Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Ein Tatortrundgang in Zürich

Die erste Schweizer WOZ-Reise dieses Jahres bewegt sich zwischen Beton und Betrug, Architektur und Ausbeutung.

Wer baut hier was zu welchen Bedingungen? Baustelle in Zürich. Foto: Stefan Kiss

Kein Lohndumpingfall wurde in der Schweiz medial so intensiv bewirtschaftet wie der Fall Bahnhof Löwenstrasse in Zürich. Er verfügt über alle Ingredienzien eines Skandals: prominente Protagonisten, ein Milliardenprojekt aus staatsnaher Hand, die finanzielle Ausbeutung von zwei Dutzend polnischen Arbeitern, eine horrende Betrugssumme, ein kompliziertes Konstrukt aus Weisungen, Behauptungen und Begebenheiten, das niemand so recht durchschaut.

Unser Rundgang beginnt im Bahnhof Löwenstrasse, wo die Journalistin Anja Conzett erzählt, was hinter den 2014 fertiggestellten Wänden passiert ist, als sie noch im Bau waren. Conzett hat zum Thema Lohndumping recherchiert und Anfang dieses Jahres im Rotpunktverlag ein Buch vorgelegt, das etliches in dieser komplizierten Grauzonenlandschaft sichtbarer und verständlicher macht («Lohndumping. Eine Spurensuche auf dem Bau»). Sie sprach mit zahlreichen Leuten, die in ihrem Arbeitsalltag mit den Machenschaften des Lohndumpings konfrontiert sind: Arbeitern, Bauherren, Generalunternehmern, Gewerkschafterinnen, Lohnbuchkontrolleuren.

Wir besuchen Schauplätze, wo in jüngerer Vergangenheit besonders massive Fälle von Lohndumping aufgeflogen sind. Christa Suter vom Baustellenteam der Unia Zürich erklärt an konkreten Beispielen, wie Lohndumping funktioniert und welche Instrumente fehlen, um es wirksam zu bekämpfen. Dann besuchen wir eine aktuelle Baustelle, um Bauluft zu schnuppern. Wir werden begrüsst durch einen Vertreter des Generalunternehmers, und Lohnbuchkontrolleur Wolfgang Hayoz erklärt, wie man Lohnabrechnungen lesen muss, um die Tricks aufzuspüren. «Lohndumping hat viele Facetten», sagt er, «zu tiefe Löhne, zu wenig bezahlte Stunden, nicht gewährte Ferientage, nicht bezahlte Spesen, Sozialabgaben oder Zulagen – und jede Masche hat wieder verschiedene Variationen.»

Ständerat Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, spricht am Mittagstisch über die europäischen und internationalen Dimensionen des Lohndrucks, über Personenfreizügigkeit, flankierende Massnahmen, die Umsetzung der «Masseneinwanderungsinitiative» und den politischen Handlungsbedarf.

Schliesslich gibt es noch einen Ortstermin mit Christoph Zingg, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber. Ein Pfuusbus für Working-Poor-Arbeiter? Ja, das gibt es, denn viele von denen, die Zürich bauen, können sich eine Übernachtung in Zürich gar nicht leisten.

Die Kosten für den Stadtrundgang (inklusive Reiseleitung, ReferentInnen und Verpflegung) betragen pro Person 125 Franken. Bestellen Sie das Buch «Lohndumping. Eine Spurensuche auf dem Bau» von Anja Conzett gleich dazu, sind es zusammen 145 Franken. Detaillierte Informationen finden Sie unter www.woz.ch/wozunterwegs.

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