang nicht immer wundersamer, je öfter man liest: «Der Bund soll Bauern Direktzahlungen für behornte Kühe entrichten. Das fordert die IG Hornkuh in ihrer ‹Hornkuh-Initiative›»? Gibt es auf der Welt eine noch sex- und farbärmer benamste Interessengemeinschaft, und müsste nicht selbst ein gestählter Ironiker davon Abstand nehmen, «IG Hornkuh» für einen guten Bandnamen zu halten? Und ist die Hornkuh-Initiative, die im März eingereicht worden ist und ganz ernstlich nicht möchte, dass Kühe ihre Hörner verlieren, weshalb die Bauern ihre Umtriebe verrechnen dürfen sollen, in der Schweiz genauso lustig, oder tut sich hier wieder mal einer dieser kulturellen Gräben auf? Ein Hornkuhgraben?

Sicher ist immerhin, dass, nach IG Farben und IG Metall, die IG Hornkuh die mit Sicherheit kuhfreundlichste IG der Geschichte ist und das tierliebe Schweizervolk zunächst über eine «Milchkuh-Initiative» abstimmen darf, wobei es allerdings, soweit ich sehe, weder eine IG Milchkuh gibt noch sonst irgendwelches Hornvieh, es sei denn von der Sorte, die in Deutschland Melkkuh heisst. Das sind die Autofahrer, die nämlich, obwohl sie auf ihren vielen Autobahnen ganz kostenlos herumbrummen dürfen, immer als Erste zur Kasse gebeten werden. Immer! Und da das in der Schweiz vermutlich ähnlich ist, wollen die Automobilisten, wenn sie schon «gemolken» werden, wenigstens, dass das Geld in neue Weiden fliesst. Oder jedenfalls Autobahnen.

Kommentar NZZ: «Mit der Mineralölsteuer ist verkehrspolitisch eine Geldquelle Zankapfel, die ohnehin schwindet.» Eine Geldquelle ist Zankapfel: Für wenige Tausend Franken möchte ich der «Neuen Zürcher» hiermit ein Halbtagesseminar zum Thema «Bildbrüche» anbieten, wobei ich einen Teil des Honorars gern der IG Hornkuh und ihrem tierschützerischen Anliegen spende, auch wenn im «Tages-Anzeiger» davon die Rede gewesen ist, hinter der Hornkuh-Initiative steckten «Verschwörungstheoretiker».

Und also Rindviecher, die gern die Lobbyarbeit für ihresgleichen tun. Wäre das so schlimm?

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Hier lacht die Kuh aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr