Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Im Schlamm der Selbstdisziplin

Von Bettina Dyttrich

Als Teenager verachtete ich die Gleichaltrigen, die mit Sack und Pack und Gummistiefeln ins Sittertobel zogen. Ich war ein Untergrundfundi; die Bands, die mich interessierten, füllten höchstens die Aktionshalle der Roten Fabrik. Ausser Nirvana, aber die waren schon tot. Ja, ich war ziemlich arrogant damals. Und jetzt, zwanzig Jahre später, spielt meine Lieblingsband am Open Air St. Gallen. Ich muss also da hinunter. Zum zweiten Mal in meinem Leben.

Was mich am meisten beeindruckt, ist nicht der überbordende Kommerz, sondern die Disziplin. Open Airs werden ja im Allgemeinen mit dem Gegenteil in Verbindung gebracht: mit Ausschweifung. Besonders hier, wo man sich jedes Jahr so schön mit Schlamm vollschmieren kann. Aber was man hier übt, ist Disziplin: warten für den Bändel, warten am Eingang, am Ausgang, eingezwängt zwischen Gittern, angewiesen von Menschen mit orangen Westen, auf denen «Crowd Control» steht. Die Leute lassen es über sich ergehen wie Schafe, auch wenn der Zweck der Anweisungen nicht immer klar ist. Und natürlich hat diese Selbstdisziplinierung auch ihr Gutes, natürlich ist es angenehmer, als wenn alle nach Herzenslust drängeln würden. Grossveranstaltungen wie diese wären gar nicht möglich.

Radiohead haben ihr Programm kein bisschen dem Festivalkontext angepasst. Sie spielen ein paar stadiontaugliche Hits wie «Lucky», aber auch viel Verhaltenes, Obskures. Das klingt manchmal, als hätte sich ein Ensemble von Musikstudenten im Ort geirrt. Grossartig, aber kommt bei den Teenies vor mir, die überlegen, ob «Radio Gaga» ein Radiohead-Song sei, nicht gerade gut an. «Der Sänger ist aber schräg. Sieht aus wie ein Drögeler, irgendwie.» Das hat was, Thom Yorke wirkt tatsächlich leicht verlaust, seit er die Haare wachsen lässt. Und er tanzt wie ein bekiffter Springteufel zu «Idioteque», dem Stück aus der Zeit, als er genug vom Stadionrock hatte und begann, seine Stimme mit harten Beats zu unterlegen. Es ist wild und laut und wunderschön.

Aber «Crowd Control». Der Begriff verfolgt mich. Thom Yorke singt davon.

Fun Fact für Teenies: «Radio Gaga» ist ein Queen-Song vom Album «Works» aus dem Jahr 1984.

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