Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Wenn Frau Weber furchtbar leidet

Von Silvia Süess

So ein Sommer ist ja etwas Furchtbares. Nicht genug, dass man eine unsägliche Hitze über sich ergehen lassen muss, nein, viel schlimmer noch: Man muss die entblössten Körper anderer Frauen ertragen. Und erst noch Körper, die nicht annähernd so knackig sind wie jener von Heidi Klum. Deswegen ist Bettina Weber, Stilexpertin und Leiterin des Ressorts Gesellschaft der «SonntagsZeitung», bestimmt auch froh, dass der Sommer nun endlich zu Ende geht. Sie musste wirklich leiden. Da gab es doch tatsächlich Frauen, die sich wagten, Miniröcke zu tragen trotz Cellulitis oder Trägershirts trotz schwabbeliger Oberarme. Und dies, obwohl Frau Weber ihre Leserinnen immer wieder über die Gefahren und Tücken der Mode informiert.

Unter anderem in einem Artikel von Mitte Juli, in dem sie ihre Leserinnen davor warnt, die Sommerkleider aus dem Schrank zu holen, denn: «Der Sommer birgt Gefahren, auch textiler Natur. Transparente Blusen sind gnadenlos. Sie zeichnen ab. Und tragen auf. Im Sinne von: Ihre Speckrollen um die Hüfte, der BH, der einschneidet und dafür sorgt, dass die Haut Wülste wirft.» Und die Autorin kommt zum Schluss: «Der Effekt ist dramatisch.»

Frau Weber kann sich glücklich schätzen. Nicht nur wettertechnisch kommen bessere Zeiten auf sie zu, auch aus der Modewelt erreichten sie gute Nachrichten, wie sie uns jubilierend im «Tages-Anzeiger» wissen lässt: Der Stretch ist endlich wieder out. Zum Glück, denn: «Bei genauerem Hinsehen war er fies. Zwar gutmütig, aber eben auch gnadenlos, weil er den meisten Frauenfiguren keinen Gefallen tat.»

Gespannt warten wir darauf, dass uns Frau Weber den Tschador empfiehlt, würde der doch all die unvorteilhaften Körperstellen grossartig kaschieren. Erstaunlicherweise gratulierte sie jedoch dem Tessin zum Burkaverbot: Denn dank des Verbots merkten diese Frauen, die ihren Gesichtsschleier abnehmen müssen, «wie es ist, als Mensch wahrgenommen zu werden und nicht als gesichtsloses Wesen. Wie es ist, als Persönlichkeit erkennbar zu sein und nicht nur als anonyme Statistin der Grossgattung Frau.» Nur, Frau Weber: Zu einer Persönlichkeit gehören nun mal auch Falten, Speckröllchen und Wülste.

Die Idealvertreterin der Grossgattung Frau trägt gemäss Frau Weber keine Foulards.

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