Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Über 10 000 Vermisste befreit

Von Marc Engelhardt

Als sich am 14. April die Entführung von 276 Schülerinnen aus Chibok im Nordosten Nigerias zum zweiten Mal jährte, protestierten Angehörige und Twitterer auf der ganzen Welt: Sie machten die nigerianische Armee dafür verantwortlich, dass noch nicht ein einziges der Mädchen dieser Gruppe aus den Fängen der Terrormiliz Boko Haram befreit worden war.

Nigeria hat eine der grössten Armeen Afrikas. Doch die 57 Mädchen, die Boko Haram bis dahin entronnen waren, hatten es auf eigene Faust geschafft. In der vergangenen Woche nun verkündete die Armee die erhoffte Nachricht: Man habe das erste Mädchen aus Chibok befreit, Amina Nkek, inzwischen neunzehn Jahre alt. Nkeks Befreiung ging um die Welt, sie selbst wurde zum Fototermin mit Nigerias Präsident Muhammadu Buhari geflogen.

Dabei ging unter, dass Nkek wohl gar nicht von der Armee befreit worden war. Den Soldaten wurde sie von einer Bürgerwehr aus einem Dorf übergeben, in dem sie sich versteckt hatte – zusammen mit ihrem Mann, der selbst entführt, dann zum Kampf bei Boko Haram gezwungen worden war und schliesslich mit ihr und dem gemeinsamen Baby geflohen sei. Die Wahrheit ging auch deshalb unter, weil die Armee zu diesem Zeitpunkt bereits die Befreiung eines zweiten Chibok-Mädchens meldete. «Bring back our girls», so die von vielen Prominenten 2014 vorgetragene Forderung, schien Wirklichkeit zu werden. Doch das zweite Mädchen stand gar nicht auf der Vermisstenliste. Es hatte zwar früher die Schule in Chibok besucht, war aber anderswo entführt worden.

KritikerInnen sahen sich bestätigt, JournalistInnen spotteten. Das ist ungerecht. Seit Februar hat Nigerias Armee rund 12 000 Verschleppte befreit. Dass deren Freilassung nicht auf Internetplattformen gefordert worden war, schmälert nicht den Erfolg. Seit Buharis Amtsantritt macht die Armee ernst gegen die Terroristen im Norden. Allerdings hat dieser Erfolg auch negative Folgen: Boko Haram wütet immer häufiger im Nachbarstaat Niger. Dort sind bereits über 200 000 Menschen auf der Flucht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch