Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Schottland liegt am Mittelmeer

Pedro Lenz über ein gescheitertes Fahnenverbot

Von Pedro Lenz

Fahnen sind Teil der Fankultur im Fussball. Fahnen sind jedoch oft auch Trägerinnen mehrerer Botschaften. An Länderspielen der Schweizer Nationalmannschaft kann es zum Beispiel vorkommen, dass auf jedem Platz im Stadion ein Schweizer Fähnchen aus Plastik liegt. Das ist praktisch, denn so können alle Fans gleichzeitig winken, was dann im TV ein Bild von nationaler Einigkeit vermittelt. Gleichzeitig sind diese Schweizer Fähnchen auch mit den Schriftzügen der wichtigsten Sponsoren bedruckt. Dadurch symbolisieren dann die Fähnchen nicht mehr bloss die Liebe zum eigenen Team. Sie machen auch darauf aufmerksam, dass irgendwer dann den ganzen Spass bezahlen muss.

In anderen Weltregionen werden ebenfalls Fähnchen mit mehrfacher Botschaft geschwenkt. Nehmen wir etwa Katalonien, die Heimat des FC Barcelona. Dort ist es seit einiger Zeit Brauch, mit der katalanischen «bandera estelada» einerseits den FC Barcelona zu unterstützen und andererseits den katalanischen Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit von Spanien zu betonen.

Im Vorfeld des spanischen Cupfinals zwischen dem FC Barcelona und dem Sevilla FC gab es deswegen in Spanien ein paar politische Komplikationen. Da das Finalspiel in Madrid angesetzt war, erliess Concepción Dancausa, die Präfektin der Landesregierung in Madrid, vergangene Woche kurzerhand ein Verbot für katalanische Nationalflaggen in allen Fussballstadien des Landes.

Die rechtsnationale Politikerin Dancausa, deren Vater Fernando Dancausa de Miguel einst unter Diktator Franco als falangistischer Bürgermeister der Stadt Burgos amtete, mag keine Nationalismen, ausser dem eigenen. Ihr Flaggenverbot begründete sie damit, es sei nicht zulässig, Sportveranstaltungen für politische Zwecke zu missbrauchen. Zudem seien ja fremdenfeindliche und verfassungswidrige Symbole in Sportstadien ohnehin verboten. Mit dem Verbot erzürnte sie nicht nur die Barcelona-Fans, sondern alle Katalaninnen und Katalanen, die für ein unabhängiges Katalonien einstehen.

Die katalanische Nationalversammlung liess hierauf 10 000 Schottlandfahnen herstellen, um diese vor dem Spiel an die Fans zu verteilen. Die Idee dahinter war, mit den Schottlandfahnen gegen das Verbot der eigenen Fahne zu demonstrieren. Der schottische Nationalismus hätte also gleichsam den katalanischen Nationalismus symbolisieren sollen. Und von einer Schottlandflagge kann nur schwerlich behauptet werden, sie beinhalte irgendeine fremdenfeindliche oder verfassungswidrige Symbolik.

Kurz vor dem Spiel entschied jedoch ein Gericht in Madrid, das Fahnenverbot der Präfektin sei unrechtmässig. Die Fans des FC Barcelona durften also am letzten Sonntag die «bandera estelada» doch mit nach Madrid nehmen. Die Fahne, die 1908 vom katalanischen Separatisten Vicenç Albert Ballester entworfen wurde, ist im Design der kubanischen Nationalflagge nachempfunden. Und auch wenn die Fahne schon seit über hundert Jahren existiert, ist sie erst in diesem Jahrzehnt zu einem weitverbreiteten Symbol der katalanischen Nationalbewegung geworden.

Am Ende war also alles wieder eingerenkt. Die Präfektin von Madrid musste ihr Flaggenverbot zurücknehmen. Die katalanisch-kubanische «bandera estelada» wehte tausendfach im Abendwind der spanischen Hauptstadt. Die Spieler des FC Barcelona gewannen gegen Sevilla 2:0 und durften nach dem Match vom spanischen König Felipe in der spanischen Hauptstadt den spanischen Pokal entgegennehmen.

Was mit den 10 000 vergeblich hergestellten Schottlandfahnen nun passieren soll, wurde nicht bekannt gegeben. Vielleicht lassen sie sich ja umfärben und für einen anderen Zweck gebrauchen. An Nationalismen und an Leuten, die ihren Nationalismus gerne mit dem Schwenken entsprechender Fahnen bezeugen möchten, mangelt es ja derzeit wahrlich nicht.

Pedro Lenz (51) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Seit seiner Jugend leidet er an einer selten diagnostizierten Fahnenallergie.

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