Nr. 09/2011 vom 03.03.2011

Zerstückelte Leichen, legale Geschäfte

Die Maras von El Salvador waren einst Ausdruck einer kleinkriminellen Jugendkultur. Verteufelt und verfolgt von der Regierung und Gesellschaft, wurden sie in den letzten Jahren immer professioneller. Heute fordern sie als organisiertes Verbrechen den Staat heraus.

Von Toni Keppeler, San Salvador

«Erst hörte ich Salven, so sechs oder acht», erinnert sich ein Nachbar. «Rattattatta, rattattatta. Wohl eine M-16.» Viele Menschen in El Salvador können die im Land gängigen Sturmgewehre am Klang ihrer Schüsse unterscheiden. «Dann gab es Schreie und zum Schluss einen lauten Knall. Wahrscheinlich ist da der Tank explodiert.»

Es war schon dunkel in Mejicanos, einem Vorort der Hauptstadt San Salvador. Vier Mitglieder der gefürchteten Jugendbande Mara Salvatrucha (MS) hatten unter Waffengewalt einen Bus zum Anhalten gezwungen. Zuerst feuerten sie wild auf die Passagiere, dann schütteten sie Benzin in den Innenraum und zündeten es an. Vierzehn Menschen starben am Abend des 20. Juni 2010. Ein Sonntag.

«Sie zeigen ihre Waffen», sagt Henry Campos, und kurz verschwindet das Lächeln aus seinem stets freundlichen Gesicht. «Sie zeigen ihre Macht.» Der 49-Jährige mit dem gestutzten Kinnbart ist seit eineinhalb Jahren Sicherheitsminister von El Salvador, dem kleinsten zentralamerikanischen Staat am Pazifik. Sein Büro in einem verschachtelten Betonklotz nahe dem Stadtzentrum ist nur wenige Kilometer vom Ort des grausigen Überfalls auf den Bus entfernt. Es wirkt so, als sei er gestern erst eingezogen: ein fast leerer Raum, am einen Ende ein Schreibtisch ohne Papierstapel, am anderen eine Sofaecke. Wenige Bücher verlieren sich im Regal, meist Gesetzeswerke. Aber auch eine Studie über Maras findet sich hier, verfasst von SoziologInnen der Zentralamerikanischen Universität (UCA). Dort war Campos Rechtsprofessor, bevor er von der ersten linken Regierung des Landes ins Sicherheitsministerium gerufen wurde.

2500 Morde im Jahr?

Als Akademiker war Campos ein prominenter Verfechter der Menschenrechte. Mitten im salvadorianischen Bürgerkrieg von 1980 bis 1992 hatte er versucht, Generäle wegen Kriegsverbrechen vor Gericht zu bringen. Das war damals lebensgefährlich. Erst mit dem Friedensvertrag von 1992 verlor die vorher allmächtige Armee ihren Einfluss. Bis jetzt. Ausgerechnet die Regierung der ehemaligen linken Guerilla FMLN holte sie wieder aus den Kasernen und schickte sie auf die Strassen und in die Gefängnisse. Die Soldaten sollen die rund 17 000 Mitglieder der Mara-Banden draussen bekämpfen und auf deren rund 8000 einsitzende Kumpane aufpassen.

Campos spricht nicht gern über dieses Thema. «Es war ein Notfall», sagt er. «Der Plan B.» Die Maras steuern aus den Gefängnissen heraus Mord und Erpressung. Korrupte Polizisten und Justizbeamtinnen helfen dabei. «Wir mussten etwas tun», sagt der Minister. Sind denn Soldaten weniger anfällig für Korruption als Polizisten? «Ich weiss es nicht», sagt Campos, und wieder verschwindet das Lächeln. Es sei ihm beim Militäreinsatz nicht nur um die Abschreckung gegangen, es gehe auch um die Kosten: «Polizisten sind teuer; ein Soldat kostet weniger als die Hälfte.»

Seine Regierung hat dem Parlament ein Gesetz vorgelegt, nach dem schon die Mitgliedschaft in einer Mara als Verbrechen gilt, auf das viele Jahre Gefängnis stehen. Die Beteiligung an einer konkreten Straftat muss nicht mehr nachgewiesen werden. Als Menschenrechtsanwalt wäre Campos noch gegen dieses Gesetz Sturm gelaufen. Maras waren für ihn das Ergebnis einer verfehlten Sozialpolitik und die eigentlichen Verlierer des Bürgerkriegs. Das Massaker von Mejicanos war ihre Antwort auf die Gesetzesinitiative.

Das Wort «Mara» ist im salvadorianischen Spanisch seit den sechziger Jahren geläufig. Es bezeichnete zunächst einen Freundeskreis: die Kumpel von der Fussballmannschaft oder die FreundInnen aus dem kirchlichen Jugendklub. Umgangssprachlich wird es noch heute so verwendet. Im engeren Sinn bezeichnet es seit dem Ende des Bürgerkriegs kriminelle Jugendbanden, die erst prügelten, dann raubten und schliesslich mordeten.

Nach der Landesstatistik des gerichtsmedizinischen Instituts sind Maras für knapp 12 Prozent der Morde in El Salvador verantwortlich. Weitere 25 Prozent der Tötungsdelikte fallen in die offizielle Rubrik «gewöhnliche Kriminalität». Und bei fast 60 Prozent der aufgefundenen Leichen haben die ErmittlerInnen keine Ahnung, wer dafür verantwortlich sein könnte – die Aufklärungsrate für Gewaltverbrechen liegt in El Salvador bei nur fünf Prozent

Medien und PolitikerInnen nutzen dieses Unwissen und schreiben auch die ungeklärten Morde den jungen Männern mit den Tattoos im Gesicht zu. Sie wären demnach für rund 2500 Morde im Jahr verantwortlich. In El Salvador mit seinen knapp sechs Millionen EinwohnerInnen werden täglich durchschnittlich zwölf Menschen ermordet. Das sind mehr als siebzig pro 100 000 EinwohnerInnen im Jahr. Bei Männern im Alter zwischen 20 und 24 Jahren steigt diese Zahl auf 261.

Calaca war so ein junger Mann. In gotischen Lettern trug er die Insignien seiner Mara auf der Stirn: MS für Mara Salvatrucha und dazu die Unglückszahl dreizehn. Unser Treffen 1995 fand in Mejicanos statt, auf dem Grundstück eines Hauses, von dem nur noch zwei mit Graffitis besprühte Mauern standen. Hier traf sich damals die örtliche MS-Clique, um Marihuana zu rauchen und sich mit Bier und Schnaps betrinken. Kam jemand vorbei, den man kannte, wurde er angeschnorrt. PassantInnen, die man nicht kannte, wurden gelegentlich überfallen. Ein paar Messer zum Drohen hatten die Jungs immer dabei und manchmal auch eine «Chimba», eine aus Rohren gebastelte Schrotflinte. Ein paar Blocks von diesem Grundstück entfernt wurde letztes Jahr der Bus überfallen und niedergebrannt.

«Calaca» ist ein Slangwort für Totenschädel. Der Junge hatte diesen Spitznamen bekommen, «weil ich so dürr bin». Er war klein und schmal und wie jedes fünfte salvadorianische Kind chronisch unterernährt. Aufgewachsen war er mit der Mutter und vier Geschwistern in einem jener Einzimmerhäuschen im Stadtteil San Jacinto, wo die billigen Bordelle für die Lastwagenfahrer sind. Sein Vater hatte sich in die USA abgesetzt, um Geld zu verdienen. «Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört», erzählte Calaca. Die Mutter brachte ihre fünf Kinder mit Hausarbeit in fremden Häusern durch.

Mit dreizehn Jahren schmiss Calaca die Schule und schloss sich den Salvatruchas an. Die Mara herrschte über ein paar Häuserblocks, die Nachbarschaft war Gebiet der Bande vom Barrio 18 (B-18). Dazwischen lag eine Bushaltestelle.

Bushaltestellen waren wichtig. «Da kommen viele Leute hin», sagte Calaca. «Da kannst du betteln und klauen.» Die beiden Maras kämpften um die Bushaltestelle, und die vom B-18 seien die Härteren gewesen. «Wenn die einen von uns erwischt haben, haben sie mit ihm gemacht, was sie wollten. Ihn verprügelt, auf ihn eingestochen, was auch immer. Und so haben auch wir die Sache ein bisschen ernster genommen.» Einmal habe er einen von den anderen erstochen, erzählte Calaca freimütig. Danach musste er verschwinden und habe sich auf die andere Seite der Stadt zur Grossmutter nach Mejicanos abgesetzt. «Zum Glück wird die Gegend von den Salvatruchas beherrscht, so gab es keine Probleme.»

Importiert aus den USA

Die erste Generation der Maras, das waren Jungs aus den Armenvierteln. Die Slums von San Salvador waren im Bürgerkrieg unter dem Druck der Flüchtlinge angeschwollen. Kaum eine Familie war mehr vollständig, die Väter oft tot oder in die USA emigriert. Die Kinder hatten im Krieg höchstens drei oder vier chaotische Schuljahre hinter sich gebracht und konnten kaum lesen und schreiben. Arbeit gab es nicht. Aber sie hatten Vorbilder: die Deportierten aus den USA.

Rund ein Drittel der salvadorianischen Bevölkerung lebt heute in den Vereinigten Staaten. Allein in Los Angeles sind es 400 000. Dort sind auch die Mara Salvatrucha und Barrio 18 entstanden. Die EmigrantInnen wohnten oft in Gegenden, die schwarze Strassenbanden als ihr Gebiet betrachteten. Die Kinder der eingewanderten Familien aus dem Süden schlossen sich zum Schutz gegen die Übermacht dieser Banden zusammen. Barrio 18 ist eine Gründung von Mexikanern, die es schafften, den Drogenhandel in der 18. Strasse zu kontrollieren. Auch Salvadorianer waren dabei, aber die meisten gingen in die eigene Bande, die den verballhornten Namen der Heimat trägt: die Mara Salvatrucha. Beide Gangs kopierten die schwarzen Originale: Sie handelten mit Drogen und fochten ihre Kämpfe um die besten Reviere mit Waffen aus. Wurden sie geschnappt, kamen sie zwar ins Gefängnis. Deportiert aber wurden sie während des Bürgerkriegs nicht. Das fing erst nach dem Friedensschluss an. Seither sind über 10 000 Salvadorianer mit Strassenbandenvergangenheit zurück in die Heimat verfrachtet worden.

Die schweren Jungs aus dem Norden waren die neuen Helden. Auch Calaca bewunderte sie. Sie brachten die Mode der Rapper nach El Salvador: tief sitzende Schlabberjeans und viel zu weite T-Shirts. Sie mischten ihr Spanisch mit englischen Versatzstücken und konnten eine Makarov von einer Sig Sauer unterscheiden. «Wir kannten das alles bloss aus dem Kino», sagte Calaca. Deportierte stiegen schnell zu Cliquenchefs auf. Die heimischen Maras gingen in den importierten Verbänden der MS und B-18 auf.

Das verrückte Leben

Für die Rückkehrer waren die örtlichen Maras ein Auffangbecken, für die Daheimgebliebenen eine Ersatzfamilie. Wer dazugehören wollte, musste sich als Aufnahmeprüfung von allen anderen verprügeln lassen. Tattoos waren Pflicht und dazu ein heiliger Schwur auf das Stadtviertel. Untereinander verständigten sie sich mit einer Zeichensprache. Mädchen gab es so gut wie keine. Eine neue Jugendkultur der Unterschicht war entstanden.

Das Leben auf der Strasse nannten sie «la vida loca», das verrückte Leben, und es war klar: Das ist nur eine Übergangszeit. Calaca war sechs Jahre lang bei den Salvatruchas. Er hatte in Auseinandersetzungen mit der B-18 einen Streifschuss am Arm und mehrere Stichverletzungen abbekommen. Mit seiner Freundin hatte er eine einjährige Tochter. «Ich sollte mich so langsam beruhigen», sagte er. So nannte man den Übergang von der aktiven zur passiven Mitgliedschaft. Austreten war nicht vorgesehen. Die Jungs wollten ein Leben lang füreinander da sein. Wer desertierte, wurde ermordet.

«Ein Job in einer Autowerkstatt oder in einer Polsterei, das würde mir gefallen», träumte Calaca. «Aber wer nimmt schon einen mit Tattoos im Gesicht?» Für die Medien waren junge Männer wie er schon damals Ausgeburten des Leibhaftigen, und so dachte Calaca ernsthaft darüber nach, sich die Buchstaben von der Stirn entfernen zu lassen.

Dazu ist es nicht mehr gekommen. An einem Abend im Sommer 1999 ging Calaca zum Tante-Emma-Laden an der Ecke. Ein weisser Pickup ohne Nummernschild und mit abgedunkelten Scheiben fuhr vor. Der Mann auf dem Beifahrersitz drehte die Scheibe herunter und fragte, wer denn Calaca sei. Irgendeiner zeigte auf den schmächtigen Jungen. Der Mann im Auto zog eine Pistole und schoss drei Mal, eine Kugel in den Kopf, zwei in die Brust. Calaca war sofort tot. Er war noch keine zwanzig Jahre alt.

Ermittlungen in diesem Mordfall hat es nie gegeben. Viele Mareros wurden damals erschossen; von Todesschwadronen, die von BürgerInnen bezahlt wurden, die die Tätowierten in ihrem Viertel nicht haben wollten. Der Weihbischof von San Salvador sprach in diesem Zusammenhang anklagend von «sozialen Säuberungen».

Superharte Hand

Die staatliche Repression gegen die Maras begann erst ein paar Jahre später. 2003 und 2004 überboten sich die damaligen Regierungen mit zwei martialisch klingenden Anti-Mara-Gesetzen: Dem «Gesetz der harten Hand» folgte das «Gesetz der superharten Hand». Polizeieinheiten stürmten nachts die Armenviertel, brachen in Häuser ein und nahmen jeden mit, der Tattoos am Leib hatte. Fast 20 000 junge Männer wurden damals verhaftet. Die meisten kamen schnell wieder frei, weil es keinerlei Beweise gegen sie gab. In den Nachbarländern Honduras und Guatemala, in denen MS und B-18 inzwischen Ableger hatten, gingen die Regierungen ähnlich vor.

Sicherheitsminister Henry Campos sagt heute: «Das waren Gesetze für die Fernsehkameras.» Genutzt hätten sie nichts. Im Gegenteil: «Die Maras haben dazugelernt.» Vorher hatten die einzelnen Cliquen einer Mara nur lose Verbindungen untereinander. Erst in den Gefängnissen lernten sie sich richtig kennen, schmiedeten Pläne, organisierten sich. Die Gefangenen wurden die neuen Chefs. Und ihre Kumpane draussen wurden plötzlich unsichtbar. Wer sich mit ihnen treffen wollte, brauchte Kontaktleute, die ihr Vertrauen geniessen. Die Voraussetzung: keine Kamera, kein Mikrofon.

Die «Colonia 22 de Abril» ist eines der berüchtigsten Armenviertel von San Salvador. Links und rechts des steilen Wegs hinauf in die Siedlung türmt sich der Müll. Hunde und BettlerInnen stochern darin herum. Zwischen winzigen Steinhäuschen und Elendshütten aus Blech und Karton schlängelt sich die schmale Strasse hindurch. Vor jedem Haus wird irgendetwas verkauft: Obst, Süssigkeiten, Brennholz. Kaum jemand hier hat eine geregelte Arbeit. Fremden gegenüber ist man misstrauisch. Man grüsst sie nicht, verfolgt sie mit Blicken. Am Ende einer engen Gasse öffnet sich unvermittelt ein Freiraum. Ein betonierter Fussballplatz.

Respekt im Stadtviertel

Das Treffen dort mit einer Gruppe von jungen Maras fand vor fünf Jahren statt. Auf dem Fussballplatz vertrieben sie sich die Zeit. «Was sollen wir auch anderes tun als kicken?», fragte Garra und machte ein unschuldiges Gesicht. «Hier gibt es sonst nichts zu tun.» Garra war damals 25 und der Chef der MS-Clique von 22 de Abril. Er hatte einen dünnen Vollbart und blauschwarzes Haar, das aussah, als sei es mit einer Nagelschere geschnitten worden. Er war untersetzt und wirkte nicht eben kräftig. An seinem rechten Bein wand sich eine tätowierte Schlange hinauf unter die knielange Sporthose. «Garra», erklärte er, heisse die Teufelskralle in der Zeichensprache der Maras. Zur Verdeutlichung zog er sein T-Shirt hoch. Die Kralle war auf den Bauch tätowiert.

«Aber wir haben keine Tattoos mehr im Gesicht», sagte er. Alles andere könne man verdecken. «Wenn wir das Stadtviertel verlassen, ziehen wir uns ordentlich an, dann fallen wir keinem Bullen auf.» Hier im Stadtviertel seien sie sicher. «Die Leute mögen uns.»

Wie das? Man wusste schon damals, dass Maras von jedem Tante-Emma-Laden und jeder Buslinie Schutzgeld erpressten, von jeder Prostituierten und fast jeder Schule. Dass PassantInnen, wenn sie nach Hause gingen, ein paar Cent Wegzoll zu entrichten hatten. Und dass man, wenn man einen Killer brauchte, um etwa einen Nebenbuhler loszuwerden, nur Kontakt mit der Mara aufnehmen musste. Für hundert Dollar erledigte sie den Auftrag.

«Andere Cliquen tun das, wir nicht», flötete Garra und musste selbst darüber lachen. «Wir handeln nur mit Drogen.» Zwei Verkaufsstände mit Marihuana, Kokain und Crack habe seine Clique, zwei oben an der Bahnlinie und zwei unten an der sechsspurigen Ausfallstrasse. Das bringe genügend Geld. «Die meisten von uns unterhalten ihre Familie und alle Onkels, Tanten, Vettern und Basen.» Das verschaffte ihnen Respekt.

Legale Geschäfte oder Tod

Es war der Drogenhandel, der den vorläufig letzten Sprung in der Entwicklung der Maras ausgelöst hat. Seit in Mexiko Präsident Felipe Calderón mit der Armee gegen die Kartelle vorgeht, weichen diese mehr und mehr nach Zentralamerika aus. Die Maras, früher nur Handlanger für den lokalen Einzelverkauf, haben es nun direkt mit den Drogenbossen zu tun. Sie denken nicht mehr in Grammrationen, sondern in Kilos und Tonnen. Schutzgelderpressung ist längst flächendeckend, dazu kommen Entführungen und illegaler Waffenhandel. Auch das haben sie von den Kartellen gelernt, genauso wie den Umgang mit Kriegswaffen und die Methode der grausamen Morde zur Abschreckung. In El Salvador werden heute wieder zerstückelte Leichen gefunden – wie zur schlimmsten Zeit der Todesschwadrone.

«Der Mythos vom Stadtviertel und der eigenen Clique spielt heute keine Rolle mehr», sagt Sicherheitsminister Campos. «Die Maras sind inzwischen Teil des organisierten Verbrechens.» Es sind kriminelle Geschäftsleute, die an die Zukunft denken. So heisst es in einer abgefangenen Meldung aus dem Gefängnis: «Eines Tages wird es vorbei sein mit dem Schutzgeld. Also gebt die Kohle nicht sinnlos aus. Wir müssen das Geld zusammenraffen und legale Geschäfte aufziehen.» Das sei todernst gemeint, bekräftigt der Cliquenchef aus dem Knast: «Wer Blödsinn macht, bekommt die Rechnung präsentiert.» Im Klartext: Er wird von seinen Kumpanen ermordet.

In den vergangenen Wochen wurden Dutzende solcher Meldungen abgefangen. Selbst aus dem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Zacatecoluca, wo die gefährlichsten Chefs der MS einsitzen und die Häftlinge von Besucherinnen und Anwälten durch eine Scheibe getrennt sind, gelangten Botschaften nach draussen. Die Kommunikation zwischen drinnen und draussen und zwischen den einzelnen Strafanstalten funktioniert. «Wenn in Zacatecoluca etwas beschlossen wird, dann wird das kurz darauf auch in den Gefängnissen von Chalatenango und Ciudad Barrios diskutiert», hat der für das organisierte Verbrechen zuständige Kripochef Howard Cotto festgestellt.

Der Einsatz des Militärs in den Gefängnissen hat zumindest in dieser Hinsicht nichts gebracht. Auch nicht die Restriktionen für BesucherInnen. Einsitzende Mara-Mitglieder dürfen nur noch nahe Verwandte zu eingeschränkten Besuchszeiten empfangen. Diese werden am Gefängnistor penibel untersucht, bis in die intimsten Körperöffnungen hinein. Erst neulich wurde einem über Achtzigjährigen ein zwanzig Zentimeter langes Rohr aus dem Enddarm gezogen. Er wollte seinen Enkel und dessen Kumpel mit einer Lieferung Haschisch versorgen. «Lasst euch das nicht gefallen», steht auf einer trotzdem herausgeschmuggelten Botschaft. «Schickt eure Familien zum Demonstrieren vor die Knäste und geht zu den bekannten Menschenrechtsanwälten.» Es folgen ein paar Namen. Früher wäre da sicher auch der Name des heutigen Sicherheitsministers Henry Campos erwähnt worden.

Vereinte Todfeinde

Heute ist es endgültig vorbei mit der Outlawromantik, mit Marihuana und billigem Schnaps bei Kerzenschein. Für die Gangmitglieder draussen sind Alkohol und Drogen nur noch an ihrem wöchentlichen freien Tag erlaubt. Heutige Mara-Chefs sind knallhart kalkulierende Unternehmer. Man könne sie nicht mehr erkennen, sagt Kripochef Cotto. «Die wohnen zum Teil in grossen Häusern, haben ihr eigenes Geschäft und schicken ihre Kinder auf teure Privatschulen.» Nach Polizeierkenntnissen scheinen Maras besonders gerne in Transportunternehmen zu investieren, aber auch in Discos, Restaurants und Läden.

Gegen diese Mafias soll nun das neue Anti-Mara-Gesetz helfen. Sicherheitsminister Campos liess sich vom Massaker in Mejicanos nicht einschüchtern. Das Gesetz trat im vergangenen September in Kraft. Eine Woche später schlossen sich die einstigen Todfeinde MS und B-18 zusammen und riefen gemeinsam einen dreitägigen Transportstreik aus. Die Aktion wurde in den Gefängnissen koordiniert. Draussen riefen die Cliquen mit einem Flugblatt die Busunternehmer auf, an diesen Tagen zu Hause zu bleiben. Mit durchschlagendem Erfolg. Das Attentat von Mejicanos war den Transportfirmen eine Warnung. Die Busse blieben in der Garage. Allein der Handel verlor an diesen drei Tagen vierzig Millionen US-Dollar. So hatte zuletzt während des Bürgerkriegs die heute regierende FMLN-Guerilla den Staat herausgefordert.

Und Campos zieht noch einen anderen Vergleich zum Bürgerkrieg: «Die FMLN hatte zu ihren besten Zeiten 8000 bewaffnete Männer und Frauen», sagt er. «Die Maras haben heute mehr als doppelt so viele. Und sie haben bessere Waffen als die Guerilla.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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