Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Die einsame brillante Erzählerin

Von Silvia Süess

Bereits ihre erste Hochzeit mit siebzehn Jahren machte ihre Eltern wütend. Dass ihr Ehemann sie nur kurze Zeit später mit einem Kleinkind sitzen liess, brachte dann das Fass zum Überlaufen: Ihre Mutter schnitt sich die Pulsadern auf und hinterliess einen Abschiedsbrief, in dem stand, ihre Tochter habe ihr das Leben ruiniert. Unterschrieben war er mit «Bloody Mary».

Dass die Tochter bereits mit dem zweiten Kind schwanger war, wusste sie da noch nicht. Vier Söhne sollte die unartige Tochter schliesslich bekommen, die sie, nach drei gescheiterten Ehen, allein grosszog. Sie schlug sich mit Gelegenheitsjobs als Putzfrau, Lehrerin und Krankenpflegerin durch und veröffentlichte daneben brillante Kurzgeschichten. Diese spielen in Waschsalons, Spirituosengeschäften, Schulen, Drugstores und Spitälern in US-Kleinstädten – und erzählen auch stets aus dem Leben der Autorin.

Geboren wurde diese 1936 in Alaska als Tochter eines Bergbauingenieurs. Als dieser während des Zweiten Weltkriegs bei der Marine diente, zog sie mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter und ihrer kleinen Schwester zu den Grosseltern ins texanische El Paso. Ihr Grossvater, ein verarmter, einst gut angesehener Zahnarzt, vergriff sich im Suff regelmässig an seiner Enkelin, während die Grossmutter daneben betrunken in der Bibel las.

Das Mädchen beschloss, eine Zeit lang nicht mehr zu reden, wurde, weil es angeblich eine Nonne geschlagen hatte, von der katholischen Schule geschmissen. Schliesslich zog die Familie nach Santiago de Chile, wo der Vater für eine Bergbaufirma und die CIA arbeitete. Hier wuchs die Tochter als verwöhntes Oberschichtkind auf. Eine Lehrerin nahm sie mit in die Slums, in der Hoffnung, ihr beibringen zu können, «gut zu sein». Als ihr Vater fragte, wie die Lehrerin sei, antwortete das Mädchen: «Ganz okay. Sie ist Kommunistin.» Es sah die Lehrerin nie wieder. Dieser Verrat tat ihr ein Leben lang leid: «Es war niemand da, mit dem ich hätte reden können», schreibt die Autorin in einer ihrer Kurzgeschichten. Diese Einsamkeit begleitete sie bis zu ihrem Tod 2004.

Wer war diese Frau, die mit zehn Jahren an Skoliose erkrankt war, weswegen sie ein Korsett tragen musste, die messerscharf mit Worten umzugehen wusste und die nie so werden wollte wie ihre Mutter, nämlich «kritisch und gemein», und trotzdem wie ihre Mutter jahrelang Alkoholikerin war?

Wir fragten nach der Autorin Lucia Berlin. Ihre brillanten Kurzgeschichten sind diesen Frühling auf Deutsch unter dem Titel «Was ich sonst noch verpasst habe» im Arche-Verlag erschienen.

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