Nr. 32/2016 vom 11.08.2016

Die Farben beim Wort nehmen

In Simbabwe findet die Bevölkerung wieder den Mut, gegen die Regierung auf die Strasse zu gehen. Ein Internetphänomen spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Von Raphael AlbisserMail an Autor:in

Als die simbabwische Cricketnationalmannschaft am 6. August in Bulawayo zu ihrem 36. Wurf gegen das Team aus Neuseeland antrat, erhoben sich die Fans von ihren Sitzen, um die Nationalhymne anzustimmen. Sie taten dies nicht, um die 36 Amtsjahre von Präsident Robert Mugabe zu feiern, sondern aus Protest gegen seine Regierung. Denn zur Schau gestellter Patriotismus gilt in Simbabwe dieser Tage als subversiver Akt.

Seit der Unabhängigkeit ist Robert Mugabe noch immer der Einzige, der Simbabwe je als Staatschef vorstand. Auch mit 92 Jahren weigert er sich, die Macht abzugeben. Er sieht sich als Präsident auf Lebenszeit. Seit Monaten wird aber deutlich, dass ein grosser Teil der Bevölkerung seinen Tod nicht abwarten will. Sie leidet unter einem massiven wirtschaftlichen Einbruch, Arbeitslosigkeit, Bargeldmangel sowie unter den Folgen einer anhaltenden extremen Dürre. So geht gegenwärtig die grösste Protestwelle seit langem durchs Land, und sie ist eng verknüpft mit einem Twitter-Hashtag, der Mitte April ins Leben gerufen wurde.

Damals teilte Evan Mawarire, 39-jähriger Pfarrer einer Pfingstgemeinde in der Hauptstadt Harare, ein Video auf Facebook. Darin hält er eine rund vierminütige Rede. Um den Hals trägt er dabei die simbabwische Landesflagge, die er durch die Finger gleiten lässt, als er beginnt: «Diese Flagge. Diese wunderschöne Flagge.» Mit wehmütiger Stimme erläutert er die offizielle Symbolik der Farben, die darauf zu finden sind: Grün für die fruchtbare Vegetation, Gelb für die Bodenschätze, Rot für das Blut der FreiheitskämpferInnen, Schwarz für die Bevölkerung. Und dann beklagt er, wie weit Simbabwe heute von den glorreichen Verheissungen dieser Flagge entfernt ist.

Zwar kommen im Video keine konkreten Forderungen vor. Er habe es spontan aufgenommen, als er sich an einem besonders verzweifelten Tag gefragt habe, wie er die Schulrechnungen seiner beiden Töchter bezahlen solle, sagte Mawarire später.

Viel mehr als ein «Pfarrersfurz»

Doch mit seinem Ausdruck der Enttäuschung und Entfremdung traf er einen Nerv: Das Video wurde über 100 000 Mal angeklickt. Unter dem Hashtag #ThisFlag antworteten bald zahlreiche SimbabwerInnen mit eigenen Videonachrichten, in denen sie die erstickenden Zustände in ihrem Land beklagten. Meist mit einer Landesflagge um den Hals, richteten sie sich gegen Misswirtschaft, Korruption, mangelnde Perspektiven und inkompetente politische Führung – und damit direkt gegen Mugabe und seine Regierungspartei ZANU-PF.

Anfänglich nannte deren Minister für höhere Bildung, Jonathan Moyo, den Onlineaufruhr via Twitter einen «Pfarrersfurz». Doch immer mehr zivilgesellschaftliche Gruppierungen stellten sich hinter die Bewegung. Und der Unmut wuchs zusätzlich: Anfang Mai kündigte die Regierung an, Schuldscheine drucken zu lassen, um den Bargeldmangel im Land zu kompensieren. Die Angst ist gross, dass damit eine neue Hyperinflation beginnt, nachdem die letzte 2009 durch das Ausweichen auf stabile Fremdwährungen eingedämmt werden konnte. Später wurde bekannt, dass den Staatsangestellten die Löhne nicht mehr fristgerecht ausbezahlt wurden.

Vom Internet auf die Strasse

Anfang Juli demonstrierten die SimbabwerInnen in mehreren Städten gegen die Regierung. Die Polizei trieb sie teils gewaltsam auseinander, Dutzende wurden verhaftet. Auch Pfarrer Mawarire mobilisierte sein gewachsenes Netz: Zusammen mit weiteren OrganisatorInnen rief er die Menschen zu einem gewaltfreien Streiktag auf – weitere würden folgen, sollte die Regierung die Proteste ignorieren. Diese wollte den charismatischen Pfarrer nun nicht länger gewähren lassen. Mawarire wurde verhaftet und am 13. Juli wegen «versuchten Umsturzes der Regierung» angeklagt. Zwar kam er wegen eines Verfahrensfehlers noch am selben Tag frei, doch floh er kurz darauf nach Südafrika. Zu aggressiv wurde ihm von offizieller Seite gedroht.

Seinem Einfluss tut die Flucht aber kaum einen Abbruch: Im Exil gibt Mawarire Fernsehinterviews, animiert die simbabwische Diaspora, sich zu engagieren, hält Reden an Universitäten. All dies mit mitreissender Eloquenz: Weiterhin werden seine Bild- und Tonaufnahmen rege verbreitet, stets mit #ThisFlag-Verweis. Und weiterhin gehört es zu den Protestbildern, dass Protestierende eine Landesflagge um den Hals tragen. So auch am 3. August, als in Harare erneut Hunderte gegen die Einführung der Schuldscheine demonstrierten und gleichzeitig arbeitslose StudienabgängerInnen lautstark die leeren Jobversprechen der ZANU-PF anprangerten.

Derweil werden Risse im simbabwischen Machtapparat sichtbar. Bereits scheinen sich Teile der Elite auf ein Ende der Ära Mugabe vorzubereiten. Prominente Vertreter der über Jahre privilegierten Kriegsveteranen haben sich öffentlich gegen die Regierung gestellt. Das Potenzial der #ThisFlag-Bewegung besteht aber darin, dass sie fernab von parteipolitischen Verstrickungen stattfindet. Ihr subversiver Gebrauch patriotischer Symbole beruft sich auf die Versprechungen der Unabhängigkeit von 1980. Die Forderung, diese endlich einzulösen, dürfte sich dereinst auch an jene wenden, die auf Robert Mugabe folgen.

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