Nr. 23/2016 vom 09.06.2016

Kriegsbemalung gegen Krawatte getauscht

Der Metalmusiker Freddy Lim wurde zur Identifikationsfigur der Protestbewegung in Taiwan. Nun wurde er selbst ins Parlament gewählt. Eine Begegnung auf Durchreise.

Von David Hunziker

Demnächst will er Songs über die Mühen der Realpolitik schreiben: Rockstar und Politiker Harry Lim (Mitte), umgeben von Mitgliedern seiner Band Chthonic.

Freddy Lim steht in Kriegsbemalung auf der Bühne des Konzertlokals Schüür in Luzern und schreit sich die Seele aus dem Leib. So erlebte man den Sänger der Metalband Chthonic, der in seiner Heimat Taiwan längst ein Star ist, bei seinem letzten Besuch in der Schweiz. Nun, im Büro der WOZ, trägt er die Haare ordentlich zurückgebunden, ist schlicht gekleidet und spricht mit sanfter Stimme über seinen neuen Job: Im Januar wurde Lim als Anführer einer neu gegründeten Oppositionspartei ins taiwanesische Parlament gewählt.

Gerade kommt er von einer Versammlung der Weltgesundheitsorganisation in Genf, wo er als Teil der taiwanesischen Delegation für mehr internationale Anerkennung für das diplomatisch nahezu isolierte Land geworben hat. «Diese Politiker machen mich wütend», sagt Lim über sein neues Arbeitsumfeld, an das er sich nun gewöhnen muss. Er wolle demnächst ein paar Songs über die Mühen der Realpolitik schreiben.

Erinnerung an das Massaker

Metalhead ist Lim schon seit seiner Jugend. Zuerst hörte er nur zu, vor allem Slayer und Metallica, bald griff er selber ins Geschehen ein. Mit neunzehn Jahren gründete er in Taipeh zusammen mit Schulfreunden die Band Chthonic, die mittlerweile zu den erfolgreichsten Metalbands Asiens gehört.

«Unsere Musik ist stark von der taiwanesischen Kultur geprägt», erklärt sich Lim den Erfolg. Neben traditionellen Melodien und Instrumenten zeigt sich dieser Einfluss vor allem in den Songtexten, die immer wieder kontroverse Aspekte der taiwanesischen Geschichte thematisieren. Damit stellt die Band ein kulturelles Angebot für eine nationale Identität zur Verfügung, das vor allem bei jungen TaiwanesInnen auf fruchtbaren Boden fällt, die über die Band die Geschichten ihrer Grosseltern neu entdecken.

Die Texte von Chthonic richten sich vor allem gegen die Weltanschauung und die politischen Ziele der Kuomintang (KMT). Die Partei herrschte von 1912 bis 1949 auf dem chinesischen Festland, bevor sie im Zuge des chinesischen Bürgerkriegs von den KommunistInnen vertrieben wurde. Auf Taiwan errichteten die geflüchteten Kader der Partei um Chiang Kai-shek eine Einparteiendiktatur, die bis Anfang der neunziger Jahre Bestand hatte. Seit der demokratischen Öffnung Taiwans will die KMT aus wirtschaftlichen Gründen eine erneute Annäherung an die Volksrepublik. Der vierzigjährige Lim versteht sich als Stimme einer Generation, die damit nichts zu tun haben will.

Bei Chthonic kommt diese Haltung in einer teilweise drastischen politischen Symbolik zum Ausdruck. Im Video zum ausnahmsweise auf Englisch gesungenen Song «Supreme Pain for the Tyrant» hängt das Banner der KMT neben demjenigen der NSDAP. Um Industrie und Militär in China zu modernisieren, liess sich die KMT in den dreissiger Jahren von den Nazis beraten. Zu sinfonischem, aggressivem Sound ist eine dekadente Party von Parteikadern zu sehen. Die Bandmitglieder von Chthonic spielen eine Horde von Killern, die sich als Bedienstete tarnen, bevor sie die Party mit einem Gemetzel beenden.

Das Video wurde in einem geschichtsträchtigen Gebäude gedreht. Aus dem ehemaligen Sitz der Verwaltung in der taiwanesischen Millionenstadt Kaohsiung wurden am 28. Februar 1947 die ersten Schüsse auf ZivilistInnen abgefeuert, die gegen die Herrschaft der KMT protestierten. Bei der Niederschlagung des Aufstands wurden Tausende ermordet. In zahlreichen Stücken verweist die Band auf das Massaker.

Der Aufstand trägt Metal

Lims Aufstieg zum Politiker geht auf die «Sonnenblumenbewegung» von 2014 zurück. Damals besetzten etwa 400 Studierende während 24 Tagen das taiwanesische Parlament, um gegen die Annäherung an China in Form eines Dienstleistungsabkommens zu protestieren. «Viele Besetzer trugen Chthonic-Shirts und kontaktierten mich über soziale Netzwerke. Auf Wunsch der Besetzer hielt ich dann einige Reden», erzählt Lim. Die BesetzerInnen sahen in ihm wegen seiner Songtexte einen Verbündeten.

Ein Jahr später gründete er zusammen mit anderen MenschenrechtsaktivistInnen die New Power Party (NPP), für die er nun als einer von fünf Abgeordneten im 113-köpfigen Parlament sitzt. Bei der Wahl vom vergangenen Januar wurde die KMT erstmals von der ebenfalls zur Unabhängigkeitsbewegung zählenden Demokratischen Fortschrittspartei an der Macht abgelöst. Von der neuen Präsidentin Tsai Ing-wen wird ein Umschwung in der Politik gegenüber China erwartet.

Bisher hat sich die NPP vor allem darum bemüht, die taiwanesische Politik transparenter zu machen, indem sie etwa Sitzungen des Parlaments live ins Internet übertragen hat. «Das hat den konservativen Politikern gar nicht gefallen», sagt Lim mit schelmischem Grinsen.

Politisch ist die NPP im linksliberalen Spektrum anzusiedeln. Im Gespräch nennt Lim die Zulassung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Stärkung der Demokratie und der Menschenrechte, den Ausstieg aus der Atomenergie, die Verbesserung der Situation von ArbeitsmigrantInnen sowie höhere Löhne und Renten als wichtigste politische Ziele seiner Partei.

Der Konzertkalender von Chthonic bleibt vorerst leer. Lim betont aber, dass er nach einer Amtszeit am liebsten wieder aufhören wolle. «Als Metalhead bin ich viel Freiheit gewohnt, jetzt wird mein Terminkalender vom Parlamentsbetrieb bestimmt.»

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