Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

Rhetorisch abrüsten!

Erschütterndes Weltbild, grosses Echo: Was das WOZ-Interview mit einem Hassbürger über das Klima im Netz sagt. Und was wir dagegen tun können.

Von Ingrid Brodnig

Es gibt Texte, die rütteln einen wach; die zeigen, wie ernst ein gesellschaftliches Problem ist. Das WOZ-Interview mit einem Hassredner ist ein solcher Fall (siehe WOZ Nr. 27/16): Auf beeindruckende Weise wurde hier das Weltbild eines sexistischen und rassistischen Internetnutzers anschaulich gemacht – die Widersprüche, in denen er sich verheddert, aber auch die Wut, die er gegenüber Frauen und Flüchtlingen in sich trägt. «Wenn ein Schiff mit Migranten im Mittelmeer versinkt, dann finde ich das eine gute Nachricht», sagt er. Dieses Interview ist erschütternd, sogar bei uns in Österreich wurde es auf Facebook leidenschaftlich geteilt und kommentiert.

Der Text kam genau zur richtigen Zeit. In etlichen Ländern wird aktuell über die harte digitale Debatte diskutiert, in der zu oft die Rüpel den Ton angeben. In der Schweiz sorgte es für Empörung, als der SVP-Politiker Andreas Glarner voller Häme über zwei Frauen postete. In Österreich sprachen namhafte Journalistinnen die Vergewaltigungsdrohungen und Beleidigungen an, die sie online erhalten. Daraufhin erklärten sich auf der Onlineplattform aufstehn.at 14 000 BürgerInnen mit ihnen solidarisch.

Das Internet ist natürlich nicht die Ursache für Rassismus oder Frauenhass. Dass Menschen zum Beispiel der sogenannten «Eigengruppe» einen höheren Stellenwert geben als der «Fremdgruppe» und in einem ausgeprägten «Wir-Gefühl» rassistisch gegenüber anderen sind, kennen wir nicht erst seit der Erfindung von Facebook oder des Computers. Wohl aber können wir beobachten, dass einzelne Faktoren des Internets die dunkelsten Seiten der Menschheit sichtbar machen und die Digitalisierung die Fragmentierung der Gesellschaft mit antreibt.

Unsichtbar im Netz

So tun sich Menschen leichter, Beleidigungen und Drohungen auszusprechen, wenn sie dem Diskussionspartner nicht in die Augen sehen müssen, wie eine Studie der israelischen Forscher Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak zeigte. Gerade nonverbale Signale wie der Augenkontakt haben eine empathiefördernde Wirkung. Online tauschen wir uns jedoch meist schriftlich aus, ExpertInnen nennen das die «Unsichtbarkeit» im Internet. Diese gefühlte Unsichtbarkeit macht es auch einfacher, online das Ertrinken von Flüchtlingen im Mittelmeer gutzuheissen – man muss dabei nicht der Mutter eines Ertrunkenen ins Gesicht sehen.

In vielen Ländern sind BürgerInnen nun zu Recht beunruhigt über das Klima im Netz. Doch wir sind den Rüpeln und Provokateurinnen nicht hilflos ausgeliefert. Zum einen gelten Gesetze, die in unserer Gesellschaft eine rote Linie ziehen, auch im Internet. Die Schweizer Rassismusstrafnorm verbietet zum Beispiel den Aufruf zu Hass, Diskriminierung oder Gewalt gegen Minderheiten. Gleichzeitig schützen Gesetze auch Einzelne vor unlauteren Attacken. Ein Beispiel aus meiner Heimat: Über die Chefin der österreichischen Grünen wurden gefälschte Zitate auf Facebook verbreitet, die sie in ein schlechtes Licht rückten. Die Grünen haben jene Internetnutzer angezeigt, die besonders aktiv bei der Verbreitung dieser Falschmeldungen waren – und sie erhielten bisher in jedem Fall recht. Denn es ist nicht in Ordnung, jemanden mit Lügen zur geächteten Person zu machen.

Zornige Zeiten

Zweitens brauchen wir digitale Diskussionsräume, in denen respektvoll miteinander diskutiert wird. Beleidigungen sind toxisch: Wenn unter einem Artikel Postings mit Schimpfwörtern stehen, denken Menschen polarisierter über das Thema. Dieser «fiese Effekt» wurde von WissenschaftlerInnen der University of Wisconsin gemessen. Denn es ist fies, mit Aggression und ohne Argumente Debatten zur Entgleisung zu bringen.

Jede und jeder Einzelne kann etwas für ein sachliches Diskussionsklima tun. Wer zum Beispiel auf seinem Facebook-Profil mit Freundinnen und Bekannten über Politik diskutiert, kann bei erhitzten Situationen schreiben: «Ich bitte darum, auf Schimpfwörter zu verzichten – ich glaube, wir brauchen rhetorische Abrüstung.» Wenn unfaire Diskussionsstile nicht geduldet werden, haben es die Rüpel und Provokateure schwerer. Wir leben leider in zornigen Zeiten, wie auch das Interview in der WOZ beeindruckend vorgeführt hat. Das Wichtigste ist, sich von diesem Zorn nicht anstecken zu lassen.

Ingrid Brodnig ist Medienredaktorin des österreichischen Nachrichtenmagazins «Profil». Kürzlich erschien ihr Buch «Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können» im Brandstätter-Verlag. www.brodnig.org

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