Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

Nie die Haare rot färben! Nie weisse Schuhe tragen!

Gewalt hat in El Salvador eine lange Geschichte. Dass so viel gemordet wird wie sonst nirgendwo, ist auch das Ergebnis von politischem Versagen und Repression. Ein Besuch in einem Quartier, wo sich sogar der Bäcker vor dem Zuckerkauf fürchtet.

Von Toni Keppeler, Mejicanos

Elmer Melara, Bäcker.

Es führt nur eine Strasse ins Quartier Buenos Aires, vorbei an der Polizeistation am Eingang des Viertels. Ein Häuschen in den Nationalfarben Blau und Weiss, verschanzt hinter einer Mauer aus Sandsäcken. Drei hohe Schwellen quer über die Strasse und mit Beton gefüllte Fässer zwingen zum Zickzackfahren im Schritttempo. Von den Polizisten ist nichts zu sehen. Spätestens hier müssen die Scheiben des Autos heruntergekurbelt sein, das sagt ein ungeschriebenes Gesetz. Die Mitglieder der Mara Salvatrucha wollen sehen, wer ins Quartier kommt. Man kann sie als Ortsfremder nicht erkennen; jeder Bub könnte ein Mitglied dieser Bande sein. Wer in Buenos Aires wohnt, weiss, wer dazugehört. Das ist überlebenswichtig. Man darf so einem nicht krumm kommen.

Buenos Aires ist das letzte Quartier, bevor der Grossraum von San Salvador ins Ländliche ausfranst. Hütten aus Holz, Wellblech oder Lehmziegeln sind locker über die Hügel verstreut, dahinter beginnen an steilen Hängen die Maisfelder. Gut 2000 Menschen wohnen hier, etwa fünfzig davon gehören zur Mara Salvatrucha, die man hier nur kurz MS nennt. Der Ort gilt als äusserst problematisches Viertel in Mejicanos, Mejicanos als besonders gewalttätiger Vorort der Hauptstadt San Salvador. Das ganze Land ist derzeit das weltweit gefährlichste ausserhalb von Kriegsgebieten. 6656 Morde gab es im vergangenen Jahr, bei einer Bevölkerung von nur wenig über sechs Millionen. Das macht 103,1 Morde pro 100 000 Menschen im Jahr. In der Schweiz liegt die entsprechende Kennzahl bei 0,5.

Die Regierung macht für die meisten Morde die Banden der Maras verantwortlich; aufgeschlüsselte Täterstatistiken gibt es allerdings nicht. Nur so viel ist klar: Die Zahl der Tötungsdelikte hat in den ersten Monaten des laufenden Jahres noch einmal dramatisch zugenommen. Wenn es so weitergeht, werden Ende Jahr rund 10 000 Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sein.

Leben zwischen den Fronten

Elmer Melara wohnt in Buenos Aires und ist das, was man hier einen «hacelo todo» nennt: einen, der alles Mögliche macht, um sich durchs Leben zu schlagen. Er hat schon in einer Textilfabrik gearbeitet, ein Stück Land für den Anbau von Mais und Bohnen gepachtet, in seinem Garten ein Becken gebaut, um Barsche zu züchten … Seit einem Monat ist er Bäcker, spezialisiert auf Semita, ein süsses Brot mit einer Füllung aus Zuckerrohrmelasse. Melara ist dreissig, klein und kompakt gebaut und hat schwarzblau glänzende kurze Haare. Mit seiner Frau, der achtjährigen Tochter und dem vierjährigen Sohn wohnt er in einem typischen Landhaus am Hang. Zwei Zimmer, eine Latrine im Garten, ein Backofen auf der Terrasse.

Melara gehört nicht zur MS, und solche jungen Männer haben es in Buenos Aires besonders schwer. Er lebt zwischen den Fronten: Er ist der Bande suspekt und erst recht der Polizei. Die glaubt, dass alle jungen Männer in Buenos Aires Mitglied der Mara sind. Bei einer Firma braucht er sich erst gar nicht zu bewerben; seine Adresse ist ein sicherer Ablehnungsgrund.

Vor fünfzehn Jahren ist er aus Zacamil – einem anderen Quartier von Mejicanos – hierher gezogen. «Ich hatte Glück», sagt er. «Auch Zacamil ist ein Gebiet der MS.» Rund 40 000 Mitglieder hat der Bandenverband in ganz El Salvador. Ihre Gegner vom Barrio 18 – meist nur «18» oder «die Zahl» genannt – sind etwa halb so zahlreich. Beide sind keine straff organisierten Verbrechersyndikate, sondern eher lockere Netzwerke aus örtlichen Gruppen, die sich harmlos «clica» – Clique – nennen. Wäre Melara aus einem Gebiet der 18 nach Buenos Aires gezogen, hätte er kaum mehr lang zu leben gehabt. So aber wurde er gleich angequatscht. «Sie haben mir schicke Klamotten versprochen, Geld, jedes Mädchen, das ich haben wolle. Aber ich wollte nicht.» Nach dem ersten erfolglosen Anwerbeversuch sei er nur ein bisschen herumgeschubst, nach dem zweiten dann böse verprügelt worden. «Ich habe mich drei Monate lang nicht aus dem Haus getraut und war nicht einmal in der Schule.» Man musste ihn erst kennenlernen, sagt er, als wären Prügel eine normale Art, jemanden kennenzulernen.

An die häufigen Schüsse im Quartier hat er sich so sehr gewöhnt, dass er sagen kann, welcher Schuss aus welcher Waffe kommt. «Man bleibt dann eine Weile im Haus», kein Problem. Nur Zucker für die Semita einzukaufen, das macht ihm Angst. Der Laden liegt jenseits des MS-Territoriums, auf dem direkt angrenzenden Gebiet der 18. «Da kann ich vor Beklemmung kaum atmen.»

Das Teufelchen

Probleme gibt es auch mit der Polizei. Die ist nicht dauerhaft präsent in Buenos Aires. Aber wenn sie kommt, dann fällt sie mit einer Hundertschaft ein, verstärkt von tief fliegenden Helikoptern mit Bordschützen in den offenen Türen. Bei einer der letzten Razzien hatte Melara noch sein Maisfeld, war gerade auf dem Heimweg, die Machete in der Hand. Da kam ihm ein Trupp Polizisten entgegen, mit schusssicheren Westen, Stahlhelmen, Gesichtsmasken und Sturmgewehren. «Einer hat mich mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen. Ich lag auf dem Boden. Sie wollten wissen, warum ich mit der Machete unterwegs war. Ich sagte, ich komme von der Arbeit auf dem Feld, aber sie glaubten mir nicht. Sie haben mich schliesslich nach Hause geführt und dort alles durchsucht. Dann sind sie wieder gegangen.»

Erst am Abend erfuhr Melara, dass bei dieser Razzia «El Diablito» (das Teufelchen) erschossen worden war. El Diablito war der «palabrero» der örtlichen Clique. Das Wort aus dem Mara-Slang lässt sich mit «der das Wort führt» übersetzen, und genau das hatte El Diablito getan: Er war der Befehlshaber seiner Clique gewesen und hatte über Leben und Tod im Quartier entschieden. Als die Polizei in Buenos Aires einfiel, war er zu Hause bei seiner Frau und seiner wenige Monate alten Tochter. Er versuchte noch, über den Hinterhof zu fliehen, und wurde erschossen, als er dort über die Mauer stieg. So jedenfalls stellt das seine Frau dar. Die Polizei spricht nach solchen Tötungen von «Schusswechseln».

Elmer Melara kann sich an viele Palabreros in Buenos Aires erinnern. Da war «El Morro» (der Hügel): «Den hat die 18 zerstückelt und verbrannt.» Danach habe El Morros Bruder übernommen, «aber auch der ist längst tot». El Diablito war der sechste tote Palabrero in den fünfzehn Jahren, die Melara im Quartier wohnt. Heute herrscht hier «The Little One».

Der Anthropologe Juan José Martínez, der aus Studienzwecken ein Jahr lang mit einer MS-Clique zusammengelebt hat, sieht in den Banden einen Familienersatz der Ausgestossenen mit eigener soziokultureller Identität. Maras haben ihre Mode: schlapprige Jeans, weite T-Shirts, Baseballkappen, dazu weisse Turnschuhe eines bestimmten Modells – die MS trägt eines von Adidas, die 18 eines von Nike. Frühere Generationen trugen die Insignien ihrer Mara gross ins Gesicht tätowiert, die heutigen verstecken ihre Tattoos unter den Kleidern – wegen der Polizei.

Eine Clique, sagt Martínez, sei eine «von einem starken Mann geführte Solidargemeinschaft». Neunzig Prozent ihrer Einnahmen kämen aus Schutzgelderpressungen. Je nach Gebiet gebe es wenige reiche und viele arme Cliquen. Die MS-Bande, die den Korridor der Drogentransporte im Norden des Landes beherrscht, habe Geld ohne Ende. Die Clique von Buenos Aires dagegen ist bitterarm: Sie hat gerade eine Buslinie, die sie erpresst, dazu ein paar wenige kleine Geschäfte.

Dialektik der Menschenopfer

Jeder, der sich einer Mara anschliesst, weiss, dass er töten muss – und wahrscheinlich getötet werden wird. Trotzdem gibt es keinen Mangel an Nachwuchs. Martínez erklärt dies mit einem Muster, das er «die Dialektik von Aufopferung und Terror» nennt. Diese Dialektik habe es auf dem Gebiet von El Salvador schon immer gegeben. Schon in vorkolonialer Zeit kannte man Menschenopfer. Der grausame Tod für ein höheres Gut war konstituierend für die Gemeinschaft. Dieses Motiv sei bis heute präsent. Auch die Guerilla sei im Bürgerkrieg (1980–1991) aufgrund dieses Musters so stark gewesen, glaubt Martínez: Zwar lag die Überlebenschance eines Guerilleros bei unter fünfzig Prozent, doch der heldenhafte Tod für etwas Grösseres zählte mehr als das Leben.

Der Historiker Roberto Turcios nennt ein zweites Grundmotiv, das die Geschichte des Landes bestimmt: Die Eliten hätten die nationale Identität immer über einen angeblich gemeinsamen Feind konstruiert. Das waren zunächst die Indígenas, die mit ihrem Kollektiveigentum an Land den Kaffeebaronen im Weg waren. Als sie sich 1932 in einem Aufstand erhoben, wurden in einem grossen Massaker mehr als 50 000 Indigene in wenigen Tagen abgeschlachtet. Später wurden «die Kommunisten» der neue Feind: Gewerkschaften und Volksorganisationen. Der Konflikt mit ihnen eskalierte 1980 in einen zwölfjährigen Bürgerkrieg mit rund 80 000 Toten. «Heute sind die Maras der neue Feind», sagt Turcios.

Die Maras tun auch alles, um dieses Feindbild zu rechtfertigen. Fast wöchentlich richten sie irgendwo ein Massaker an. Präsident Salvador Sánchez Cerén, im Bürgerkrieg einer der ranghöchsten Guerilleros, hat deshalb die Sicherheitskräfte aufgefordert, im Zweifelsfall schneller zu schiessen. Niemand werde dafür zur Verantwortung gezogen. José Miguel Fortín, bis Ende 2015 Chef der Gerichtsmedizin, nennt dies einen «Freibrief» für aussergerichtliche Exekutionen.

Aussergerichtliche Exekutionen

Der erste nachweislich von der Polizei begangene Massenmord fand am 26. März vergangenen Jahres auf dem Landgut San Blas ein paar Kilometer südlich von San Salvador statt. Laut Polizeibericht kam es dort zu einem Schusswechsel. Am Ende waren acht junge Männer tot. Fortín fasst das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung zusammen: «Alle wurden aus kurzer Distanz von hinten erschossen, mit einem Einschusskanal von oben nach unten im Kopf. Das weist darauf hin, dass die Opfer knieten. So etwas nenne ich eine Exekution.» Keinem der Toten konnte eine Verbindung zu den Maras nachgewiesen werden. Inzwischen untersucht das Büro des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten zwölf von Sicherheitskräften begangene Massaker.

Fortín ist davon überzeugt, dass die Eskalation der Gewalt mit einem anderen «Freibrief» begann: Im März 1993 erliess das Parlament eine Generalamnestie für alle Verbrechen des Bürgerkriegs. «Wenn der Staat ganz offiziell auf die Verfolgung schlimmster Straftaten verzichtet», sagt Fortín, «dann ist das ein Signal an die Bevölkerung: Wenn du Gerechtigkeit willst, nimm sie selbst in die Hand.»

Fortín will die Gefährlichkeit der Maras nicht herunterspielen, aber er ist davon überzeugt, dass Hunderte, wenn nicht Tausende Morde «von ganz normalen Bürgern» begangen werden. Jeder Konflikt werde mit der Waffe geregelt, vom Eifersuchtsdrama über unbezahlte Schulden bis hin zum Nachbarschaftsstreit.

Es wird weiterhin Tote geben

Howard Cotto ist oberster Polizist von El Salvador. In seinen jungen Jahren war er bei der Guerilla. Inzwischen residiert er im Hauptquartier der Polizei am Rand des Zentrums von San Salvador. Das Gebäude heisst im Volksmund «El Castillo» und wirkt wie eine Trutzburg, gesichert von Männern und Frauen in schwarzer Uniform, ausgestattet mit schusssicherer Weste und Sturmgewehr. Im Bürgerkrieg war El Castillo ein berüchtigtes Folterzentrum.

«Ich bin nicht Polizist geworden, damit noch einmal das geschieht, was ich in der Guerilla bekämpft habe», sagt Cotto. Aber man müsse verstehen: «Ich muss meine Institution verteidigen. Schliesslich ist bis heute kein Polizist wegen einer aussergerichtlichen Exekution verurteilt worden.» Der Polizeichef wirbt um Verständnis. «Man hat das Problem der Sicherheit immer bei uns abgeladen», sagt er. Die Regierungen hätten nur Repression verlangt, und da sei die Polizei sehr effektiv. «Wir haben die Gefängnisse überfüllt, und die Gewalt hat weiter zugenommen.» Was man brauche, sei Prävention, aber die sei nicht seine Aufgabe. «Wir brauchen dazu die Bürgermeister, die Kirchen, die Vereine. Überall, wo es ein funktionierendes Gemeinwesen gibt, gibt es kaum Probleme mit Gewalt.» Ein schlüssiges Konzept aber hat die Regierung nicht. Im Gegenteil. Vizepräsident Oscar Ortiz hat «noch härtere Monate» angekündigt. Dass ganze Hundertschaften in Quartiere wie Buenos Aires einfallen, das werde es weiterhin geben, sagt Cotto. «Und dabei wird es auch Tote geben.»

Für Elmer Melara heisst das: Es wird sich nichts ändern. Er wird sich weiterhin an die ungeschriebenen Gesetze der Mara halten. Er wird nie weisse Turnschuhe tragen, und seine Frau wird sich die Haare nie rot färben. «Das ist den Bandenmitgliedern und ihren Frauen vorbehalten», sagt er. «Verstösse können mit dem Tod bestraft werden.» Es wird keine Familienfeste mehr geben, weil sein Vater in einem Gebiet der 18 wohnt und sich nicht ins MS-Territorium traut. Nach neun Uhr am Abend wird niemand das Haus verlassen, wegen der von der Bande verhängten Ausgangssperre.

Und Melara wird Schutzgeld bezahlen. Sie haben ihn schon besucht und gefragt, wie die Bäckerei so laufe. Sie sagten, sie werden wiederkommen und ihm mitteilen, was er monatlich zu bezahlen habe.

El Salvador

Die Morde eines Tages

Am 15. Februar 2016, zu Beginn der Recherchen für diese Geschichte, quoll «La Prensa Gráfica», die auflagenstärkste Zeitung El Salvadors, wie so oft über von Berichten über die Morde des Vortags. Eine Zusammenfassung:

Am frühen Morgen greift die Polizei in dem Städtchen Santiago Nonualco drei junge Männer auf. Die fliehen in die Kirche und werden dort von ihren Verfolgern erschossen.

Otilia Shul (40) und ihre Tochter Elizabeth Branco Shul (22) werden am Morgen in dem Ort Lourdes beim Klauen in einem Gemüsegarten erwischt. Beide Frauen werden erschossen.

In San Emigdio werden José Rodolfo Asunción (24) und Edenilson Argueta (26) von maskierten Männern aus ihrem Haus geholt und später tot aufgefunden. Ein ähnlicher Vorfall spielt sich am Abend in Santa Cruz Michapa ab: Daniel Diaz (24) und Griselda Ortega (28) werden von Maskierten aus ihrem Haus auf die Strasse gezerrt und dort erschossen.

In einer Kaffeepflanzung in Jucupa (Provinz Usulután) werden die Leichen von zwei Siebzehn- und einem Zwanzigjährigen entdeckt. Ihre Hände sind auf den Rücken gefesselt, sie haben Schussverletzungen und Stichwunden. Sie waren am Abend zuvor entführt worden. Die Polizei geht von einem Streit zwischen zwei Mara-Cliquen aus.

In San Nicolas Lempa werden zwei Leichen in einem Brunnen gefunden. Weitere Doppelmorde werden aus Armenia (Sonsonate) und Apopa (San Salvador) gemeldet.

In einem Vorort von San Salvador wird eine Frau mit ihrem neun Monate alten Sohn auf dem Arm angeschossen. Die Frau stirbt, das Baby überlebt verletzt.

In den Provinzen Usulután und Sonsonate wird je ein Polizist, in der Provinz San Vicente ein Soldat erschossen. 24 weitere Morde werden summarisch erwähnt.

Macht zusammen 46 Morde.

Toni Keppeler

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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